Als am vergangenen Wochenende erstmals "fire Harbaugh"-Sprechhöre durch das M&T Bank Stadium in Baltimore hallten, sah man im Blick des Adressaten keinerlei Reaktion. Und wie hätten diese auch ausfallen sollen? Unmittelbar zuvor hatten die Los Angeles Rams in Form von Tyler Higbee den nächsten Touchdown erzielt und auf den Endstand von 3:17 aus Sicht der Ravens gestellt.
Und während das erneute Fehlen von Quarterback Lamar Jackson verdeutlichte, wie abhängig Baltimore in der Offensive vom 28-Jährigen ist, machte sich auf den Rängen der Unmut breit. Frust. Über die Leistungen des Teams, Coaching-Entscheidungen von John Harbaugh und eine weitere Saison, die droht, von leeren Versprechungen und unausgeschöpftem Potenzial geprägt zu sein.
Wie viel entschuldigen die Verletzungssorgen?
Fairerweise muss gesagt sein, dass die Ravens zu den Teams gehören, deren theoretisches Potenzial durch diverse namhafte Verletzungsfälle eingeschränkt wird. Neben dem bereits erwähnten Jackson ist auch die auf dem Papier so starke Defensive angeschlagen. Mit Nnamdi Madubuike fehlt der beste Defensive Lineman, mit Linebacker Roquan Smith der wahrscheinlich zweitwichtigste Mann der Front Seven.
Zählt man dann noch Cornerback Chidobe Awuzie hinzu, bleibt die Verteidigung Baltimores zwar gut, muss aber ohne mehrere Star- beziehungsweise wichtige Rollenspieler auskommen. Sollte ein Team, das um den Super Bowl mitspielen möchte, Derartiges kompensieren können? Durchaus. Insbesondere, weil es der Konkurrenz ähnlich geht. Allerdings ist es eine Erklärung, weshalb die vor der Saison so hochgelobte Defense der Ravens nur situativ glänzen kann.
Und dann wäre da noch die Offensive. Das eigentliche Herzstück und in der Theorie nicht weniger stark als die Punkteverhinderer. Von Running Back Derrick Henry, über eine starke Offensive Line um Ronnie Stanley, bis zu Anspielwaffen wie Zay Flowers oder DeAndre Hopkins. Hier zeigt sich allerdings ein Kernproblem der Ravens: Während sich ein echtes Topteam dadurch auszeichnet, dass der Ersatz-Quarterback das Schiff zumindest auf Kurs halten kann, bis der Starter von seiner Verletzung zurückkehrt, weil Playbook und Scheme anpassbar sind, fällt die offensive Spielidee in Baltimore gänzlich in sich zusammen, sobald Lamar Jackson mal nicht auf dem Feld steht.
Plötzlich trifft Head Coach Harbaugh fragwürdige Entscheidungen (wie mehrere Quarterback-Sneak-Spielzüge an der Ein-Yard-Linie des Gegners, obwohl Henry im Backfield nach dem Ball lechzt), oder gefühlt 80 Prozent des Playbooks fallen dem berüchtigten Rotstift zum Opfer, weil sie ohne Jackson augenscheinlich nicht umsetzbar sind. Die Ravens haben einen überragenden Plan A. Dieser funktioniert in der Regular Season besser als in den Playoffs, dort dafür aber nahezu perfekt. Das Problem? Plan B und C sind mehr als ausbaufähig, seit Jahren. Und diese Kritik müssen sich die Verantwortlichen gefallen lassen.
John Harbaugh bleibt unantastbar - vorerst
Glaubt man aktuellen Berichten von ESPN stoßen die zuvor erwähnten Sprechchöre auf wenig Gegenliebe bei den hohen Tieren in Baltimore. Obwohl die aktuelle Saison läuft, wie sie eben läuft, und die Ravens seit Jahren auf den großen Erfolg warten, sitzt John Harbaugh fest im Sattel. Vielleicht zurecht. Kaum ein Hauptverantwortlicher hat in den letzten Saisons so erfolgreichen Football spielen lassen wie der 63-Jährige.
Kaum jemand hat ein Team so auf Erfolgskurs gebracht wie er. Jedenfalls in der Regular Season. Und somit gilt - ein bisschen wie bei Mike Tomlin beim Rivalen aus Pittsburgh - dass der Cheftrainer nicht das Problem ist und man es viel, viel schlechter treffen könnte - fehlender Postseason-Erfolg hin oder her.
Denn ja, wie ESPN weiter schreibt, wäre Harbaugh in Rekordzeit wieder vom Markt, sollten die Ravens ihn freistellen. Aber rechtfertigt die Nachfrage an einem zweifelsohne guten Head Coach wirklich die Überlegung, dass er seine Zeit in Baltimore möglicherweise überlebt hat? Man verzeihe den Quervergleich zum Fußball, aber hatte damals jemand Zweifel an den Trainer-Fähigkeiten eines Jürgen Klopp, als dieser Borussia Dortmund verlassen hat? Nein! Klopp verließ den BVB, weil es an der Zeit war.
In der Folge profitierte der Verein, der erfolgreicher war als im letzten Jahr unter Klopp, und der Trainer, der später mit dem FC Liverpool große Erfolge feierte. Win-Win. Ist es so unvorstellbar, dass das auch in der NFL der Fall sein kann?
Ist das Titelfenster der Baltimore Ravens geschlossen?
Fest steht, dass die Baltimore Ravens vielleicht nicht länger einem geöffneten Titelfenster entgegenblicken. Zwar ist Jackson noch im besten Profisportler-Alter, aber die Offensive Line altert und Derrick Henry nähert sich unweigerlich dem Ende seiner produktivsten Zeit - auch wenn mehrere andere Schlüsselspieler verhältnismäßig jung sind. Wenn Baltimore es in Zeiten, als man den besten Kader der Liga hatte, nicht geschafft hat, ein Endspiel zu erreichen. Woher kommt der Glaube, die Überzeugung, dass die Chancen jetzt oder in den kommen ein, zwei Jahren größer werden?
Ohnehin muss die Frage erlaubt sein, ob das Titelfenster der Ravens jemals wirklich offen war. Ja, das Roster war stark. Ja, in der Theorie galten sie in den letzten Jahren stets als Titelanwärter. Faktisch kamen sie jedoch nie nah dran. Weder spielten Lamar und Co. wie ein Super-Bowl-Anwärter, sobald es gegen Buffalo oder Kansas City ging, noch standen sie - wie auch immer - im größten Spiel der Saison.
Die Ravens waren nicht mehr als ein Versprechen. Ein "what could have been?" Das gewinnt Regular-Season-Spiele. Das bringt mediale Aufmerksamkeit. Das macht einen eventuell auch zu "Everybody's Darling". Es öffnet allerdings kein Meisterschaftsfenster. Hat es nie, und wird es auch nie.