Vor Saisonbeginn galten die Chicago Bears bei vielen als Geheimtipp. Nicht nur, was den Gewinn der umkämpften NFC North angeht, sondern auch in den Playoffs, vielleicht sogar als potenzieller Super-Bowl-Teilnehmer. Angeführt von Quarterback-Talent Caleb Williams und trainiert von Offensiv-Guru Ben Johnson schienen die Sterne in Chicago günstig zu stehen.
Es folgte ein Dämpfer zum Auftakt gegen die Minnesota Vikings und eine Abreibung bei der Rückkehr von Johnson an seine alte Wirkungsstätte in Detroit. Für eine Panik mag es noch zu früh sein, aber es schleichen sich bereits erste Zweifel an, ob in diesem Jahr denn wirklich alles besser wird als in den Vorjahren.
Zwei neue Hoffnungsträger in Chicago
Dabei konzentriert sich vieles auf die beiden Individuen, die als Heilsbringer in Chicago ausgemacht wurden: Caleb Williams und Ben Johnson. Der Quarterback wurde am College als das nächste Supertalent geadelt. An der USC brillierte er mit spektakulären Würfen und einem "Mahomes-ähnlichen" Improvisationstalent.
Bedenken, ob sich das Skillset überhaupt auf die NFL übertragen lässt, überhörte man in Chicago, riss Ruinen der Vergangenheit ein, wählte Williams im Draft an erster Stelle und blickte seither nicht zurück. In seiner Rookie-Saison sah man die außergewöhnlichen Anlagen, aber auch die Baustellen.
Ben Johnson war in den vergangenen beiden Jahren der gefragteste Assistenztrainer der Liga. Wer einen Cheftrainer-Posten zu vergeben hatte, wollte den 39-Jährigen als neuen Hauptverantwortlichen. Nach der 2023er Saison entschied sich Johnson trotzdem noch für einen Verbleib in Detroit. Ein Jahr später lockten die Bears - mit Williams - und Johnson sagte zu.
Williams und Johnson: Zwei verschiedene Spielphilosophien?
Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass Teil des Erfolgrezeptes in der NFL ist, ein gutes Quarterback-Cheftrainer-Duo zu haben: Ob Patrick Mahomes und Andy Reid, Matthew Stafford und Sean McVay oder auch Tom Brady und Bill Belichick. Die Bears waren/sind überzeugt, das Potenzial für ein solches gefunden zu haben. Doch was, wenn die Art und Weise, wie Spielführer und Cheftrainer das Spiel denken, sich fundamental voneinander unterscheidet?
Was die Offense der Detroit Lions unter Johnson so stark gemacht hat, war allen voran das perfekt aufeinander abgestimmte Timing. Jared Goff ist der Prototyp eines Quarterbacks, der "on time" spielt; also den Ball im perfekten Moment los wird, wenn der Spielzug sich entwickelt wie erwartet. Mit einem kreativen Kopf wie Johnson an der Seitenlinie und den nötigen Playmakern passte das wie die Faust aufs Auge.
Jetzt hat Johnson, der jüngst deutliche Worte an sein Team gerichtet hat, allerdings keinen Jared Goff, er hat Caleb Williams. Der 23-Jährige ist, ungeachtet seines Talents, ein grundlegend anderer Spielertyp. Jemand, der zwar im System spielen kann, sich diesem aber nicht bedingungslos verschreibt. Williams ist sich seiner Fähigkeiten zu bewusst, Spielzüge verlängern, Verteidiger aussteigen lassen, und anschließend unorthodoxe Pässe über 50 Yards feuern zu können.
Nimmt man ihm das weg, weil man erwartet, dass er "on time" spielt, beraubt man Williams dessen, was ihn zum Nummer-eins-Pick gemacht hat. Nun war es Ben Johnson, der sich auch wegen des jungen Quarterbacks für Chicago, den Divisionrivalen der Lions, entschieden hat. Er sollte also gewusst haben, was ihn erwartet hat.
Williams auf den Spuren von Fields?
Mit den Worten von Taylor Swift: "I think I've seen this film before. And I didn't like the ending." So in etwa dürfte es momentan vielen Anhängern der Chicago Bears gehen. Nicht nur, dass man mit Optimismus und Positivität in eine Saison gegangen ist, ehe beides innerhalb weniger Wochen zunichte gemacht. Nein, auch die Konstellation verläuft - zumindest in Teilen - wie vor wenigen Jahren, nur mit einem anderen jungen Quarterback.
Nein, Caleb Williams ist nicht Justin Fields. Es ist jedoch noch nicht so lange her, seit die Bears glaubten, mit Fields ihren Franchise-Quarterback gefunden zu haben. Und genau wie damals bei Fields runzelt manch einer in Chicago heute die Stirn, anlässlich der Tatsache, dass Williams in seinem zweiten Profi-Jahr nicht den erwarteten, erhofften Sprung gemacht zu haben scheint. "Er ist noch nicht so weit, wie ich dachte, dass er ist", konstatierte Fox-Sports-Analyst Nick Wright jüngst.
Zumal in Zeiten, in denen andere Quarterbacks bereits in ihrer Rookie-Saison Playoff-Spiele gewinnen, die Uhr noch mal etwas schneller tickt als früher. Dem heute 26-jährigen Fields fiel bei den Bears auch das fragwürdige Coaching und vorhandene Spielermaterial auf die Füße. Es gibt bis heute Fans, die sagen, Fields sei nie das Problem in Chicago gewesen. Williams genießt diese "Ausreden" nicht.
Bears vor entscheidenden Wochen
Die Bears haben bereits vor dem damaligen Draft viel Geld in die Hand genommen, um das Roster für den 23-Jährigen zu verbessern. Im Draft investierte man zusätzliches Kapital in die Offensive Line. Vor dieser Saison verpflichtete man den gefragtesten Head-Coach-Kandidaten der letzten Jahre, ein Offensiv-Genie. Funktioniert Williams nicht und macht in naher Zukunft nicht den erhofften Sprung zum Star-Quarterback, wird es schwer, mit dem Finger nicht auf ihn zu zeigen.
Am Sonntag treffen die Bears auf die Cowboys. Gegen ein Dallas-Team, das am letzten Wochenende über 500 Yards von Giants-Quarterback Russell Wilson eingeschenkt bekommen hat und dem ein ernstzunehmender Passrush fehlt, muss Williams vorangehen und die Bears, wenn die Defense mitmacht, zum ersten Sieg der Saison führen. Gelingt das nicht, werden die Aufgaben mit den Raiders und Commanders nicht einfacher - und die Saison könnte sehr schnell, sehr unangenehm für die Verantwortlichen in Chicago werden.