Das Schöne an Miami ist, dass man sich über warme Temperaturen, Sandstrände und die Sonnenseiten des Lebens freuen kann - ganz gleich, wie die sportliche Ausgangslage des eigenen Franchises ist. Vielleicht ein Motivationsschub für die Protagonisten der Dolphins, die mitbekommen haben dürften, dass fast jeder von ihnen in dieser Saison um seine Zukunft in Florida spielt und coacht.
Denn ja, Teambesitzer Stephen Ross dürfte mit seiner Geduld am Ende sein. So hat sich das Team, irgendwo zwischen wiederholten Playoff-Enttäuschungen gegen die Kansas City Chiefs, in den vergangenen drei Saisons eher von der Spitze entfernt, als sich dieser angenähert.
Miami: Stinkt der Delfin vom Kopf?
Zwei Personalien, welche sich diesen Schuh unweigerlich anziehen müssen, operieren nicht auf dem Feld: Head Coach Mike McDaniel und General Manager Chris Grier. McDaniel ist seit 2022 als Cheftrainer der Dolphins im Amt. Die lässigen Outfits während der Trainingseinheiten und die lockeren Sprüche auf den Pressekonferenzen machen ihn sympathisch, aber der sportliche Impact bleibt bestenfalls ernüchternd.
Die Offensive von Miami ist zwar kreativ, viele Motions und innovative Playdesigns, und doch haben die Dolphins unter McDaniel nur fünf Spiele mehr gewonnen als verloren, der Record steht bei 28-23. Zählt man seine Playoff-Bilanz von 0-2 hinzu, sieht es noch magerer aus. Der 42-Jährige ist vielleicht nicht das Problem, aber sollte sich der sportliche Abwärtstrend fortsetzen, fällt es schwer, ihn als Teil der Lösung anzusehen.
Gleiches gilt für seinen Vorgesetzten, Chris Grier. Dieser verantwortet die Kaderzusammenstellung und das Trainerpersonal seit 2016. Der 55-Jährige ist seit der Jahrtausendwende Teil der Dolphins-Franchise - und genau so weit liegt der letzte Playoff-Sieg zurück. Grier hat in den letzten Jahren richtungsweisende Entscheidungen getroffen, um die Dolphins zum Erfolg zu führen, oder zumindest näher an die Spitze: Von der Verpflichtung von Mike McDaniel, über die Trades für Tyreek Hill und Jalen Ramsey, bis zur Draft-Wahl von Tua Tagovailoa.
Funktioniert hat das nur bedingt. Das Team wurde besser, wenig überraschend, aber Teambesitzer Ross erklärte nach der vergangenen Saison auch: "Der Status Quo ist nicht genug." Somit sollte Grier hoffen, dass er in der abgelaufenen Offseason genug unternommen hat, um Miami aus dem Status Quo und in die richtige Richtung zu manövrieren.
Ist Tua Tagovailoa der erhoffte Franchise-Quarterback?
In der Regel lässt sich nach fünf gespielten Saisons ein deutliches Urteil darüber fällen, ob ein Quarterback die langfristige Antwort für eine Franchise ist oder nicht. Im Fall des 27-jährigen Tagovailoa fällt das schwer. Neben verletzungsbedingten Ausfällen pendelten die Leistungen des Hawaiianers immer wieder zwischen sehr gut und bestenfalls durchschnittlich.
Dabei ist die Definition eines Franchise-Quarterbacks nichts anderes als die Einschätzung, ob man mit ihm einen Super Bowl gewinnen könnte oder nicht. In Miami war man im Juli 2024 noch bedingungslos überzeugt, dass dieses Ziel mit Tua erreichbar ist: Ein Vierjahresvertrag über 212,4 Millionen US-Dollar belegte das. Dennoch gilt auch für Tagovailoa 2025 als entscheidende Saison, im jüngsten Quarterback-Ranking ist die Hoffnung auf Besserung nicht sonderlich groß.
Sollten die zuvor angesprochenen McDaniel und Grier ihre letzte Saison in Miami erleben, ändern sich auch für den Hawaiianer die Umstände. Ohne eine Verbundenheit zum dann neuen Front Office und neuen Head Coach, die tendenziell einen Neuaufbau einleiten, wird der Vertrag des Quarterbacks plötzlich Trade-freundlich.
Natürlich müssten die Dolphins ein finanzielles Verlustgeschäft akzeptieren, aber wären sie nicht das erste Team, das das in Kauf nimmt, um ein paar mehr Draft-Picks einzusammeln und neu anzufangen - mit einem eigens ausgesuchten Quarterback.
Tyreek Hill und die Trade-Deadline
Die Personalie, bei der es bereits in den kommenden Wochen etwas zu vermelden geben könnte, ist der explosive Wide Receiver mit der Nummer zehn, Tyreek Hill. Nach Nebenkriegsschauplätzen in der abgelaufenen Saison, in denen dieser öffentlich mit einem Abgang liebäugelte, konnten die Dolphins und er die Wogen zwar glätten, doch ist die Zukunft von Hill mehr als ungewiss.
Erstmals seit 2023 wurde er nicht zum Teamkapitän ernannt. Darüber hinaus ist er mit 31 Jahren und einem stolzen Jahresgehalt von 27,6 Millionen kein Spieler, um den man einen möglichen Neuaufbau einleitet.
Stattdessen könnte die Trade-Deadline am 5. November interessant werden. So stehen die sportlichen Qualitäten von Hill außer Frage - ein enttäuschendes Jahr 2024 hin oder her. Sollten die Dolphins, die bis dahin neun Spiele gespielt haben werden, also zu dem Zeitpunkt bereits wissen, dass die Reise nicht in die Playoffs geht, wird man sich jedes Angebot für den 31-jährigen Hill anhören und ihn mit großer Wahrscheinlichkeit abgeben.
Miami bekäme nicht das, was sie vor drei Jahren für seine Dienste aufgegeben haben, aber selbst eins, zwei Picks hätten mehr Wert als ein älterer, teurer Wide Receiver, der ohnehin wenig Interesse an einem Verbleib haben dürfte.
Die Dolphins haben vor ein paar Jahren all ihre Pokerchips in die Tischmitte geschoben, um mit den Kansas City Chiefs, Baltimore Ravens und Buffalo Bills mitzuspielen. Mehr als einen beachtenden Blick haben sie bis dato nicht geerntet. Jetzt, wo nahezu alle Karten aufgedeckt wurden, bleibt den Verantwortlichen nur zu hoffen, dass die noch verdeckte Karte alles verändert.
Andernfalls wird es für die Entscheidungsträger Zeit, den Stuhl zurückzuschieben, aufzustehen und sich zu verabschieden.
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