Herr Schlegel, wie alt sind Sie, wo kommen Sie her - und wie sind Sie zum American Football gekommen?
Ich bin 26 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Hildesheim. Zum Football kam ich durch einen Freund, der mich mit 17 einfach mit zum Training genommen hat. Ich hatte 2016 viel NFL im Fernsehen geschaut, fand das cool, bin hingegangen - und habe mich sofort verliebt.
Sie haben früher selbst gespielt, sind dann aber schnell ins Coaching gewechselt und waren bei den Berlin Adlern, Berlin Thunder und Nordic Storm. Was haben Sie aus den Stationen mitgenommen?
Sehr Verschiedenes. Als Linebacker-Coach legt man das Fundament für das Defense-Verständnis: Man muss Football als Ganzes sehen, ähnlich wie ein Quarterback in der Offense. Ich hatte das große Glück, schon mit vielen guten Coaches zusammenzuarbeiten. Ich bin wirklich der Meinung, man muss auch öfter mal zwischen Offense und Defense hin- und herwechseln - einfach um zu sehen, was man attackiert, was man versucht zu stoppen und die Regeln dahinter zu verstehen. Und die Erfahrungen sind natürlich auch immer sehr unterschiedlich innerhalb der Positionsgruppen, weil jede Positionsgruppe andere Dynamiken hat. Ein kleiner Quarterback-Room erlaubt beispielsweise sehr individuelle Förderung, während Positionsgruppen mit zehn Spielern völlig anders ticken. Diese Vielfalt prägt.
Wie wichtig ist es, als Coach auch die andere Seite des Balls gecoacht zu haben?
Ich finde es sehr wichtig. Viele Coaches zerbrechen sich den Kopf, wie viel sie sich mir der Offensive Line und wie viel sie sich mit den Skillspielern auseinandersetzen sollen. Ich bin der Meinung, dass man sich als Offense Coach die meiste Zeit mit der Defense auseinandersetzen sollte und umgekehrt genauso. Der Einblick, den man als Defense Coach bekommt, wenn man auf der Offense-Seite arbeitet, gibt einem sehr viel: viele gute Lektionen, viele Coaching Points. Es hilft auch Spielern zu verstehen, wie die andere Seite denkt.
"Make the same things look different and different things look the same". Was löst dieser Satz bei Ihnen aus?
Er löst viel Freude in mir aus, denn das ist etwas, was Coach Shoop bei Nordic Storm immer predigt - und ich arbeite sehr gern mit ihm zusammen. Deswegen haben Sie gerade viele Erinnerungen aus dem letzten Jahr ausgelöst. Es ist eine total wichtige Grundphilosophie im Football. Gerade in der heutigen Welt, in der Scouting und Gegneranalyse immer relevanter werden, ist es wichtig, Tendenzen zu kennen, zu verpacken, zu tarnen oder zu kontern. Diese Grundphilosophie gehört in jede Offense.
Coach John Shoop hat auch Ben Johnson stark mit diesem Leitsatz geprägt. Lebt Shoop das weiterhin so, und hat er auch Ihr Playcalling nachhaltig mit einer Sache beeinflusst?
Absolut, und das ist mit Sicherheit Teil unseres Erfolgs bei Nordic Storm - und eine seiner großen Stärken. Wenn man eine Formation hat, kann man daraus nicht nur eins, zwei Plays laufen. Man muss wirklich versuchen, so wie der Satz auch sagt, sehr variabel sein: Die gleichen Dinge sollen unterschiedlich aussehen und die unterschiedlichen Dinge sollen gleich aussehen. Damit weiß die Defense nicht, was kommt, oder kann sich schlechter darauf einstellen. Coach Shoop hat mich in vielen Aspekten geprägt - nicht nur in Scheme und Taktik, sondern auch darin, wie man Spielern etwas beibringt und worauf man im Team achten muss. Ich habe wieder großes Glück gehabt, so einen tollen Mentor in ihm zu haben. Es sind so viele Facetten, dass ich ungern nur eine heraushebe.
John Shoop ist ja dafür bekannt, ein sehr emotionaler Mensch zu sein. Sie wirken an der Sideline sehr ruhig - bewusste Strategie oder einfach Ihre Art?
Ich bin einfach ein ruhiger Typ und versuche, stets rational zu handeln. Das funktioniert gut für mich. Coach Shoop und ich ergänzen uns was das angeht. So haben wir das beste beider Welten an der Seitenlinie.
Kommen wir zum Fellowship bei den Tampa Bay Buccaneers. Wie lief der Prozess - und wie haben Sie reagiert, als die Zusage kam?
Besonders ist, dass kein anderes Team etwas wie die National Coaching Academy anbietet: offen für alle Bewerber. Ich erfuhr davon, weil Peter Daletzki im Vorjahr als Deutscher dabei war. Nach meiner Bewerbung gab es ein One-Way-Interview mit Play-Analyse aus der vergangenen Bucs-Saison. Auf dieser Basis wählten die Assistant und Position Coaches 25 Finalist:innen für das Rookie Minicamp, bei dem alle eine Woche nach Tampa kommen und aushelfen durften. Daraus wurden dann fünf für das fünfwöchige Training Camp und die Preseason ausgewählt - und ich war einer dieser fünf. Ich habe mich riesig gefreut, gerade weil Networking im Football so wichtig ist und es ohne Kontakte schwer ist, auf NFL-Level einen Fuß in die Tür zu bekommen. Dieses Programm schaut sich jede Bewerbung an, das macht es besonders.
Wissen Sie noch, welches Play Sie analysiert haben?
Ein Third Down aus Week 1 der letzten Saison gegen Washington. Mike Evans lief eine Out-Route und Washington brachte einen bestimmten Blitz/Stunt, Protection-Themen waren hier entscheidend. Es gab einige Details, die man erkennen musste, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Das hat offenbar geklappt.
Das ist spannend, denn der neue Offensive Coordinator der Buccs, Josh Grizzard, war letztes Jahr ja primär für die Third Downs zuständig, unter dem damaligen OC Liam Coen. Haben Sie darüber mit Grizzard im Camp gesprochen?
Über das Play selbst nicht. Ich habe später mit mehreren Assistant und Position Coaches gesprochen, die die Analysen gesichtet haben - mit lustigen Einblicken in manche Bewerbungen und Feedback dazu, wie meine ankam.
Beschreiben Sie uns bitte einen typischen Tag im Camp. Welche Aufgaben hatten Sie, wie sah die Routine aus?
Die Tage waren sehr unterschiedlich, aber der grobe Ablauf war so: Start gegen 3.30/4 Uhr, per Shuttle oder Uber in die Facility. Ich habe viel Dateneingabe und Gegneranalyse für Regular Season und Preseason gemacht, Cut-Ups erstellt, Tendenzen gescoutet und proaktiv einige Reports geschrieben. Auf dem Feld half ich bei Drills und habe den Quarterback Coach unterstützt. Nach dem Training kurz Mittagessen, duschen, direkt wieder ins Staff-Meeting mit der gesamten Offense und das Training anschauen.
Anschließend am Nachmittag das Quarterback-Positionsmeeting. Später gab es noch ein einstündiges Walkthrough, Abendessen und anschließend Nacharbeit - etwa weitere Cut-Ups oder Reports - sowie die Vorbereitung auf den nächsten Tag. Dann ging es irgendwann spät abends nach Hause, und das Ganze begann wieder von vorne. Das waren die meisten Tage. An Tagen, in den die Spieler frei hatten, haben wir etwas mehr Zeit mit den Coaches verbracht und natürlich keine Zeit mit den Spielern. Die Tage waren etwas entspannter, aber trotzdem volle Arbeitstage.
Wenn Sie um 3.30 Uhr aufgestanden sind und spät abends erst zurückgekommen sind, wann sind Sie dann ins Bett gegangen?
Unterschiedlich, ins Bett war ich zwischen 22 und 1 Uhr. Koffein hilft da auf jeden Fall. (lacht) Aber ich hatte den Vorteil, dass ich den Lifestyle schon kannte. Mir macht dieser "Grind" Spaß, zumal einem vieles abgenommen wird.
Wie war es, im QB-Room mit Baker Mayfield zu sitzen?
Unbezahlbar. Am Ende sind es aber auch nur ganz normale Menschen: Man bespricht das Training und Fehler - nur mit höherem Zeitaufwand, mehr Detailtiefe und natürlich enormem Talent. Die Dynamik war super, viel gelacht, viele Inside-Jokes. Der Raum war groß besetzt: OC, Passing Game Coordinator, QB Coach, Assistant QB Coach, Senior Offensive Advisor Tom Moore, ein QC Coach, ich - plus die vier Quarterbacks. Da sitzt enorm viel Football-Know-How in einem Raum, und solche Coaching Points bekommt man in keiner Coaches Clinic. Am Anfang war es noch recht surreal, aber man gewöhnt sich schnell dran, denn wenn man Teil der Operation ist und es als Business sieht, bleibt keine Zeit, um zu staunen.
Sie sind seit einigen Tagen wieder da. Gibt es eine Sache, die Sie 100 Prozent in Ihren Coaching-Alltag mitnehmen werden?
Ich würde nicht sagen, dass es ein einziges großes Learning gab. Es gibt sehr viele kleine Details und Coaching Points, die ich mitnehmen konnte - für Plays, die man schon kennt, oder kleine neue Aspekte von bereits Bekanntem. Mein Notizbuch besteht aus ganz vielen winzigen Coaching Points. Da ist nicht die eine große Sache dabei, die alles revolutioniert. Vieles lässt sich zudem nicht auf den europäischen Football übertragen. Als Beispiel: Wenn man in Europa versucht, 30 Protection-Checks zu installieren, quittet einem die halbe O-Line vor Week 1 - und am Ende bekommt man es doch nicht aufs Feld. Deswegen muss man bei manchen Sachen vorsichtig sein und sie nicht stur anwenden, wenn es keinen Sinn ergibt.
Sie haben das Nordic-Storm-Playbook im Kopf - und das der Tampa Bay Buccaneers auch. Wie groß ist der Volumenunterschied?
Das lässt sich schwer direkt quantifizieren. Man muss sagen, dass wir bei Nordic Storm ein eher komplexes Playbook spielen im Vergleich zum restlichen Europa - weil Shoop auch in der NFL und am College gearbeitet hat und einen sehr hohen Standard setzt. Ich würde sagen, dass das Volumen im Verhältnis zum Zeitaufwand der Spieler ähnlich ist. Wenn man die europäischen Spieler und ihren aktuellen Zeitaufwand nimmt und ihn um das ergänzt, was in der NFL an Zeit investiert wird, wäre das Volumen sehr ähnlich. Es ist sozusagen vor allem durch den unterschiedlichen Zeitaufwand beschränkt.
Gab es ein Camp-Erlebnis, das Sie besonders beeindruckt hat?
Es war faszinierend, Aaron Rodgers in dem Alter noch spielen zu sehen. Der war schon ein Veteran, als ich meine ersten NFL-Spiele gesehen habe. Wir hatten Rücken-an-Rücken-Teamperiods in unserem gemeinsamen Training gegen die Steelers: unsere Offense gegen deren Defense und deren Offense gegen unsere Defense. Beides fand an den 40-Yard-Linien des Feldes statt, weshalb wir in der Feldmitte Rücken an Rücken mit allen Coaches standen. Ich stand mit Arthur Smith quasi Rücken an Rücken, und als Aaron Rodgers gerade Pause hatte, kam er rüber, nahm den Helm ab und sprach mit ihm. Als ich ihn gesehen habe und mir dachte, dass er immer noch Football spielt - das hat mich einfach echt aus den Socken gehauen. Mike Evans hatte zudem einen unfassbaren Catch, den ich so noch nie live gesehen habe und den auch sonst niemand sehen wird, denn Practice-Tapes werden ja nicht veröffentlicht. Und noch ein persönliches Highlight: Wir haben mit den Steelers Coaches nach dem Training noch ein bisschen Zeit verbracht und haben dort einige Geschichten ausgetauscht. Mike Tomlin auf diese Art kennen zu lernen, war echt besonders.
Sehr spannend. Wie ist Mike Tomlin?
Er ist ein supercharismatischer Typ. Er sitzt einfach da, ganz lässig, und ist auf natürliche Weise der Mittelpunkt des Raums. Alle hören ihm wie gebannt zu. Einfach ein super Typ, der auch total offen ist.
Was unterscheidet Stars wie Mike Evans oder Lavonte David im Alltag? Wie ist es, täglich von diesen Leuten umgeben zu sein?
Ihre Konstanz. Sie sind früh da, gehen spät, stellen selbst in ihrem Alter detailreiche Fragen, sind zielorientiert, absolute Profis und haben eine Captain-Aura, zu der Rookies aufsehen. Manchmal heißt es in der Videoanalyse: "Macht es nicht wie Mike" - weil er Dinge kann, die andere nicht replizieren können. Wenn man mit einem Hall of Famer zusammenarbeitet, ist allen klar: Das ist noch mal ein anderer Typ Football-Spieler.
Und wie wirkt sich die Dynamik von Mike Evans beispielsweise auf Rookies wie Emeka Egbuka aus?
Die Zusammenarbeit der zwei ist sehr fokussiert. Keine Spielereien, sondern komplett locked in. Emeka trat vom ersten Tag an wie ein Voll-Profi auf: Er stellte viele Fragen, verinnerlichte das Playbook, war nie zufrieden und immer hungrig. Er hat komplette Trainingseinheiten dominiert und am Ende einen Ball gedroppt - für ihn war es dann ein schlechtes Training. Diese Attitüde macht ihn besonders.
Sie haben es ja hautnah miterlebt. Haben Sie einen Breakout-Call für einen Buccs-Spieler, der nicht auf jedem Zettel steht?
Unterm Radar ist schwer. Emeka Egbuka hat eine große Chance auf eine fantastische Karriere. Bucky Irving kann den nächsten Schritt machen. Und DB Jacob Parrish ist extrem smart und vielseitig, macht denselben Fehler nicht zweimal, spielte Corner, Safety und Nickel - in einer Todd-Bowles-Defense ist das Gold wert.
Wie ist es, täglich gegen Todd Bowles zu trainieren? Ihm eilt ja der Ruf voraus, dass es sehr schwierig ist, sich auf seine Defense und seine Art, Blitze zu callen, vorzubereiten. Können Sie das nachvollziehen?
Absolut. Was uns im Practice an Blitzen entgegenflog, hatte ich so noch nicht gesehen. Wir hatten teilweise extra Meetings deswegen, damit wir darauf vorbereitet waren. Dabei habe ich viel gelernt.
Wie läuft so eine Protection-Lösung intern ab?
Wir haben eine Grundlösung, optimieren diese aber dann gemeinsam. Ein Beispiel: es gibt einen bestimmten Blitz, und Baker Mayfield löst es so. Der O-Line Coach hat eine Idee, der Assistant eine andere, der QB-Coach noch eine. Dann sagt der OC: "Wir setzen uns zusammen, klären alle Fragen und einigen uns, wie wir diesen Blitz künftig händeln." Alle Vorschläge sind valide, man muss auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Auf NFL-Level sind alle Coaches gut - es geht darum, die beste gemeinsame Lösung zu finden und dann mit dieser in Zukunft weiterzuarbeiten.
Wie sieht Ihr Alltag jetzt aus?
Ich bin noch nicht vollständig in der Offseason. Wir haben gerade das ELF-Halbfinale mit unserem Quarterback Jadrian Clark analysiert, Post-Season-Analysen und Self Scouting gemacht, Recruiting für die nächste Saison angestoßen und Notizen für die nächsten Jahre gesammelt. Danach: Zeit mit meiner Verlobten, Freunden und Familie, einfach ein bisschen runterkommen - und dann die Weichen für das nächste Jahr stellen.
Zum Schluss: Was ist Ihr Lieblingsspielzug - und warum?
Der, der funktioniert. Ich bin kein Fan davon, Plays um ihrer selbst willen zu lieben. Es hängt vom eigenen Personal und von der Defense ab. Natürlich gibt es Bread-and-Butter-Konzepte, aber am Ende entscheiden so viele Variablen, dass man nicht pauschal sagen kann: "Das ist das Play." Mit den falschen Leuten ist selbst das beste Konzept kein gutes.