Schließlich wird immer wieder angeführt, dass es "unamerikanisch" ist, wenn am Ende kein Sieger gekürt wird. Von den großen US-Ligen existiert auch tatsächlich nur in der NFL diese Möglichkeit, alle anderen - Basketball, Baseball, Eishockey - spielen, bis ein Gewinner feststeht.
Die Regeländerungen
Unentschieden gibt es quasi schon immer. Was sich geändert hat, sind die zugehörigen Regeln; die Diskussionen darüber sind aber nie abgerissen. 1974 hatte die Liga eine Verlängerung eingeführt, was zu deutlich weniger Spielen ohne Sieger führte.
Damals gab es zunächst ein zusätzliches fünftes Viertel inklusive einer Sudden Death Regelung; wer zuerst punktete, hatte gewonnen. Das führte aber in knapp 60 Prozent dazu, dass der Sieger des Münzwurfs auch die Partie gewann - schließlich reichte dazu schon ein Field Goal.
Deutliche Kritik
Die Kritik: Es fühlte sich unfair an, dass die andere Mannschaft nicht einmal die Chance hatte, noch gleichzuziehen. 2010 passte man die Regel zunächst in den Playoffs so an, dass nur noch ein Touchdown im ersten Drive der Verlängerung zum sofortigen Ende führte, ein Field Goal aber auch der anderen Mannschaft noch einmal Ballbesitz erlaubte. Seit 2012 wird diese Regel auch in der Hauptrunde angewand
Fünf Jahre später verkürzte man die Verlängerung von 15 Minuten auf 10; als Grund gab man die erhöhte Verletzungsgefahr an. Ob sich wirklich mehr Spieler verletzt haben, weiß nur die NFL. Es erscheint aber logisch, dass eine längere Spielzeit automatisch auch mehr Verletzte mit sich bringt. 2022 gab es die jetzt existente Regel erstmals in den Playoffs, die seit diesem Jahr auch in der Hauptrunde zur Anwendung kommt: Jedes Team hat die Chance auf einen Ballbesitz in der Verlängerung, selbst wenn die erste Mannschaft gleich einen Touchdown erzielt.
Die Taktikänderung
Während man früher bei erfolgreichem Münzwurf immer den Ball erhalten wollte, hat sich dies durch die kürzere Spielzeit in Verbindung mit garantiertem Ballbesitz für beide Mannschaften wieder etwas gedreht. Viele Teams lassen jetzt den Gegner zuerst in der Offense starten; schließlich wissen sie dann, was sie im eigenen Drive an Punkten benötigen.
Eine - damals viel kritisierte - Ausnahme stellte zum Beispiel 49ers Head Coach Kyle Shanahan dar, der bei Super Bowl LVIII trotzdem zuerst den Ball wollte. Seine Denkweise: Sollte es nach Drives beider Mannschaften noch oder wieder ausgeglichen stehen, würde sein Team erneut den Ball erhalten für einen dritten Drive, in dem dann schon ein Field Goal zum Sieg reichen würde.
Allerdings lässt sich auch hier weiter trefflich streiten, ob es bei einer nur noch zehnminütigen Spielzeit überhaupt noch einen dritten Drive geben kann. Im Gegensatz zur Collegeregelung bzw. der der ELF in der vergangenen Saison startet man in der NFL übrigens ganz normal nach einem Kickoff und nicht schon an der 25 Yard Line des Gegners.
Die Auswirkungen
Viele Spiele sind es nicht mehr, die jetzt noch ohne Sieger abgepfiffen werden. Rein statistisch endet nicht einmal ein Prozent aller Spiele mit einem Unentschieden.
In diesem Jahr stehen wir durch das Sunday Night Game bereits bei einem, seit Einführung der nur noch zehnminütigen Overtime im Jahr 2017 waren es insgesamt gerade einmal acht. Zuletzt vergab Giants Kicker Graham Gano 2022 ein Field Goal aus 58 Yards bei ablaufender Uhr, so dass sich Giants und Commanders 20:20 trennten.
Der Ausblick
Es gibt nur wenige Regeln, die über die Jahre so ausführlich diskutiert wurden, wie die der Verlängerung und deren Details. Zwei Sachen kristallisieren sich aber heraus.
1. Bislang hat man keine Regelung gefunden, die keine Diskussion nach sich gezogen hat und mit der (fast) alle Beteiligten zufrieden gewesen wären.
2. Diskutierst wird eigentlich immer dann, wenn es gerade wieder eine Verlängerung geben musste und die womöglich unentschieden geendet hat oder eine andere seltene Ausnahme eintrat. Je weiter dieses Spiel dann in den Hintergrund tritt, desto mehr ebbt auch die öffentliche Auseinandersetzung wieder ab.
Bis zum nächsten Unentschieden wird also demnächst wieder Ruhe einkehren, was dieses Thema angeht. Vermutlich wird die Liga auch zukünftig noch an der ein oder anderen Stellschraube drehen (müssen). Dass es dann die "perfekte Regel" gibt, die alle zufriedenstellt, bleibt aber wohl Wunschdenken.