Der Ausdruck "dieses Spiel dürfen sie niemals verlieren" wird in der NFL Woche für Woche so häufig genutzt, dass es fast schon eine Floskel ist. Und wir sehen jede Woche in der NFL Spiele, in denen ein, zwei kritische Fehler den Unterschied machen, Upsets ermöglichen, oder auch schlichtweg der Tie-Breaker zwischen zwei Teams auf Augenhöhe sind. Das Spiel zwischen den Seahawks und den Bucs am Sonntag wäre ein gutes Beispiel dafür.
Das, was am Sonntag in Arizona passiert ist, wird dieser Phrase nicht ansatzweise gerecht. Und gleichzeitig trifft "dieses Spiel dürfen sie niemals verlieren" selten so zu, wie bei dieser Cardinals-Niederlage gegen die bis dato sieglosen Titans.
Cardinals leisten sich absurde Fumble
Drei Fumbles leistete sich Arizona in der zweiten Hälfte gegen die Titans, einer verrückter als der andere. Zunächst snappte der Center den Ball gegen den Kopf von Kyler Murray, während der noch in Kommunikation mit seinem Guard war. In Field-Goal-Range sicherten sich die Titans an der eigenen 24-Yard-Line den Ball.
Zwei Drives später gelang Emari Demercado die vermeintliche Vorentscheidung, ein 72-Yard-Touchdown-Run der früh im vierten Viertel auf 28:6 für Arizona gestellt hätte. Doch Demercado ließ den Ball vor der Goal Line fallen - Touchback statt Touchdown.
Und es war nicht einmal der absurdeste Fumble: Denn kurz vor Schluss drückten die Titans schließlich offensiv, doch bei 3rd&2 gut viereinhalb Minuten vor dem Ende sicherten sich die Cardinals kurz vor der eigenen Goal Line die Interception, die ebenfalls den Deckel auf diese Partie gemacht hätte. Jedoch machte Safety Dadrion Taylor-Demerson gerade genug Schritte, um den Catch zu sichern, verlor dann bei der Landung aber die Ballkontrolle. Der Ball rollte in die Endzone, wo ihn die Titans zum Touchdown sichern konnten.
Cardinals weiter auf der Suche nach der Identität
Drei der wildesten Fumbles in einer Partie, die wohl absurdeste Niederlage überhaupt in der bisherigen Saison war. Doch so verrückt dieses Spiel auch war, es hatte gleichzeitig auch nur allzu vertraute Muster für Arizona. Wieder sah das Passing Game gut aus, wieder ging man überhastet davon weg. Wieder versuchte man in einen Verwaltungsmodus zu schalten, nur um zu merken, dass das Run Game zu schlecht dafür ist, sodass der Gegner im Spiel blieb. Wieder leistete man sich Fehler und hielt den Fuß nicht auf dem Gaspedal.
Arizona steht nach fünf Wochen 2-3. Ein über vier Viertel überzeugendes Spiel hatten sie bisher nicht. Viel mehr aber noch steht die Franchise inmitten des dritten Jahres des Rebuilds. Das ist ein Punkt, an dem eine klare Identität, eine Handschrift, klare Punkte, für die der Head Coach und sein Team stehen, erkennbar sein müssten. Hier müsste man greifbare Fortschritte erkennen können, nicht nur im Talentlevel des Teams, sondern auch darin, was mit der schrittweise verbesserten Spielerqualität gemacht wird.
Doch das ist in Arizona so gar nicht der Fall.
Die Rebuild-Timeline in der NFL
Rebuilds in der NFL werden gerne an einer bestimmten Timeline gemessen, und die geht in etwa so: Im ersten Jahr kommt die Abrissbirne. Ältere Veterans, die noch Trade-Value haben, aber nicht mehr zur Timeline der Kader-Pläne passen, werden abgegeben. Im Draft wird versucht, durch Trades nach unten zusätzliche Munition im Folgejahr anzusammeln.
Es ist ein gezieltes Übergangsjahr, in dem dann während der tatsächlichen Saison möglichst viele junge Spieler die Chance bekommen, sich zu beweisen. Ergebnisse sind hier noch zweitrangig.
In Jahr zwei sollte ein deutlicher Fortschritt sichtbar sein. Die ersten jungen Spieler haben sich etabliert, vereinzelte Baustellen werden zumindest übergangsweise mit Veterans verstärkt, das Team wird kompetitiver und landet idealerweise irgendwo zwischen sieben und neun Siegen. Diese ersten beiden Schritte gelangen in Arizona über die letzten beiden Jahre.
Jahr der ist in dieser Timeline das Jahr, an dem ein Rebuild sein erstes sehr reales Zeugnis erhält. Jetzt sollten mehrere der - idealerweise überdurchschnittlich vielen hohen - Draft Picks eingeschlagen haben, die Offseason wird dazu genutzt, nicht nur Veteran-Übergangslösungen, sondern Difference Maker zu finden. Einfach "nur" kompetitiv und ein unangenehmer Gegner zu sein, reicht nicht mehr. Jetzt sollte der Sprung Richtung zehn Siege und idealerweise Richtung Playoffs gelingen.
Das ist ein sehr grober Umriss, eine Art Schablone, die natürlich individuell an einzelne Teams angepasst werden muss. Auch bei größeren Rebuilds hat nicht jeder die gleiche Timeline oder die gleiche Startposition.
Einen essenziellen Punkt habe ich hier auch deshalb noch nicht erwähnt: Der Quarterback. Und hier gibt es drei Szenarien: Man arbeitet sich durch die ersten ein bis zwei Jahre des Rebuilds mit einer klar definierten Übergangslösung - Justin Fields bei den Jets könnte so ein Kandidat sein - und versucht, währenddessen den Nachfolger mit einem der hohen Picks zu draften. Oder aber man hat gleich zu Beginn einen sehr hohen Pick, mit dem man seinen Quarterback der Zukunft auswählt. Im besten Fall bekommt man hier eine Situation wie die Commanders mit Jayden Daniels.
Der dritte Weg ist der vielleicht stabilste: Man hat einen Quarterback, der gut genug ist, dass man mit ihm nicht nur kompetitiv werden, sondern auch im nächsten Schritt ein schlagkräftiges Playoff-Team aufstellen kann. Die Lions mit Jared Goff sind das ideale Beispiel dafür: Goff kam im Zuge des Matt-Stafford-Trades, ein Trade, der Detroit mehrere hohe Picks als Starthilfe für den Rebuild gab. Goff schien hier eher wie ein kleinerer Teil des gesamten Deals, in puncto Relevanz klar hinter den Picks. Doch er hat gezeigt, dass er in Detroit nicht nur Teil des Übergangs, sondern auch Teil des nächsten Kapitels sein kann.
Kyler Murray ein "Top-Level Franchise Quarterback"?
In Arizona ist man davon überzeugt, dass man einen solchen Quarterback ebenfalls hat. Als Head Coach Jonathan Gannon auf seiner Saison-Abschluss-Pressekonferenz im Januar auf Murray angesprochen wurde, nannte er Murray einen "Top-Level Franchise Quarterback". Hier kann man sicher diskutieren, klar ist aber: Murray ist nicht das Problem in dieser Saison.
Gannon verriet damals weiter, dass er mit Murray in ihrem Vier-Augen-Gespräch nach der Saison sehr viel mehr besprach als es bei ihm normalerweise der Fall wäre. Und während Murray noch an den verpassten Gelegenheiten der Saison zu knabbern hatte, stellte Gannon ihm eine simple Frage: Was haben alle Playoff-Quarterbacks gemeinsam? Er hörte sich Murrays Antwort an, unterbrach ihn dann aber mit einer klaren Message: "Es sind gute Teams. Das ist die Antwort. Gute Quarterbacks sind in guten Teams."
Arizona hatte eine Top-10-Offense, auch wenn es im reinen Dropback Passing Game noch klare Defizite gab. Gannons Aussage lässt sich sehr leicht auf der anderen Seite des Balls einordnen, wenn man die weitere Offseason rekapituliert: Vier der fünf teuersten Verträge, die Arizona in dieser Offseason rausgegeben hat, gingen in die Defense. Die ersten fünf Picks im Draft gingen in die Defense.
Diese Seite des Balls auf ein signifikant kompetitiveres Level zu heben, war der richtige Ansatz für diese Offseason. Und die Idee war klar: Wenn die Defense ins Mittelfeld, vielleicht sogar ins obere Liga-Drittel klettern kann, während die Offense ihr Niveau hält - dann gelingt dieser Rebuild-Timeline-ideale Sprung in die Playoffs in Jahr drei.
Die Offense bleibt hinter den Erwartungen
Nun ging die Hälfte dieses Plans sogar auf. Die Defensive Line ist signifikant verbessert, die Defense insgesamt zeigt klare Fortschritte. Es ist die Offense, die kränkelt: Die Guards wackeln, die Receiver-Qualität insbesondere hinter Marvin Harrison, der selbst einen mehr als holprigen Saisonstart hatte, ist nicht gut. Es fehlt an Explosivität und es fehlt an Durchschlagskraft im Run Game.
Das "gute Team", das Gannon nach der vergangenen Saison angesprochen hatte, hat Murray derzeit offensiv nur sehr bedingt an seiner Seite. Und dabei spielt Murray selbst sogar eine gute Saison, es fehlt jedoch an allen Ecken und Enden um ihn herum.
Dabei wäre es ehrlicherweise fast leichter, wenn Murray schlichtweg schlecht spielen würde, während um ihn herum ein stabiles Gerüst entstanden wäre. Dann wäre es eine klare Schlussfolgerung: Dieses Regime hat gute Arbeit geleistet und sollte die Chance bekommen, "seinen" Quarterback auszuwählen. Es gäbe den einen Punkt, den man offensichtlich reparieren muss, während das Gerüst stabil steht.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Murray spielt eine gute Saison, während um ihn herum wenig funktioniert. Und insbesondere das Coaching enttäuscht. Wo im dritten Jahr Antworten gefunden werden müssten, fehlt gänzlich der Support von der Sideline. Offensive Coordinator Drew Petzing findet nach dem Abgang von O-Line-Coach und Run Game Coordinator Klayton Adams keine Antworten im Run Game. Das macht so richtig deutlich, wie dünn seine Ideen im Dropback Passing Game sind.
Arizona steht nach fünf Spielen bei einer Rushing Success Rate von 29,7 Prozent und ist damit auf Platz 32. Letztes Jahr hatten die Cardinals mit einer Rushing Success Rate von 42,6 Prozent sowohl nach Success Rate als auch nach Expected Points Added pro Run eine Top-10-Offense.
Keine Argumente für Petzing und Gannon
Der Part ist weg gebrochen, gleichzeitig weigert sich Petzing, das Passing Game mehr in den Fokus zu rücken. Der einzige Teil seiner Offense, der funktioniert. Das ist schlichtweg schlechtes Coaching.
Gannons In-Game-Management und Time-Management sind derweil mitunter desolat. Hier trägt er dazu bei, dass das Team eben nicht diese toughe Mentalität hat, für die er stehen will.
Weil er selbst Spiele ängstlich managt. Weil er bei Fourth-Down-Entscheidungen, bei Two Point Conversions und dergleichen sehr defensiv denkt, statt sich an die moderne NFL anzupassen.
Wo ein Dan Campbell den Lions schon seit Beginn des Rebuilds in Detroit mit seiner Aggressivität bei In-Game-Entscheidungen eine klare Identität gibt, sucht man Vergleichbares bei Gannon vergeblich.
Das Team hat junge Säulen, um die man etwas aufbauen kann. Das bringt Arizona, selbst falls man nach der Saison einen neuen Head Coach sucht, nicht an den Punkt Zero eines kompletten Neustarts. Mit Murray, Paris Johnson, Trey McBride, Marvin Harrison, der verbesserten Defensive Line und der jungen Secondary kann man arbeiten und etwas entwickeln.
Aber welche Anzeichen gibt es, dass der aktuelle Coaching Staff dazu in der Lage ist? Ich sehe, abgesehen von Defensive Coordinator Nick Rallis, keine.
Droht den Cardinals der nächste Neustart?
Das ist auch letztlich die realistische Prognose: Wenn hier nicht drastische Veränderungen passieren, gibt es keine Argumente dafür, mit diesem Coaching Staff weiter zu machen.
Und so frustrierend die Aussicht auf einen weiteren Neustart für Cardinals-Fans auch sein mag: Wenn man in Jahr drei noch über derartige Probleme redet wie mit diesem aktuellen Trainerstab, dann sehe ich die Chance darauf, dass sich das noch deutlich ins Positive verändert, nahezu bei Null. Diese Dinge müssten längst klar sichtbar sein und werden nicht plötzlich aus dem Nichts kommen. Ein neuer Offensive Coordinator in absehbarer Zeit würde mich nicht wundern. Gleichzeitig wäre das dann auch der finale Strohhalm für Gannon, der darüber entscheiden sollte, ob er ein viertes Jahr in Arizona bekommt.
Das würde ich so oder so kritisch sehen. Head Coaches können natürlich auch in Jahr drei eines Umbruchs Spiele verlieren. Aber sie müssen dabei zeigen, dass sie den Floor ihres Teams anheben. Sei es als Play-Caller auf einer Seite des Balls, oder eben mit Top-Level-Game-Management und smarten Entscheidungen was die Besetzung des Staffs angeht. Davon ist Gannon derzeit weit entfernt.