Rookies haben es in der NBA oft nicht leicht. Insbesondere solche, die weit oben gepickt werden, begleiten hohe Erwartungen, denen nicht alle von ihnen direkt gerecht werden können. Wenn dann jemand erst einmal Probleme hat, werden von der breiten Öffentlichkeit zum Teil nur zu gern (und zu schnell) Urteile gefällt.
Bei Derik Queen verhält sich die Situation etwas anders. Ein Lottery-Pick war auch er, wenngleich ein später (Position 13). Experten waren ihm vor dem Draft überwiegend wohlgesonnen, der größte Druck begleitete ihn aber nicht - eigentlich. Bis zum Tag des Drafts; seither läuft er mit einer anderen Art von Hypothek in der Liga auf.
Queen wurde mit einer schier unmöglichen Aufgabe versehen. Er sollte einen Trade, den außerhalb des Front Office der Pelicans ausnahmslos jeder hasste und für riskant bis wahnsinnig hielt, irgendwie gut aussehen lassen.
Bisher schlägt er sich dabei gar nicht so schlecht.
Ein irrsinniges Risiko
Nicht, dass der Trade nun auf einmal "okay" wäre. Zur Erinnerung: Die Pelicans, die in der Lottery auch schon an Position 7 dran waren (und Jeremiah Fears zogen), verfügten ursprünglich auch noch über den 23. Pick. Diesen (Asa Newell) schickten sie für Queen nach Atlanta - mitsamt eines 2026er Erstrundenpicks. So weit, so unspektakulär.
Abgesehen von der Tatsache, dass dieser Pick komplett ungeschützt getradet wurde. Von einem Team, das vor der Saison niemand als legitimen Playoff-Kandidaten ansah, und, das dieser Einschätzung auch scheinbar gerecht wird. Mit einer 8-31-Bilanz belegen die Pelikane aktuell den letzten Platz in der Western Conference.
Durch die veränderten Lottery-Wahrscheinlichkeiten ist es zwar keine sichere Sache mehr, dass ein Team mit einer solchen Bilanz ganz weit oben picken darf. Es ist aber immer noch wahrscheinlicher als bei allen anderen Teams (aktuell: 14% Chance auf den Nr.1-Pick, 52,1% Chance, in der Top 4 zu landen).
Weshalb sich die Pelicans selbst dann, sollten sie beispielsweise NUR den 5. Pick in einem vermeintlich sehr guten Draft-Jahrgang zu den Hawks schicken, mindestens schlechten Prozess vorwerfen lassen müssen. Ein unnötiges, überzogenes Risikoverhalten. Wäre der Nr.13-Pick nicht auch mit einer gewissen Protection zu haben gewesen?
Natürlich kann Queen selbst aber nichts dafür, auf welchem Weg er in Louisiana gelandet ist. Und der Big Man kann zumindest andeuten, warum ihn die Pels so dringend zu sich holen wollten.
Sein eigenes Tempo
In allererster Linie liegt das wohl daran, dass Queen ein zutiefst ungewöhnlicher Big Man ist. Er spielt mehr wie ein Guard, weshalb auch er bereits den "Baby Jokic"-Spitznamen bekommen hat, so überzogen das auch sein mag. Einige Parallelen sind eben da: Queen spielt in seinem eigenen Tempo, sein Körper ist noch nicht so ganz ausdefiniert, und er ist ein starker Passer.
Offensiv zählt er mindestens zu den unterhaltsamsten Rookies, auch wenn seine Produktivität noch ordentlich schwankt; seinem Idol Jokic schenkte er 30 Punkte ein, hinzu kamen unter anderem 20 Punkte, 7 Rebounds und 11 Assists gegen Dallas oder 33, 10 und 10 gegen San Antonio.
Er blieb zwar auch schon in 14 Spielen unter 10 Punkten und befand sich zuletzt in einem Slump, trotzdem ist sein Impact auf die Offense der Pels - die insgesamt trotzdem schlecht ist - klar positiv (+4,3 On/Off). Seine höchsten Höhen wurden unter Rookies lediglich von Flagg, Edgecombe und Knueppel ansatzweise gematcht oder übertroffen.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass Interims-Coach James Borrego Queen bisweilen zum Kernstück dieser Offense macht. Regelmäßig ist es der Center, der vom Perimeter aus dirigiert und Cutter findet. Gerade mit Trey Murphy verfügt er bereits über eine starke Chemie und serviert dem Wing immer wieder Lob-Dunks.
Kein Shooter, aber Touch
"Dass wir die Offense über ihn laufen lassen, ich dachte, das probieren wir vielleicht mal aus", sagte Borrego vor Kurzem. "Dass wir das schon über eine gesamte Halbzeit oder über ein Viertel machen können, das hatte ich so früh in seiner Karriere aber nicht erwartet."
Unter den Rookies verteilt bisher nur Flagg marginal mehr Assists als Queen (4,1), der auch im Post oder aus dem Drive nie den Überblick verliert. In seinen Minuten nimmt NOLA unglaubliche 46,3% seiner Würfe am Ring (100. Perzentil); die Pels treffen noch nicht gut genug, aber das ist ein starker Indikator dafür, dass er die Defense auf spezielle Weise beschäftigt.
Was auch mit seinem Scoring zu tun hat. Der Jokic-Vergleich hinkt unter anderem deswegen gewaltig, weil Queen bisher kaum werfen kann. Sieben seiner bisher 37 Würfe von Downtown hat er im Korb untergebracht. In der Mitteldistanz fühlt er sich zwar etwas wohler, aber nicht direkt wohl (38%). Kein Wunder, mit seiner komischen Wurftechnik blockt er sich gefühlt selbst.
Das bedeutet jedoch nicht, dass er keinen Touch hätte. Freiwürfe trifft Queen solide (78%), ein guter Indikator für die Zukunft, zumal die Wurftechnik "repariert" werden könnte. Er hat schwierige Floater im Repertoire, packt von Zeit zu Zeit Fadeaways aus, die zeigen, dass er eine Zukunft als wenigstens akzeptabler Jump-Shooter haben sollte.
Hohe offensive Upside
Was ihn als Scorer schon jetzt besonders macht, sind aber sein Handling und seine Balance. Nicht viele Bigs sind wie er dazu in der Lage, sich vom Perimeter aus Richtung Korb zu navigieren, dabei Gegenspieler aus dem Gleichgewicht zu bringen und sich ohne großes Tempo, aber mit einem solchen Mix aus Bulligkeit und Finesse durchzutanken.
Seine Drives pro Spiel (6,4) übertreffen unter Bigs bloß Alperen Sengün, Evan Mobley, Jaren Jackson Jr., Karl-Anthony Towns und Victor Wembanyama; unter diesen Spielern begeht nur Mobley pro Drive weniger Turnover. Es sieht manchmal zwar abenteuerlich aus, aber Queen weiß in der Regel, wo er hinwill und wie er dort hinkommt. Das ist ein enorm wertvoller Skill.
Unterm Strich ist Queen bisher zwar kein effizienter Scorer - aber es scheint einen Weg dorthin zu geben, wenn der Jumper sich entwickelt. Dann könnte Queen über Jahre zum Kernstück einer funktionalen Offense werden, vielleicht nicht zwingend als Topscorer seines Teams, aber als Playmaking-Hub.
Die Fragezeichen
Deutlich mehr Fragezeichen haben mit Queens Defense zu tun. Er hat gute Hände und ist dazu in der Lage, zumindest situativ den Ring zu beschützen, obwohl er für einen Center eher klein und mäßig athletisch ist. Seine Spielintelligenz sticht aber auch defensiv immer mal heraus, ein Gespür für große Plays ist nicht von der Hand zu weisen.
Konstanter Effort jedoch ist von Queen defensiv noch nicht zu sehen. Immer mal wieder verschläft er eine Rotation komplett, wirkt im Niemandsland gefangen. Dann sind die Attribute, die ihn vorn zum Teil so unterhaltsam machen, eher hinderlich; für manche Matchups ist er bis dato auch schlichtweg zu langsam. Sein Motor läuft nicht unbedingt konstant auf Hochtouren.
Dabei fällt auf, dass er konditionell und körperlich noch nicht ideal für die NBA "gebaut" ist - selbst wenn College-Experten betonen, dass er bereits fitter und besser aussieht als in der vergangenen Saison bei Maryland. Was optimistisch stimmen sollte, zumal er in der Offseason aufgrund einer gebrochenen Hand zeitweise nicht an sich arbeiten konnte.
Nichts ist normal
Unterm Strich begleiten den 21-Jährigen zwar einige legitime Fragen - bisher überwiegt aber eindeutig das Positive. Eigentlich. Auch die Tatsache, dass die Pels nach einem kurzen Höhenflug mit fünf Siegen in Folge nun wieder bei neun Niederlagen am Stück stehen, wäre unter normalen Umständen kein Drama, bei einem Team im Rebuild.
Weil um Queen, Fears und Murphy, sofern der umworbene Swingman nicht getradet wird, trotzdem ja etwas Vielversprechendes entstehen könnte. Die Pelicans haben noch lange keinen fertigen Kader, und die nach wie vor schwierige On/Off-Beziehung mit Zion Williamson - aber es scheint sich ein Gerüst für die nächste Ära zu bilden.
Die Umstände sind nur eben nicht wirklich normal. Bis auf Weiteres wird der Trade immer mit Queen in Verbindung stehen, erst recht dann, wenn die Pels im Frühjahr tatsächlich einen Top-3-Pick nach Atlanta schicken müssen. Queen kann nichts dafür, und er kann nichts daran ändern. Er kann nur sein eigenes Rennen rennen. Oder eben schlurfen.
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