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Ravens vor einem Umbruch? - Warum die Cardinals auf eine Quarterback-Debatte zusteuern

kicker

FIRST DOWN: Die Titans feuern Brian Callahan

Noch vor dem Monday-Night-Doppelfinale für Woche 6 gab es die erste Trainerentlassung dieser Saison: Brian Callahan ist in Tennessee nicht mehr im Amt, und das war überfällig.

So desolat die Jets auch mitunter wirken, so enttäuschend die Raiders auch sind - es ist für mich nicht einmal ansatzweise anzuzweifeln, dass die Titans das schlechteste Team in der NFL sind.

Das Team wirkte bisweilen fast weniger kompetitiv als im Vorjahr, als man die Saison bereits mit dem Nummer-1-Overall-Pick beendete. Am Sonntag gegen ein ebenfalls schwaches Raiders-Team holte Tennessee ganze 22 Net Yards mit den ersten fünf Drives. Beim sechsten Drive warf Rookie-Quarterback Cam Ward eine Interception, als er abermals den Ball zu lange hielt.

Die Investitionen in die Offensive Line haben sich bis dato so gar nicht ausgezahlt. Auch O-Line-Coach Bill Callahan konnte die Unit nicht in die Spur bringen. Er verließ Tennessee im Zuge der Entlassung seines Sohnes ebenfalls. Die Playmaker-Tiefe ist ein Problem und, der schlimmste Punkt: Ward wirkt schlecht vorbereitet.

Die Offense ist inkohärent, die wenigen Highlight-Würfe von Cam Ward gehen unter in einer Vielzahl an Snaps, bei denen man sieht, wie der Rookie-Quarterback noch überfordert wirkt. Hier müsste ein Coaching Staff ihn mehr an die Hand nehmen, in Tennessee passierte das so gar nicht. Stattdessen erklärte Callahan nach der Pleite gegen die Raiders, dass auch Ward besser spielen müsse. Das stimmt, aber es war maßgeblich Callahans Job, dafür zu sorgen. Callahan hatte bereits nach Woche 3 das offensive Play-Calling abgegeben. Verbesserungen brachte auch das nicht.

Und da sprechen wir noch gar nicht von Dingen wie Game Management oder dem Auftreten als Head Coach nach außen bereits seit der vergangenen Saison. In beiden Bereichen wirkte Callahan überfordert.

Rookie-Quarterbacks und der Head-Coach-Fluch

Es ist mitnichten ein neues Phänomen. Die letzten vier Quarterbacks, die an Nummer-1-Overall gepickt wurden, mussten mitansehen, wie ihr Coach noch während ihrer Rookie-Saison gefeuert wurde: Urban Meyer in Jacksonville nachdem sie Trevor Lawrence gedraftet hatten, Frank Reich in Carolina (Bryce Young), Matt Eberflus in Chicago (Caleb Williams) und jetzt eben Callahan in Tennessee, kein halbes Jahr nachdem die Titans Ward ausgewählt haben.

Teams, die an Nummer-1-Overall picken, sind selten gut, auch wenn die Panthers und Bears in dem Fall via Trade dorthin gekommen sind. Die Aussage traf trotzdem auch auf diese Teams zu. Und bei schlechten Teams wird es umso offensichtlicher, wenn Head Coaches überfordert sind.

Dann ist schnelles Handeln wichtig, denn: Es gilt - jetzt auch für die Titans und Cam Ward - die Entwicklung des Rookie-Quarterbacks zu retten.

Im Laufe des Montags kamen dann Berichte raus, wonach man in Tennessee eigentlich die Saison abwarten wollte, aber letztlich zu dem Schluss kam, dass schlicht jegliche Weiterentwicklung fehlte. Dass es keinen Fortschritt gab. Und das ist eine Beobachtung, die man auch von außen nur bestätigen kann.

Fliegt Miamis Mike McDaniel als nächstes?

Eine Head-Coach-Entlassung innerhalb der ersten Saisonhälfte ist nicht ungewöhnlich. Und es ist nicht auszuschließen, dass zeitnah eine weitere folgt.

Der Fokus in dieser Thematik geht jetzt auf Mike McDaniel in Miami. Im Gegensatz zu Callahan kann McDaniel über seine Amtszeit bei den Dolphins einige der produktivsten Offenses der Liga vorweisen. Und auch dieses Jahr hat Miami in der Hinsicht zuletzt die Kurve gekriegt.

Bei den Dolphins in der McDaniel-Ära sprechen wir eher über Soft-Faktoren. Das Team scheint hinter den Kulissen nicht die Disziplin zu haben, die es braucht, und das fällt direkt auf den Head Coach zurück.

Quarterback Tua Tagovailoa sprach nach der Niederlage gegen die Chargers am Sonntag darüber, dass Spieler zu spät - oder gar nicht - zu Player's only Meetings kommen. Das wiederum reflektiert eher auf den Mangel an Leadership von Tua selbst und den Anführern innerhalb des Locker Rooms. Doch zu häufig selbst in den sportlich erfolgreichen Jahren waren die Dolphins ein Team, das nicht so mit Widerständen umging, wie man es von Top-Teams erwarten würde.

In jedem Fall ist der relevante Punkt dieser: Wenn sich der Starting-Quarterback nach einem Spiel vor die Presse stellt, und seinen eigenen Locker Room so öffentlich kritisiert, dann ist das Team vermutlich an einem Punkt angekommen, an dem es nicht mehr zu retten ist. Die Dolphins wirken wie ein Team, bei dem der Head Coach den Locker Room verloren hat, und die Anführer innerhalb des Teams nicht stark genug sind, um den Laden dann noch zusammenzuhalten.

Das kann nur dazu führen, dass der Head Coach gehen muss. Und in Miami wäre es dann auch sehr dringend an der Zeit, dass man einen kompletten Neustart inklusive neuem GM wählt.

SECOND DOWN: Brissetts Auftritt verrät etwas über den aktuellen Quarterback-Prototyp

Fünf der Top-10-Quarterbacks in Quarterback Rating über die ersten sechs Wochen dieser Saison sind: Daniel Jones, Dak Prescott, Sam Darnold, Jared Goff und Baker Mayfield. Alle fünf sind auch in den Top 10 in Expected Points Added pro Play unter Quarterbacks, drei von ihnen - Darnold, Prescott und Goff - sind zudem Top 10 in Completion Over Expected. Jones steht hier auf Platz 12.

Vier dieser fünf Quarterbacks - Prescott ist die eine Ausnahme - wurden bereits mindestens ein Mal von einem Team aussortiert und fallengelassen. Darnold, Jones und Mayfield erleben gerade die mit Abstand beste Phase ihrer Karriere, im Fall von Jones und Darnold bei neuen Teams.

Es ist eine saisonübergreifend große Geschichte. Einst hoch gedraftete Veteran Quarterbacks, die bei ihren initialen Teams keinen Erfolg hatten, legen plötzlich Top-10-Zahlen auf. Es ist eine Thematik, die viel darüber verrät, wie essenziell zwei Dinge sind: Die Umstände, in denen der Quarterback spielt - und das Vertrauen, das er bekommt.

Viele dieser Quarterbacks kamen mit dem "Gescheitert"-Stempel zu neuen Teams, wo sie von anderen Coaches erst einmal mental aufgebaut wurden. Wo sie das Vertrauen zu spüren bekommen haben. Und dann kamen sie in eine funktionierende sportliche Infrastruktur, in der sie plötzlich ein funktionierendes Zahnrad im Gesamtkonstrukt der Offense sind.

Das sind sehr relevante Themen, auch wenn wir über die Erwartungen an Rookie-Quarterbacks sprechen. Und, noch erweitert, wenn wir über Draft-Strategien diskutieren und darüber, wann Teams Quarterbacks hoch picken sollten.

Ein ungewohnter Receiver-Typ dominiert

Es gibt aber einen Punkt, den diese fünf Quarterbacks gemeinsam haben. Und den haben sie nicht exklusiv für sich; unter anderem Matt Stafford, Justin Herbert und Drake Maye fallen auch ganz klar in diese Kategorie.

Die Rede ist von der Toughness in der Pocket und dem Attackieren der Mitte des Feldes.

So viele Big Plays dieser Quarterbacks in dieser Saison sehen so, oder so ähnlich aus: Nach dem Dropback - nicht selten kombiniert mit einem Play Action Fake - arbeiten sie diszipliniert vertikal durch die Pocket. Sie halten die In-Play-Struktur intakt, bleiben in einer engen Pocket und feuern dann Bälle über die Mitte in enge Fenster raus.

Das lässt sich ganz direkt auch bei den drei dominantesten Receivern der bisherigen Saison erkennen. Puka Nacua bei den Rams, Jaxon Smith-Njigba in Seattle und Emeka Egbuka bei den Bucs sind nicht die athletisch-physischen Freaks, die wir sonst häufig an der Spitze dieser Position sehen. Spieler wie Ja'Marr Chase, Justin Jefferson, Tyreek Hill, A.J. Brown oder auch Nico Collins und Mike Evans. Das liegt teilweise auch an deren unterschiedlichen Quarterback-Situationen, aber die produktivsten Receiver dieser Saison sind nicht diejenigen, die man im Sommer als dominante Outside Receiver auf dem Zettel hatte.

Vielmehr gingen Nacua, Smith-Njigba und Egbuka eher mit einem Slot-Label in die Saison. Alle drei hatten entweder bislang primär innen gespielt, oder wurden dorthin prognostiziert. Doch spielen alle drei in Offenses, bei denen die Grenzen zwischen Outside und Slot Receiver stark verschwimmen. Smith-Njigba etwa spielt in Seattle dieses Jahr weit über 70 Prozent seiner Pass Play Snaps Outside, nachdem er letztes Jahr bei knapp 84 Prozent im Slot war.

Allerdings ist dieses Label irreführend. Denn durch die vielen engen Formationen ist er selten ein isolierter Outside Receiver wie etwa Evans, Brown oder Collins das häufig spielen. Stattdessen bekommt er weiter den Platz, um innen und außen zu arbeiten und als Route Runner zu gewinnen - und kann vertikal attackieren. Egbuka ist ein ähnliches Thema, während Nacua der Meister des toughen Catches über die Mitte ist.

Brissett sorgt für Arizonas bestes Passing-Spiel der Saison

Wir sehen innerhalb dieser Schemes einen "anderen" Receiver-Typ, der dominiert. Vor allem aber legen auffällig viele Quarterbacks dieses Jahr Top-10-Zahlen auf, die im Vakuum vermutlich in nicht allzu vielen Top-10-Quarterback-Rankings auftauchen. Und das bringt mich zum Auftritt der Cardinals am Sonntag gegen die Colts.

Arizona musste am Sonntag ohne den am Fuß verletzten Kyler Murray auskommen. Murray spielt bislang eine gute Saison, doch ohne ein funktionierendes Run Game fehlte es der Offense komplett an Rhythmus, mehr noch: Arizona hat keine offensive Identität. In Phasen gefiel die Passing Offense, komplette Spiele lieferte sie dabei aber nicht ab, und dann war es meist auch Murray individuell, der die Offense in diesen Phasen durch die Luft bewegte.

Der offensichtliche Unterschied im ersten Start von Backup-Quarterback Jacoby Brissett war in erster Linie eben jener Aspekt, der noch nie Murrays Stärke war: Das Spiel aus einer engen Pocket, um von dort das ganze Feld öffnen zu können.

Brissett hatte 320 Yards durch die Luft, Murray kam in der laufenden Saison noch in keinem Spiel auf über 220 Passing-Yards. Arizonas 17 First Downs durch die Luft waren ebenfalls ein Höchstwert für diese Saison und mehr Yards pro Pass hatten die Cardinals nur gegen Carolina. Und das weitestgehend ohne Marvin Harrison, der früh im Spiel mit einer Gehirnerschütterung raus musste.

Es wirkte strukturell viel mehr wie die Offense, die Arizonas Coaches tatsächlich spielen wollen. Vielleicht der eklatanteste Split: Mit Brissett agierte Arizona bei fast 50 Prozent seiner Snaps Under Center. Über die ersten fünf Wochen lag diese Zahl bei knapp 22 Prozent.

Brissett hatte am Sonntag prompt halb so viele Completions bei Play Action (12) wie Murray in den ersten fünf Spielen zusammengenommen (24). 145 Yards und einen Touchdown legte Brissett via Play Action auf, Murray steht nach fünf Spielen bei 233 Play-Action-Passing-Yards und ebenfalls einem Touchdown.

Was macht man damit aus Cardinals-Sicht? Murray könnte mit seiner Fußverletzung nochmals ausfallen. Doch ist diese Partie gegen die Colts - die zugegebenermaßen mehrere Ausfälle in ihrer Secondary kompensieren mussten - der Anfang einer größeren Quarterback-Diskussion in Arizona?

Cardinals: Quarterback-Debatte? Stil-Debatte!

Ich würde es so formulieren: Es ist weniger eine Quarterback-Debatte im eigentlichen Sinne. Es ist eher eine stilistische Frage, die sich hervorragend in die gesamten Offense-Beobachtungen der laufenden Saison einordnet.

Während Defenses immer besser darin geworden sind, im Dropback Passing Game Shot Plays zu limitieren, während sie gleichzeitig da Run Game gut aus 7-Mann-Boxes verteidigen können, sind Offenses dieses Jahr besonders dann produktiv, wenn sie tiefe In-Breaker und kleine Fenster spät im Down treffen können. Dafür muss man jedoch die Play-Struktur innerhalb der Pocket intakt halten. Offenses, die viel Under Center Play Action einbauen, sind dieses Jahr wieder deutlich gefährlicher.

Da war noch nie Murrays Spiel. Mit seiner Größe hat er generell Nachteile in einer engen Pocket, er war aber auch noch nie ein komfortabler Passer aus einer unsauberen Pocket. Murray ist besser, wenn er außerhalb der Pocket kreieren kann, wenn man sein Run Game als Säule der Offense einbezieht und ihm auch basierend darauf Shots eher außerhalb der Pocket ermöglicht. Dann kann auch er Top-10-Zahlen auflegen.

Das haben wir vom aktuellen Regime in Arizona selten gesehen. Was wiederum die Frage aufwirft, ob die Coaches ihre Offense nicht mehr um Murrays Stärken aufbauen müssten. Warum es hier nicht mehr Anpassungen gab und gibt. Und vielleicht ist das der klarste Hinweis darauf, dass die Kyler-Murray-Ära in Arizona mit großen Schritten ihrem Ende entgegen geht.

In der Beobachtung von Offenses und den Quarterbacks, die gerade in der NFL funktionieren, steckt aber noch viel mehr. Es wird spannend sein zu sehen, wie diese Quarterback-Prototypen über die weitere Saison halten. Ob Defenses hier Lösungen finden. Und inwieweit andere Quarterbacks mit ähnlichen Qualitäten - Mac Jones zeigt das gerade in San Francisco beispielsweise - im Zuge dieses Trends ebenfalls bald neue Starting-Gelegenheiten bekommen.

THIRD DOWN: Welche Schlüsse sollten die Ravens aus dieser Saison ziehen?

Ich verstehe jeden Ravens-Fan, der nach diesem Saisonstart mit sehr viel Wut im Bauch in die Bye Week geht. Ein Sieg steht fünf Niederlagen gegenüber. Mit der 3:17-Pleite gegen die Rams am Sonntag haben die Ravens jetzt schon so viele Spiele verloren wie in der gesamten vergangenen Regular Season.

Diese fünf Pleiten waren nicht alle gleich. Gegen die Bills verlor man ein wildes Spiel nach deutlicher Führung; ein Umstand, der jetzt im Rückblick noch mehr wehtut. Gegen Detroit kollabierte die Defense. Gegen die Chiefs zerfiel das Team buchstäblich in seine Einzelteile. Und mit einem Lazarett im neunstelligen Cap-Space-Wertbereich war man zuletzt gegen die Texans und dann in der zweiten Hälfte gegen die Rams weitestgehend chancenlos.

Wide Receiver Rashod Bateman gab unter der Woche vor dem Rams-Spiel selbst zu, dass es "irgendwo erschreckend" sei, und in diese Richtung dürften auch zumindest Teile der Fan Base tendieren. Baltimore ging als einer der absoluten Titelfavoriten in die Saison. Vor Saisonstart wirkte kein Team kompletter. Davon sind wir weit entfernt.

Das fiel auch schon in der kurzen Zeit auf, bevor Verletzungen das Team komplett zerrissen. Die Defense wackelte unerwartet stark, während die Offensive Line ebenfalls Probleme hatte und Baltimore zum ersten Mal seit Jahren den Ball nicht am Boden bewegen konnte.

Der Knackpunkt früh in der Saison aber für eine faire Analyse ist, dass die Ravens bisher noch gar keine faire Chance hatten, diese Probleme zu reparieren. Denn hier kommt man zu den Ausfällen: Die Defense hatte zwischenzeitlich kaum noch Starter übrig, und das ist keine Übertreibung. Während offensiv mit Lamar Jackson der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Offense fehlte.

Die wahre Ursache des Frusts in Baltimore?

Worauf ich hier hinaus will: Der Frust, der sich in Baltimore gerade entlädt, ist nicht einfach der Frust darüber, dass man gerade vielleicht einfach die absolute Horrorsaison erlebt, und sich das Titelfenster damit weiter schließt.

Es ist - so analysiere ich das zumindest - der Frust darüber, kombiniert mit dem angestauten "schaffen wir den großen Wurf in dieser Konstellation jemals?"-Playoff-Frust.

Letztes Jahr war in der Divisional Runde Schluss, im Jahr davor schaffte man es immerhin ins Championship Game - zum ersten Mal in der Lamar-Jackson-Ära. Im Super Bowl standen Jackson und John Harbaugh noch nie und die Angst davor, dass dieses Fenster jetzt zugeht, ist in der Betrachtung der Ravens aktuell das Nummer-1-Thema. Zumindest in beträchtlichen Teilen der Fan Base.

Dabei sind das - Playoff-Misserfolge versus das, was gerade mit dieser Ravens-Saison passiert - zwei grundverschiedene Themen. In San Francisco hat man fast akzeptiert, dass es alle paar Jahre eine derart verkorkste, von Verletzungen geprägte Saison geben wird. Die Niners haben zwar mit Shanahan auch noch keinen Titel gewonnen, waren aber mehrfach signifikant näher dran als die Ravens mit Lamar Jackson.

Entsprechend kürzer ist der Geduldsfaden in Baltimore. Dabei sind es, nochmal, unterschiedliche Themen.

Wie viel Kritik verdient Harbaugh für die Playoff-Niederlagen?

Einmal kurz für sich betrachtet: Das jährliche Scheitern in den Playoffs, so frustrierend es auch ist, wäre ein stärkeres Argument gegen den Head Coach, wenn die Ravens immer wieder mit dem Kopf gegen die gleiche Wand rennen würden. Doch ist das in Baltimore nicht der Fall. Hier würde ich beispielsweise die Bills oder die Bengals sehr viel kritischer sehen was das angeht.

In den vergangenen Jahren hat Harbaugh den Offensive Coordinator und den Defensive Coordinator ausgetauscht und dabei signifikante schematische Veränderungen durchgeführt. Die Ravens auf beiden Seiten des Balls sind ein strukturell und schematisch völlig anderes Team als noch vor vier Jahren. Sie haben unterschiedliche Ansätze versucht. Das ist kein Team, das stagniert.

Am ehesten kann man Harbaugh mit Blick auf die Soft-Faktoren hier kritisieren. Warum wirken die Ravens in den Playoffs häufig so nervös? Warum unterlaufen ihnen immer wieder diese kritischen Fehler in den größten Spielen? Das kann man nicht an einer Person festmachen, aber das mentale Makeup des Teams fällt letztlich auf den Head Coach zurück.

Vielleicht ist es eine Situation, in der es einen Tapetenwechsel braucht. Frischen Wind. Manchmal ist das schlicht so. Und vielleicht ist eine verkorkste Saison, in der Baltimore die Playoffs verpasst, das Sprungbrett dahin.

Ich will nicht einmal dafür argumentieren, dass das zwangsläufig ein Fehler wäre. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass Harbaugh sehr schnell wieder einen Job hätte und dass Baltimore dann durchaus lernen könnte, dass man sich anschließend eher verschlechtert, als dass man sich verbessert.

Wie antworten die Ravens nach der Bye?

Wovor ich warnen würde, ist, die aktuelle Saison als Argument zu nutzen, um es mit den Playoff-Problemen zu vermischen und dann zu dem Schluss zu kommen, dass Harbaugh gehen muss.

Ich gehe fest davon aus, dass auch Harbaugh rückblickend, insbesondere gegen Houston, gerne einige Dinge anders gemacht hätte. Gegen die Rams sah man eine Antwort zumindest auf der defensiven Seite, auch wenn es in der zweiten Hälfte kein kompetitives Spiel mehr war.

Jetzt geht Baltimore in seine Bye Week und sollte gesünder daraus zurückkommen - und mit einem Plan. Die Division ist selbst mit fünf Niederlagen noch nicht abgeschrieben, das gilt auch für das Wildcard-Rennen in der AFC.

Wenn man diese Saison als Referendum für Harbaughs Zukunft in Baltimore betrachten will, dann sollte der Fokus auf dem liegen, was er nach der Bye mit seinem Team macht.

FOURTH DOWN: Die Cincinnati Bengals brauchen einen Neustart

Die historische Cinderella-Story blieb aus: Es gelang Joe Flacco nicht, die Packers innerhalb einer Regular Season ein zweites Mal mit einem anderen Team zu schlagen.

Nach seinem überraschenden Sieg mit den Browns gegen Green Bay vor einigen Wochen legte Flacco am Sonntag in seinem ersten Spiel für die Bengals immerhin zwei Touchdowns auf - darunter ein spektakulärer Catch von Ja'Marr Chase -, brachte aber auch nur 29 von 45 Pässen für ganze 4,9 Yards pro Pass an. 25 seiner 45 Pässe flogen nicht weiter als sechs Yards das Feld runter.

Flacco gab der Offense mehr als Jake Browning zuletzt, das dürfte außer Frage stehen. Doch war das auch eine sehr, sehr geringe Hürde. Wirklich kompetitiv waren die Bengals nur, weil Cincinnatis Defense eine erstaunlich solide erste Hälfte ablieferte.

Für die Bengals steht nach sechs Spielen dennoch eine 2-4-Bilanz. Alle Spiele mit einem anderen Starter als Joe Burrow hat man verloren. Nach dem 10:48 gegen die Vikings, dem 3:28 gegen Denver und dem mit jeder Menge Garbage-Time-Punkten beschönigten 24:37 gegen Detroit war das 18:27 gegen Green Bay die nächste klare Niederlage für Cincinnati. Auch wenn es zugegebenermaßen zumindest in der zweiten Hälfte nicht ganz so hoffnungslos auf der offensiven Seite des Balls war.

Vor allem aber steht die Frage im Raum: Was war der Beweggrund für den Trade für Joe Flacco? Gibt es überhaupt ein Szenario, in dem das Cincinnatis Saison noch spürbar verbessert?

Gab es keine bessere Alternative zu Flacco?

Dabei ist es komplett nachvollziehbar, dass die Bengals das Gefühl hatten, etwas machen zu müssen. Denn so sehr wir von außen manchmal auch darauf hinweisen, dass eine Saison verloren ist, dass ein nachhaltiger Ansatz jetzt empfehlenswert wäre, dass man langfristig denken sollte - so können NFL Teams nicht denken und handeln.

Und das gilt nicht nur für Coaches, die gerade um ihren Job zittern. Die Bengals hätten ihrem Locker Room nicht verkaufen können, dass man jetzt weitere drei Monate einen völlig überforderten Jake Browning spielen lässt. Das ist Teil des menschlichen Aspekte im Umgang mit dem Team. Das ist verständlich.

Aber dann hätte es nur zwei sinnvolle Optionen gegeben. Entweder, man hätte sich um einen jungen Quarterback mit noch Upside bemüht. Malik Willis, Sam Howell, Trey Lance - das Prinzip Mut der Verzweiflung. Das wäre ein riskanter Weg gewesen, mit einer realistischen Chance, dass es sogar schlechter läuft als mit Browning. Aber es hätte eben auch die Upside darauf gegeben, vielleicht einen aufregenden jungen Quarterback mit diesem immer noch herausragenden Playmaker Arsenal zu kombinieren und der Offense einen Spark zu geben. Eventuell hätte man sogar einen Glückstreffer gelandet.

Oder aber, die zweite Option: Man hätte einen Veteran geholt, mit dem zumindest die Chance besteht, dass er die Offense über drei Monate kompetitiv hält. Kirk Cousins muss hier der erste Name sein, Jameis Winston würde ich hier ebenfalls ins Rennen werfen.

Flacco ist das nicht. Joe Flacco konnte letzte Saison in Indianapolis seinen Platz nicht gegen Anthony Richardson verteidigen. Diese Saison wurde er nach vier Spielen für Drittrunden-Rookie Dillon Gabriel gebenched - mit dem die Offense gegen Minnesota prompt runder lief. Flacco kann der Offense mehr Baseline geben als Browning, das haben wir direkt am Sonntag gesehen. Aber kann er mehr als das?

Was ist möglich für die Bengals mit Flacco?

Der Best Case für Flacco dürfte sein, dass er den Bengals zwei, vielleicht drei unterhaltsame Spiele liefert, weil er Chase und Higgins ein paar Big Plays serviert. Und selbst das wird hinter dieser Offensive Line nur vereinzelt passieren.

Flacco macht die Bengals etwas kompetitiver, verglichen mit Browning. Aber eben kompetitiver. Nicht kompetitiv. Was wieder die Frage in den Raum wirft, welche Motivation vonseiten der Bengals-Verantwortlichen hinter dieser Entscheidung stand.

Denn Big Picture betrachtet bringt dieser Move die Bengals in keiner Hinsicht weiter. Selbst wenn man die Schwierigkeit der Situation bedenkt, selbst wenn man die Locker Room Dynamiken berücksichtigt. Flacco zu verpflichten wirkt wie genau der Move, den ein Front Office jetzt macht, um zu signalisieren, dass man etwas gemacht hat um sich ein wenig Ruhe zu erkaufen - während man gleichzeitig möglichst wenig dafür investiert.

Was, wenn man es so formuliert, irgendwie auch wieder zu den Bengals passt. Die spannende Frage allerdings ist: Steht mehr als nur, überspitzt gesagt, die Stimmung im Team hinter dieser Entscheidung? Haben die Verantwortlichen tatsächlich Druck, diese Saison halbwegs glimpflich zu beenden, andernfalls wackeln ihre Stühle?

Sorgt Burrows Verletzung für einen Neustart?

Die Mühlen in Cincinnati mahlen tendenziell langsamer als bei den meisten anderen Teams. Und Burrow zu verlieren ist natürlich ein legitimes Argument, um zu erklären, warum diese Saison ein sportlicher Reinfall ist.

Doch gibt es auch darin Abstufungen. Und es steht die Frage im Raum, was es über das Gerüst des Teams verrät, aber auch über den Floor, den das Coaching bereiten sollte, wenn eine Quarterback-Verletzung das Team derart chancenlos wirken lässt.

Niemand erwartet, dass die Bengals ohne Burrow zehn Spiele gewinnen. Aber zu sehen, wie hoffnungslos verloren sich Cincinnati präsentiert, ist dann doch ein relevanter Datenpunkt in der Bewertung der Verantwortlichen.

Ob das am Ende zu einem Umdenken intern führt? In Cincinnati ist das besonders schwer zu sagen. Dass die Bengals in der laufenden Saison ohne Burrow quasi nicht kompetitiv sind, ist zumindest für den Moment erst einmal eine Tatsache. Und damit eine direkte Reflektion der Arbeit des GMs und des Head Coaches.