Im College war Travis Hunter ein Phänomen. Er dominierte sowohl in der Offense als auch in der Defense, gewann die Heisman Trophy und sprengte die Grenzen des Spiels. Ein Spieler wie er, der Vollzeit beide Seiten des Balles auf überragendem Niveau spielt, war in diesem Ausmaß in der NFL bislang unbekannt. Zwar gab es immer wieder Spieler, die beide Seiten des Balles spielten - etwa Hunters College Head Coach Deion Sanders -, doch das Ausmaß, in dem Hunter dies tat und tun sollte, suchte seinesgleichen.
Nutzung weit unter dem Anspruch
Ein einmaliges Projekt mit einem Ausnahmespieler, den es so noch nie gab. Genau das war der Grund, warum Jaguars General Manager James Gladstone das Risiko einging und nach oben tradete: "Travis Hunter verkörpert Glauben. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, ein außergewöhnlicher Spieler, und er erinnert uns daran, dass die Grenzen des Footballs dazu da sind, um herausgefordert zu werden," sagte er auf einer Pressekonferenz nach dem Draft. Doch bislang ist der Versuch, Hunter als echten Two-Way-Player in der NFL zu etablieren, mehr Wunschtraum als Realität.
Hunter kommt in vier Spielen auf 260 Snaps - 159 in der Offense, 101 in der Defense. Klingt viel, ist im Vergleich aber wenig. Die beiden Receiver, die nach ihm in der ersten Runde des Drafts ausgewählt wurden, Tetairoa McMillan und Emeka Egbuka, bringen es im Schnitt auf rund 240 Snaps. Damit erreicht Hunter offensiv nur etwa 66 Prozent der Einsatzzeit der genannten First Round Wide Receiver. Defensiv liegt er sogar noch darunter: Trey Amos, ein Zweitrunden-Pick der Commanders, steht bereits bei 189 Snaps als Cornerback - Hunter nur bei 101.
Kaum Wirkung auf dem Feld
Auch wenn er auf dem Feld steht, fehlt bislang die erhoffte Wirkung. In der Offense sind es lediglich 13 Catches für 118 Yards, ohne Touchdown und mit nur drei First Downs. Seine beste Szene war ein 28-Yard-Catch gegen die 49ers - in diesem Spiel verlor er allerdings auch einen Fumble. Defensiv fehlen bisher ebenfalls die Highlights, die bestätigen würden, dass er zurecht an Position zwei ausgewählt wurde - vom teuren Uptrade ganz zu schweigen.
Besonders bitter: Selbst zusammengezählt hat Hunter weniger Einsatzzeit als viele NFL-Starter auf nur einer Position. Giants-Cornerback Paulson Adebo kommt als "normaler" Cornerback bereits auf 294 Snaps, Browns-Receiver Jerry Jeudy auf 241. Hunter hingegen, der geholt wurde, um zwei Spieler in einem zu sein, steht in der Praxis teilweise weniger auf dem Feld als ein ganz normaler Starter in der NFL.
Noch weit weg von einer Revolution
Hunter wurde als Ausnahmeathlet verpflichtet, um die Jaguars gleichzeitig in Offense und Defense zu verstärken. Und der Anspruch an ihn war klar: Der 22-Jährige sollte ein Star sein - jemand, der Spiele prägt und Fans begeistert. Die Realität sieht anders aus: Derzeit kann man ihn nur als Rotationsspieler bezeichnen. Und selbst in dieser Rolle konnte er bislang kaum überzeugen: wenig Präsenz, kaum Big Plays und selten der Einfluss, den man sich für den Preis eines Second Round Picks und eines kommenden First Rounders erhofft hatte.
Nach vier Wochen stellt sich die Frage: Kann Hunter diesen Wert jemals rechtfertigen? Und falls ja - würde es reichen, wenn er sich dabei nur auf eine Seite des Balles konzentriert? Fakt ist: Was in den ersten vier Wochen in Jacksonville passiert ist, ist weit entfernt von einer Revolution des Sports - es ist schlichtweg enttäuschend.