Herr Young, Sie besitzen seit dem vergangenen Jahr offiziell die Marketingrechte für den DACH-Raum. Wann haben Sie realisiert, wie groß die Football-Begeisterung hier in Deutschland ist?
David Young: Die Grundlage für die Begeisterung wurde mit der NFL Europe gelegt. Spieler wie unser Botschafter Mario Bailey haben den Grundstein dafür gelegt, dass wir heute sagen können: Die Deutschen lieben Football. Der Sport bietet eine unterhaltsame, andere Art, um mit dem Sport in Kontakt zu kommen - das ist anders als jede andere Sportart in Europa und Deutschland, sei es nun Fußball, Handball oder Basketball. Wenn wir jetzt etwas vorspulen, hatten wir wirklich Glück, dass ProSieben mit der Übertragung begonnen hat, als wir unsere erfolgreichen Jahre mit der Legion of Boom hatten. Wir hatten in dieser Zeit einige coole, aufregende Spieler wie Marshawn Lynch, Richard Sherman, Michael Bennett und Russell Wilson. Es hat Spaß gemacht, uns zuzuschauen, wir haben gewonnen und wer mag denn nicht Gewinner?
War das der einzige Grund, warum Sie Fans in Deutschland gewonnen haben?
Nicht nur, denn es gibt eine coole Sache bei den Seahawks, die wir überall auf der Welt festgestellt haben: Sobald man eine 12 - so nennen wir unsere Fans - wird, sieht man, wie authentisch die Fan-Gemeinde ist. Dann bleibt man dem Team treu. Und das sehen wir auch bei den Seahawkers in Deutschland. Sie sind unser zweitgrößter Fanklub der Welt, nur einer in Arizona ist noch größer. Zudem gibt es in Deutschland mehr Seahawks-Fans als im ganzen Bundesstaat Washington - das ist phänomenal. Das war für uns ein großer Indikator, wie auch das erste Regular Season Game der NFL in Deutschland. Es war zwar ein Heimspiel für die Tampa Bay Buccaneers, aber wenn man in den Tagen davor durch München gelaufen ist, hat man überall Seahawks-Trikots gesehen und am Marienplatz immer wieder unseren Ruf gehört. Auch beim Spiel wurden wir immer wieder laut angefeuert.
Sie machen mittlerweile viele Aktivitäten hier in Deutschland. Was ist dabei für Sie das Wichtigste?
Das Wichtigste ist, dass wir authentisch sind. Das ist der Grund, warum wir in der Pazifik-Nordwest-Region so erfolgreich sind. Zudem gehört der Name "die 12s" den Fans, wir geben ihnen ganz viel Spielraum, wie sie ihn einsetzen können. Wir haben verstanden, dass wir authentisch mit unseren Fans sein und einen Raum schaffen müssen, in dem wir interagieren können. Das ist auch unser Plan für Deutschland. Wir wollen das ganze Jahr über präsent sein und authentische Berührungspunkte kreieren, bei denen wir Teil der Community sein wollen. Klar wollen wir auch, dass sie Trikots unserer Spieler kaufen und tragen, aber sie sollen sich wie eine 12 fühlen, wenn sie das machen.
Wie wollen Sie das erreichen?
Wir haben Flag-Football-Camps organisiert, bei denen Ende August rund 300 Kinder waren. Zudem waren wir mit unserer Legende Michael Bennett bei der American Football Madness in Düsseldorf, haben die Seahawks-Fahne beim ELF-Spiel von Rhein Fire in Düsseldorf hochgezogen und sind in eine Partnerschaft mit RTL gegangen. Dabei sind wir Teil der Watchparty, unser deutsches Maskottchen BAM ist dort und wir stellen auch Seahawks-Fanartikel zur Verfügung. Das ist ein schöner Berührungspunkt für uns. Und daran wollen wir in wenigen Wochen in Berlin anknüpfen. Über das Wochenende haben wir ein Seahawks-Legend-Programm geplant, verteilen Geschenke und wollen einen Ort für aktuelle und zukünftige 12's schaffen, wo sie sich treffen können. Sie sehen also: Uns ist es ganz wichtig, dass wir über das ganze Jahr authentische Verbindungen schaffen.
Das ist eine lange Liste an Aktivitäten. Sie sind zudem eine Kooperation mit Rhein Fire eingegangen. Was ist Ihre Idee dahinter?
Als wir uns überlegt haben, mit einem Team in Deutschland eine Partnerschaft einzugehen, haben wir mit einigen Football- und Fußballklubs gesprochen. Wir haben tolle Beziehungen zum FC Bayern München und Borussia Dortmund und hatten zum Beispiel auch gute Gespräche mit Bayer Leverkusen. Das sind wirklich tolle Vereine und wir können einiges von ihnen wie auch von der DFL lernen. Aber wir wollen den Football in Deutschland nach vorne bringen. Und was gibt es für einen besseren Weg als den, eine Partnerschaft mit einem Team einzugehen, das das bereits tut? Rhein Fire ist zweimaliger Champion der ELF, hat die höchste Zuschauerzahl und macht enorm viel, um den Sport in der Rhein-Ruhr-Region, auf die wir uns auch fokussieren, zu fördern. Wir waren bei jedem Heimspiel in der Power Party involviert. Außerdem waren einige ihrer Mitarbeiter bei uns und haben während des Training Camps einige Einblicke bekommen, die sie nun anwenden können.
Bei den Dingen, die Sie hier in Deutschland machen, fehlt eigentlich nur noch ein deutscher Spieler in ihrem Team.
Wir hatten bereits Aaron Donkor bei uns im Team, der jetzt bei den Vienna Vikings spielt. Auch Jermaine Kearse hat deutsche Wurzeln und besucht jedes Mal, wenn er mit uns in Deutschland ist, die Familie seiner Mutter. Aber es ist Teil dessen, was wir mit Rhein Fire machen wollen: das Spiel für alle weiterzuentwickeln. Und das Großartige an Football und Flag Football im Speziellen ist, dass es nun jeder spielen kann. Es gibt keine Barrieren mehr. Deswegen schauen wir mithilfe des International Pathway Programs auf der ganzen Welt nach neuen Talenten. Und da Football immer populärer und es für mehr Spieler eine realistische Option wird, werden wir mehr Spieler, besonders aus Deutschland, in der NFL sehen. Für mich ist Mona Stevens, die Tackle und Flag Football spielt, eine wirkliche Inspiration für die Jungs und Mädchen, die Flag Football spielen wollen. Das wird man in Los Angeles 2028 sehen, wenn Deutschland hoffentlich gegen die USA um Gold spielen wird.
Wissen Sie bereits, wann Sie wieder in Deutschland spielen dürfen? Jaxon Smith-Njigba würde gerne sofort hier spielen wollen.
Ich würde am liebsten jedes Jahr in Deutschland ein Spiel absolvieren. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich nicht den Spielplan erstellen darf (lacht). Aber im Ernst, wir sind bald an der Reihe, ein Heimspiel außerhalb der USA auszutragen. Die Liga verlangt nämlich, dass jedes Team über eine bestimmte Zeit ein Heimspiel für ein International Game aufgeben muss. Wir heben dabei immer wieder unsere Hand und sagen der Liga, dass sie uns nach Deutschland bringen soll. Das Großartige am deutschen Markt ist aber, dass er der populärste unter den NFL-Teams ist. In keinem anderen Land gibt es mehr Teams mit Marketingrechten. Der Wettkampf ist also groß. Wir hoffen aber, dass wir nächstes Jahr in Deutschland spielen. Und sollte das nicht der Fall sein, dann werden wir dennoch das ganze Jahr über präsent sein.
Lassen Sie uns auf das Sportliche schauen. Wie zufrieden sind Sie bisher mit der Arbeit von Head Coach Mike Macdonald? Kann er das Team mal wieder in den Super Bowl bringen?
Ich kann jetzt nicht allzu viel verraten, aber was ich sagen kann: Er agiert nicht wie ein Head Coach, der erst im zweiten Jahr ist. Er ist unglaublich, ein brillanter Mensch und hat ein Team geformt, in dem alle ein gemeinsames Ziel haben. Dieses Jahr waren alle Spieler bei unseren Minicamps - das ist sehr selten der Fall, denn die Teilnahme ist freiwillig. Von meinem Fenster habe ich einen guten Blick auf den Trainingsplatz und es sieht wirklich gut aus, weswegen ich sehr optimistisch bin. Ich denke, dass unsere Defense sehr gut sein wird und wir einige Experten überraschen werden. Das Ziel ist, dass wir zurück in die Playoffs kommen und im Februar im Super Bowl in Santa Clara spielen. Schauen wir mal, was passiert.
Das ist aber mal eine Ansage. Wie zuversichtlich sind sie denn, dass das passieren wird?
Wenn wir das spielen, was wir können und gesund bleiben, gibt es für dieses Team kein Limit.
Lassen Sie uns über Ihr Stadion sprechen. Es zählt zu den lautesten in der NFL, aber aufgrund der Wetterbedingungen können Sie dort keinen Super Bowl austragen. Gibt es daher Überlegungen, das Stadion umzubauen, um einmal Gastgeber für den Super Bowl zu sein?
Das Wetter hier im Winter ist dem in Deutschland sehr ähnlich: Es ist sehr dunkel und es gibt viele Wolken und Regen, weswegen wir uns dort auch heimisch fühlen. Aber ja, Sie haben recht. Die letzten Super Bowls waren eher im Süden der USA. Phoenix, Las Vegas und New Orleans sind tolle Städte, aber das Lumen Field ist eine der schönsten Sport-Arenen. Und ich bin vielleicht etwas voreingenommen, weil es unser Heimstadion ist, aber für mich ist es das lautestete in der NFL und nicht das in Kansas City - egal was die Chiefs sagen (lacht). Ich war dort fünf Jahre und die Fans dort sind leidenschaftlich, aber es kommt nicht an das Lumen Field heran. Es ist ikonisch und steht auf jeder Bucket List. Wir hatten daher letztes Jahr das Problem, dass wir viele Gäste-Fans bei uns hatten, weil die Menschen gerne in unser Stadion wollen. Wir hatten von allen US-Sport-Stadien die viertbeste Bewertung, in der NFL war nur das Lambeau Field in Green Bay besser.
Wissen Sie, woher diese gute Bewertung kommt?
Unser Stadion ist 25 Jahre alt, aber wir investieren jedes Jahr, um die Erfahrung für die Fans besser zu machen und Weltklasse zu bleiben, ohne aber die authentische Seele unseres Stadions zu verändern. Die Aussichtspunkte im Norden sind noch weit offen, sodass man in die Stadt schauen kann. Wir haben zudem ein neues Soundsystem und eine neue Video-Leinwand. Für mich ist daher das Lumen Field ein ikonisches Stadion wie das Lambeau Field und der Signal Iduna Park in Dortmund, der für mich wie die Allianz-Arena in München auch auf jede Bucket Liste gehört.
Im kommenden Jahr werden Sie auch Gastgeber der Fußball-WM sein.
Das Stadion wurde damals als Washington State Soccer and Football Stadium speziell für Fußball und die Weltmeisterschaft gebaut. Daher haben wir 1997 versprochen, dass wir die WM zurück nach Washington holen werden. Mit den Seattle Sounders haben wir eines der erfolgreichsten Fußball-Teams der USA, sie haben bereits mehrfach die MLS und den US Open Cup gewonnen. Das hat bestimmt eine Rolle gespielt, warum wir sechs WM-Spiele, davon zwei K.-o.-Matches, und als einziges Stadion neben Los Angeles eine Partie der US-Nationalmannschaft bekommen haben. Wenn jetzt die Auslosung im Dezember ansteht, hoffen wir, dass Deutschland ein Gruppenspiel im Lumen Field zugelost bekommt. Das wäre super cool.
Das kann ich mir gut vorstellen. Was würden die Fans denn erwarten?
Eine außergewöhnliche Erfahrung. Unser Staff - wir nennen sie Teamkollegen - heißt alle willkommen. Eines unserer zwölf Prinzipien lautet: Behandle jeden wie eine 12. Egal ob Gäste- oder Fußball-Fan, sie sollen ein tolles Event erleben. Zudem ist das Stadion sehr zentral gelegen. Die U-Bahn ist in der Nähe, wie auch der Bahnhof. Selbst der Fährhafen ist nur zwei oder drei Blocks entfernt. Außerdem ist der Ausblick gen Westen wunderschön, das gibt es nirgendwo sonst. Und es ist laut, was auch an unserem Dach liegt. Und der letzte Punkt, auf den ich wirklich stolz bin, ist unser Speisen- und Getränkeangebot. Wir sind nicht nur nachhaltig, sondern haben auch kompostierbare Produkte - es ist ein tolles diverses Programm. Bei uns bekommt man alles, von Sushi bis Empanadas. Wir hatten sogar schon einmal Spätzle bei einem Spiel. Klar bekommen die Fans bei uns auch Hot Dogs, Pizza und Burger, was der amerikanische Standard ist, aber wir haben eine große Vielfalt. Dabei greifen wir auch auf lokale Produzenten zurück, sodass man ein Stück Seattle im Stadion schmeckt.
Die wichtigste Frage, die sich die deutschen Fans nun aber stellen: Verkaufen Sie auch gutes Bier?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben die vielfältigste Auswahl an Bier und Getränken in der NFL. Das haben wir vor einigen Jahren untersucht und können es nun voller Selbstvertrauen sagen. Welche Marke wir genau verkaufen, weiß ich nicht aus dem Kopf, aber vielleicht ist es Teil unserer Partnerschaft, dass wir Dinge aus Deutschland nach Seattle bringen. Die FIFA wird während der WM natürlich bestimmen, was wir verkaufen dürfen, aber ich glaube nicht, dass die deutschen Fans enttäuscht von unserer Auswahl sein werden. (lacht)