Jerry Jones steht seit dem Kauf im Februar 1989 an der Spitze der Dallas Cowboys und füllt neben dem Eigentümerposten auch die des General Managers aus, was an sich schon einzigartig ist in der NFL. Dazu hatte er auf allen wichtigen Mitarbeiterposten seine drei Kinder Stephen, Charlotte und Jerry Jr. eingesetzt und führt die Franchise als eine Art Familienunternehmen.
Doch wie gelang es dem Sohn eines kleinen Kaufmanns aus Arkansas, zu einem der unbeliebtesten Owner im US-Sport aufzusteigen - und zugleich Besitzer des laut Forbes 13 Milliarden US-Dollar schweren Klubs zu werden, der bereits zum zehnten Mal in Folge sogar Traditionsvereine wie Real Madrid und die New York Yankees hinter sich ließ?
Jones lernte bereits früh zu verkaufen
Jones wuchs in Arkansas auf - einem Staat, der selten in den Schlagzeilen auftaucht und noch am ehesten dadurch bekannt ist, dass Bill Clinton dort vor seiner Zeit als Präsident das Gouverneursamt innehatte.
Sein Vater besaß einen kleinen Laden, in dem er bereits als Kind mithelfen musste. Das dort frühzeitig erworbene Verkäufertalent zeichnet ihn auch heute noch aus und führte dazu, dass seine Franchise allein im vergangenen Jahr unglaubliche 1,2 Milliarden Dollar an Einnahmen verzeichnen konnte.
Am College in Fayetteville lernte er bereits am ersten Tag seine Frau Gene kennen, Miss Arkansas 1960 und einer wohlhabenden Familie entstammend. Die Heirat erfolgte vor Studienabschluss und die Ehe hält trotz aller von Jerry verursachten Widrigkeiten bereits über 60 Jahre. Selbst anrüchige Bilder und zahlreiche Gerüchte um den "Womanizer" überstand die enge Familienbindung nach außen unbeschadet.
Bei den Razorbacks spielte er als Lineman und zusammen mit seinem Zimmergenossen bei Auswärtsfahrten und späteren Coach, Jimmy Johnson, wurde er als Co-Kapitän National Champion 1964. Einer der Assistenztrainer war Barry Switzer, der spätere Nachfolger von Johnson. Außer einer ausgeprägten Dickköpfigkeit, dem Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, und einem Erfolgsstreben im Football verband die beiden JJs nicht allzu viel.
Jones wollte einst die Chargers kaufen
Nach erfolgreichem Studium versuchte er sich zunächst mit geliehenem Geld an der Eröffnung einer Kette von Pizzerien, was schnell scheiterte, und so verkaufte er mit Erfolg Versicherungen in der neu gegründeten Firma des Vaters. Das Angestelltenverhältnis entsprach jedoch absolut nicht seinem Naturell und darüber hinaus hielt die Liebe zum Football an: Bereits am College hatte er davon geträumt, einmal ein Team zu besitzen.
Die Chance ergab sich auch relativ früh im Leben von Jerry Jones. Nachdem er zuvor Kontakte zu den einflussreichsten Ownern der aufstrebenden AFL geknüpft hatte, erfuhr er 1966 vom geplanten Verkauf der San Diego Chargers, die Hotelmagnat Barron Hilton für 5,8 Millionen Dollar abstoßen wollte. Jones sah ein enormes Potenzial im Footballgeschäft und wollte am erwarteten Boom teilhaben.
Er zog sein Angebot erst zurück, als ihm sein Vater ins Gewissen geredet hatte. Kurz nach dem Verkauf der Chargers verschmolzen AFL und NFL, wodurch die Franchise ihren Wert über Nacht auf 12 Millionen Dollar verdoppelte. Bis zu seinem Tod Ende der 90er Jahre erzählte Pat Jones mit einem Augenzwinkern, wie er seinen Sohn um 6 Millionen gebracht hatte.
Nach Erfolg im Öl-Geschäft: Jones kauft die Cowboys
Letztendlich wurde der Traum, ein Football-Team zu besitzen, aber nur um viele Jahre aufgeschoben. Jerry Jones brachte es - erneut mit geliehenem Geld - auf der Suche nach Öl- und Gasvorkommen nach anfänglichen finanziellen Problemen zügig zu Reichtum. Er ließ dabei in Bereichen nach Öl und Gas suchen, die andere Firmen nach Probebohrungen als nicht ergiebig eingestuft hatten.
1989 und damit über 20 Jahre nach dem Interesse an den Chargers erfuhr er, dass die Dallas Cowboys verkauft werden sollten - sein Traum war aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Schnell wurde er zum Top-Interessenten und der Deal für um die 150 Millionen Dollar wurde am 25.02.1989 bekanntgegeben.
Bereits am nächsten Tag erhielt Jones ein Angebot, die Cowboys für 10 Millionen Profit sofort wieder zu verkaufen, wo er aber wohl keine Sekunde überlegen musste: Endlich hatte er sein Team und das damit einhergehende Rampenlicht. Der Traumjob Owner war endlich Realität geworden.
Jones sorgt mit Auftreten in Dallas für Furore
In seiner ersten Pressekonferenz verprellte er gleich einen großen Anteil der Fans, als er mehr oder weniger mit einem Satz den legendären Head Coach Tom Landry feuerte. Der Besitz des Teams allein reichte ihm aber nicht, er wollte als "Football Guy" geschätzt werden und übernahm auch sofort den Posten des General Managers. Der vorherige Amtsinhaber Tex Schramm wurde in der mittlerweile als Saturday Night Massacre benannten Veranstaltung kalt erwischt. Presse und Fans waren sich sofort einig in der Bewertung - und Ablehnung - des zugereisten "Hillbillies" Jerry Jones.
Jones schwärmte damals von seinem College-Kumpel Jimmy Johnson, der zwischenzeitlich erfolgreich die Miami Hurricanes zur Meisterschaft geführt hatte. Die Teams von Johnson waren laut und verhielten sich alles andere als angepasst, was auch die Cowboys der Anfangszeit in der Ära Jones auszeichnete und nicht unerheblich zur Abneigung eines breiten Teils der Öffentlichkeit gegenüber den neuen Owner führte.
Die Erfolge kamen nicht zuletzt durch den sogenannten Herschel Walker Trade, als die Cowboys durch die Weggabe ihres alternden Star Running Backs eine Menge Draft Picks von den Vikings eingestrichen haben und so die Eckpfeiler der Dynastie zu Beginn der 90er Jahre legen konnten.
Cowboys nach drei Titel auf absteigendem Ast
Ein Problem blieb jedoch trotz der Erfolge mit zwei Titeln: Head Coach Jimmy Johnson reklamierte einen Großteil des Ruhms für sich, sodass es immer wieder zu Kontroversen mit Jones kam und dieser letztendlich seinen Erfolgstrainer feuerte. Der Platz im Rampenlicht war einfach nicht groß genug für zwei Egozentriker und Alphatiere.
Den Abgang ließ sich Jones sogar 2 Millionen Dollar kosten, die Fehde hielt bis vor wenigen Jahren an. Erst 2023 wurde Johnson in den Ring of Honor im AT&T Stadium aufgenommen - drei Jahre, nachdem er schon in der Hall of Fame in Canton mit offenen Armen begrüßt worden war.
Mit dem nach Johnsons Entlassung verpflichteten Nachfolger Switzer holte man im Februar 1996 noch einmal die Vince Lombardi Trophy, aber anschließend herrschte oft nur Mittelmaß vor. Vor allem die Einführung des Salary Caps 1994 machte es den Cowboys zunehmend schwer, ihre Stars zu halten und in der Free Agency andere Teams kurzerhand zu überbieten.
Jones setzt mit Stadion-Neubau neue Maßstäbe für die Cowboys
Gerüchteweise veranlasste vor allem das sportliche Mittelmaß und das drohende Absinken von "Americas Team" in die zweite Reihe Jerry Jones dazu, ein neues Stadion bauen zu lassen, das alles bisher dagewesene in den Schatten stellen sollte.
Nachdem er sich mit der Stadt Dallas nicht über die Konditionen einig wurde, errichtete er 2009 den später für 20 Millionen Dollar jährlich AT&T Stadion benannten Sportpalast in Arlington in Nachbarschaft des Baseballteams Texas Rangers. Zunächst wurde die Arena mit 650 Millionen Dollar veranschlagt, aber durch etliche Design- und Sonderwünsche wie zum Beispiel den damals mit Abstand größten Stadionwürfel der Welt verdoppelten sich die Kosten nahezu.
Getreu nach dem Motto, dass in Texas alles größer ist, wurde hier nirgends gespart und die Spitznamen "Jerrys World" oder "Jones Mahal" zeugen davon, dass der Owner hier mehr als nur ein paar Fingerabdrücke hinterlassen hat. Das Investment hat sich mehr als gelohnt, auch 16 Jahre nach Eröffnung zählt das Stadion immer noch zu den besten der Welt.
Jones glänzt beim Verkauf der TV-Rechte der NFL
Ansonsten ist Jerry Jones als Verkäufer nahezu ungeschlagen: Die Fernsehverträge, die der NFL in den 90er Jahren leichte Verluste eingebracht hatten, wurden auf sein Bestreben anders verhandelt. Der damalige Commissioner Paul Tagliabue hatte Jones auf Liga-Seite in das Feilschen mit den Networks aufgenommen, FOX wollte zudem als neuer übertragender Sender einsteigen.
Der Rest ist Geschichte - die Rechte für Fernsehverträge erreichten schwindelerregende Höhen und der charismatische Verkäufer Jerry Jones hatte gewichtigen Anteil daran. So viel, dass er 2017 in die Hall of Fame aufgenommen wurde - speziell für seine Leistungen und Verdienste um die Liga, die ohne ihn nicht so glänzend dastehen und Rekordeinnahmen einfahren würde.
Erfolg, den er als General Manager seit seinen Anfangstagen mit drei Titeln nie mehr so wiederholen konnte. Die Cowboys pendelten seit der Jahrtausendwende irgendwo im Mittelfeld, manchmal unten wie 2015 mit einem Record von 4-12, oft in der Regular Season sehr gut, aber nie mehr weiter als in der Divisional Round in den Playoffs.
Parsons-Trade sorgt für Verwunderung
Trotzdem wollten und wollen die Spieler für "Americas Team" auflaufen. Das lag zum einen an der Strahlkraft des Sterns und dem Ruhm früherer Tage, zu dem Jerry Jones entscheidend als der ultimative Verkäufer seiner Franchise beitrug: Kein Team war öfter bei "Hard Knocks", der HBO-Serie zur NFL-Offseason, zu sehen. Die aktuell bei Netflix gezeigte Doku "The Gambler and His Cowboys" dreht sich um Jerry Jones und seine Franchise. Kostenlose Werbung und Einblicke, die den Ruhm - und damit auch die zukünftigen Einnahmen - weiter steigern dürften.
Zum Anderen waren die Cowboys unter Jones immer bekannt dafür, ihre Stars sehr gut zu bezahlen - und gegebenenfalls auch über die ein oder andere Verfehlung hinwegzusehen. Das Muster durchbrach General Manager aber kürzlich: Irgendwann musste er sich wohl mit Outside Linebacker Micah Parsons überworfen haben, anders ist der Trade zu den Packers fast nicht zu erklären.
Die Taktik, Parsons ohne dessen Agent persönlich zu einer Unterschrift überreden zu wollen, ging definitiv nach hinten los. Der Verkäufer Jerry Jones war hier ausnahmsweise nicht erfolgreich.
Jerry Jones macht aus Cowboys ein Familiunternehmen
Trotzdem nimmt Jerry Jones auch mit mittlerweile 82 Jahren einen erneuten Anlauf zum Football-Olymp: Gelifted, immer noch erstaunlich kraftvoll und mit Visionen, wie die NFL und seine Cowboys weiter wachsen können. Zusammen mit Ehefrau Gene an seiner Seite, die so gut wie nie ein Spiel live verpasst hat, und seinen drei Kindern als Helfer sowie potenziellen Erben der Dynastie.
Jerry Junior, Charlotte und Stephen waren 19, 22 und 25 alt, als Jerry Jones die Franchise gekauft hat und alle drei als Mitarbeiter an seiner Seite haben wollte. Auch hier war Überzeugungskraft nötig: Weder gab es Erfahrung in diesem Bereich noch wollten die jungen Erwachsenen unbedingt nach Dallas ziehen. Die Familienbande und Jerry Jones Überredungskunst klappten auch hier und alle drei sind immer noch in verantwortlicher Position tätig: Stephen Jones als Chief Operating Officer, Charlotte Jones als Chief Brand Officer und Jerry Jones Jr. als Chief Sales & Marketing Officer, zudem sind sie auch als Co-Owner.
Die Nachfolge ist geregelt, allerdings stehen alle drei noch im Schatten des Familienvorstands, der als einziger Mensch bislang National Championship als Spieler und den Super Bowl als Owner gewonnen hat. Dass der freiwillig von seinem Traumjob zurücktritt, ist nicht zu erwarten, und auch ein Verkauf der Franchise erscheint ausgeschlossen. Wobei er als Verkäufer sicher einen Rekordpreis erzielen würde.