Max Hopp ist erst 29 Jahre alt, doch viele wähnten die Karriere des Junioren-Weltmeisters von 2015 bereits am Ende. Nach der WM 2021, seiner achten Teilnahme beim Großturnier im Londoner "Ally Pally", fiel er in ein Leistungsloch und war nur noch als TV-Experte für Sport1 bei den großen Turnieren dabei. Nun hat sich der "Maximiser" nach vier Jahren Abstinenz wieder für die WM in London qualifiziert.
Herr Hopp, bei Ihrem WM-Comeback wartet mit Martin Lukeman in der ersten Runde die Nummer 38 der Welt. Ein machbares Los?
Ich kenne ihn schon länger von der Tour. Er war lange ein Spieler, der sich in der Weltrangliste auf Positionen zwischen 55 und 64 bewegte. Also immer mit dabei, aber keine großen Ausschläge nach oben, bis er 2024 ein super Jahr gespielt und im Finale des Grand Slam of Darts stand. 2025 war dann hier und da auch mal schwankend - und das stimmt mich positiv. Ich würde es als lösbare Aufgabe formulieren, weil er auch dieses Jahr bei den großen Turnieren nicht die Riesensprünge gemacht hat. Ich traue mir auf jeden Fall etwas zu, da ich ihn und seine Spielweise schon lange kenne.
Mit welchem Ziel gehen Sie in Ihre neunte WM?
Es freut mich erst mal wieder sehr, dass alles geklappt hat dieses Jahr, dass die Tourcard zurück ist, dass ich mich für die Weltmeisterschaft qualifizieren konnte und auch wirklich viel ins Training investiert habe. Jetzt möchte ich mich einfach mit einem Sieg im Ally Pally belohnen, das wäre eine runde Geschichte. Mit Prognosen ist es wirklich sehr, sehr schwierig, weil wir eine hohe Leistungsdichte und ein ausgeglichenes Teilnehmerfeld haben. Es wird sicherlich in den ersten Runden die eine oder andere Überraschung geben und der eine oder andere große Name auch fallen.
Anfang Oktober warfen Sie bei einem Turnierspiel 103,57 Punkte im Average. Ein Wert, mit dem man so ziemlich jeden schlagen kann.
So schaut es aus, ja. Aber es war eben ein Spiel und ein Wert. Die hohe Kunst bei uns ist natürlich die Konstanz, ich habe dieses Jahr auch schon einige Matches bei 89 gemacht. Das ist ein stabiler Wert, aber eben auch keiner, mit dem man jeden schlagen kann. Ich bewege mich so zwischen diesem 90er-und 103er-Average. Das ist tatsächlich auch das, was die Trainingsergebnisse widerspiegeln.
Springen wir in der Zeit einmal zurück. Bei der WM 2013 haben Sie als 16-Jähriger ihre erste Weltmeisterschaft gespielt. Sind die Erinnerungen an das erste Mal im Ally Pally noch wach?
Definitiv. Ich kann Ihnen sogar sagen, welche Farbe mein Trikot hatte und wer mein Gegner war: Charles Peterson damals in der Vorrunde, ich habe mit 4:2 gewonnen. Dann bin ich in der ersten Runde knapp gegen Denis Ovens mit 2:3 ausgeschieden. Ich habe nur positive Erinnerungen an den Ally Pally - das ist einfach der kultigste Ort im Darts! Es ist die größte Bühne, die wir im Jahr bekommen. Mit 29 Jahren sagen zu können, Ich war neunmal bei dieser WM im Ally Pally dabei, freut mich einfach sehr und ich möchte das jetzt natürlich wieder regelmäßig erleben.
Und welche Farbe hatte jetzt das Trikot?
Es war ein dunkelbraunes. Ich hatte auch ein Schweißband an, das war damals noch modern und ein Trend aus dem Tennis. Ich habe das damals übernommen, auch wenn man es bei unserer Sportart gar nicht so häufig braucht.
Danach waren Sie noch sieben weitere Male dabei und erreichten zweimal die dritte Runde. Aber nach der WM 2021 wurde es auf einmal still um Max Hopp. Wenn Sie drei Gründe für den Einbruch nennen könnten, welche wären das?
Stagnation auf jeden Fall. Gemerkt, dass es im Leben nicht immer nur bergauf geht und es auch noch andere Themen gibt, denen man sich manchmal widmen muss. Das sind zumindest die drei Sachen, die ich erlebt habe - generell einfach der Prozess eines jungen Mannes. Ich habe dem Sport alles untergeordnet und dann stagniert, nachdem es jahrelang bergauf gegangen war. Ich war fünf Jahre die deutsche Nummer Eins, dann ziehen andere an einem vorbei, dazu gibt es privat noch ein paar Einrisse und Einschläge. Da steht man manchmal Mitte 20 als junger Mensch irgendwie so ein bisschen verloren da. Man weiß gar nicht so richtig: Was passiert denn hier eigentlich gerade? Und es hat eine Zeit gedauert, Dinge zu verarbeiten, zu realisieren und wieder einen neuen Fokus auszurichten. Aber schlussendlich ist es mir gelungen. Ich bin voll in meiner Kraft und hab mich einfach daran erinnert: Ich habe mal mit Darts nicht angefangen, nur um Ergebnisse abzuliefern. Sondern vor allen Dingen, weil es mir Spaß gemacht hat.
Viele hatten nicht mehr damit gerechnet, Sie nach fünf Jahren Abstinenz nochmal bei einer WM zu sehen. Wuchsen bei Ihnen auch irgendwann die Zweifel?
Nein, tatsächlich nicht. Ich bin da vielleicht ein bisschen anders eingestellt als viele andere. Ich glaube, dass wir heutzutage generell allgemein Leute zu schnell abschreiben und zu schnell den Glauben an etwas und jemanden verlieren. Das fängt im Fußball an mit den Talenten, die gehyped werden, die sich dann beim Klub nicht durchsetzen. Deswegen ist ja deren Können oder deren Potenzial trotzdem noch vorhanden. Sie brauchen vielleicht den richtigen Trainer, den richtigen Klub, damit sie wieder aufblühen können. Und so sehe ich das bei mir als Einzelsportler auch, erst recht, weil man den Sport ganz anders betrachten muss als viele andere Sportarten.
Wie meinen Sie das?
Wir haben nicht wie ein Fußballer nur bis Anfang, Mitte 30 Zeit, sondern theoretisch bis zu unserem 60. Lebensjahr. Paul Lim ist mit 71 Jahren wieder mal bei einer WM dabei, Peter Wright wurde mit 49 Jahren das erste Mal Weltmeister. Und ich wusste, dass es in mir steckt - ich konnte mir nur nicht so richtig die Lösung aufdiktieren, wie ich direkt wieder in die Erfolgsspur finde und musste mir auch einfach Zeit geben, weil es früher alles sehr turbulent und schnell ging.
Vor zwei Jahren waren Sie von einer Rückkehr recht weit entfernt. Sie spielten auf der zweitklassigen Challenge Tour und wurden zitiert mit: "Du spielst erstmal drei Spiele um nix und dann um 75 Pfund - da musst du dich erstmal zurechtfinden.“ Zuvor hatte es Zeiten gegeben, da haben Sie mit einem einzigen Sieg 15.000 Euro gewonnen.
Ich wollte eigentlich nur erklären, dass die großen Turniere eben mit der Challenge-Tour anfangen. Es ist einfach eine andere Preisgeld-Struktur, wenn du keine Tourcard hast. Das wurde dann leider ein bisschen verkürzt dargestellt, um eine Headline zu haben. Ich wollte eigentlich nur dem Darts-Fan oder demjenigen, der nur die WM verfolgt, erklären, dass du unterjährig bei Turnieren mitspielst, wo du dich ab 75 Pfund aufwärts hocharbeiten musst. Und übrigens ist auch der Erste der Challenge-Tour bei der Weltmeisterschaft dabei, beim Grand Slam und, und, und. Der verdient dann auch regelmäßig wieder diese 15.000er-Kategorien, was ja jetzt auch das WM-Startgeld ist. Bei dieser Challenge-Tour und auch bei den Qualifiern kann übrigens jeder mitmachen. Das ist ja von der PDC so gewollt, um neue Leute zu entdecken.
Wie ist da der genaue Ablauf?
Es kostet dich 600 Euro Anmeldegebühr - und dann bist du dabei. Das ist wie bei der World Series of Poker, bei der 10.000 Leute spielen können, aber nur ein paar schaffen es an den Final Table. Die ersten Stacks in den ersten Runden sind auch sehr niedrig - das heißt aber nicht, dass du hinten raus nicht trotzdem hohe Preisgelder verdienen kannst. Das wurde dann so dargestellt, als ob ich um 75 Pfund kämpfen musste, um mich am Leben zu erhalten. Und so war es eben nicht. Allein aus unternehmerischer Sicht würde ich dann sagen: Dann ist es gescheiter, junge Leute zu trainieren oder wieder in meinen alten Beruf als Groß- und Außenhandelskaufmann zurückzukehren. Diese Headline hat einfach so nicht gepasst. Da hätte man sich trotz der geringen Strahlkraft solcher Turniere mal damit beschäftigen sollen, wie sie aufgebaut sind. Ich wollte damit nur sagen: Ich fange um 9 Uhr an, habe mein letztes Spiel um 18.40 Uhr und dann zwölf Matches gemacht für die Summe, für die ich früher vielleicht ein Match gemacht habe. Aber diese Spiele bringen dich ja auch wieder in einen Wettkampfrhythmus, das war das Positive dabei.
Gab es Menschen, die Ihnen in dieser Zeit besonders geholfen haben? Sie verbrachten beispielsweise auch viel Zeit mit der inzwischen zurückgetretenen Darts-Legende Phil Taylor.
Mit ihm war ich eine Woche auf einem Kreuzfahrtschiff im Rahmen einer Darts-Werbetour. Wir haben zusammen gefrühstückt, saßen mal zusammen bei einem Glas Rotwein. Er hat mir vieles von seiner Lebenserfahrung und auch Tipps mitgegeben. Zuhause habe ich zum Beispiel dann wirklich erstmal wieder auf eine Kordel geworfen, also auf eine Linie, weil er gesagt hat: Du musst nicht immer nur auf die Felder werfen. Manchmal hilft es auch, dass du dir einfach mittig vor dem Auge eine Kordel in der 20 vorstellen kannst, dass du wieder einen geraden, fokussierten Wurf bekommst. Das waren so kleine Sachen, die er früher selbst angewandt hat, als es noch nicht so viel Technologie gab.
Geholfen hat Ihnen anscheinend auch WM-Finaltorschütze Mario Götze, der in seinem Sport wie Sie Großes geleistet hat und dann in ein kleines Loch fiel. Haben Sie die Autogrammkarte mit seinem Rat "Go all the way" immer noch?
Ja, habe ich, und ich habe mir auch seine Doku angesehen. Die Karte hat mir wirklich geholfen. Ich hatte auch mit Fabian Hambüchen mal ein sehr gutes Gespräch, der zu mir sagte: Guck mal, ich habe es in einer Nische wie Turnen trotzdem geschafft. Und das war auch nicht immer leicht und man hat mit vielen Widerständen zu kämpfen, aber man kann sich durchsetzen. Ich habe auch seine Autobiographie im Regal stehen. So kann ich von der Lebenserfahrung anderer Leute profitieren. Man merkt dadurch: Okay, im Leben kann es mal Knicke geben, in jeder Karriere gibt es auch mal ein Down. Wichtig ist, dass du wieder rauskommst, und das ist mir schlussendlich gelungen.
Sie gehören nun zu einem Teilnehmerfeld, das inzwischen auf 128 Spieler angewachsen ist. Der Gewinner erhält eine Million Pfund, bei Ihrer ersten WM-Teilnahme waren es noch 72 Teilnehmer und der Weltmeister bekam 200.000 Pfund.
Man merkt ein Wachstum in allen Bereichen. Das heißt: mehr Teilnehmer bei der WM, mehr Preisgeld, mehr Interesse, mehr Zuschauer-Tickets können verkauft werden, höhere Einschaltquoten. Ich würde sagen, neben Padel ist Darts die Sportart, die am meisten boomt, eben weil auch jeder Mensch das Prinzip leicht versteht. Drei Pfeile kann jeder Mensch werfen, von jung bis alt. Wie die Trefferquote ausschaut, das steht auf einem anderen Blatt Papier, aber es ist ein Trendsport für jedermann und die Voraussetzungen sind nicht utopisch. Man gibt nicht mega viel Geld wie beim Golf fürs Equipment aus, sondern es ist simpel, zugänglich und jeder kann es irgendwie machen. Daran würde ich es festmachen, dass dieser Sport immer beliebter wird. Zudem ist es im Fernsehen auch die perfekte Show, mit Walk-on, Spitzname und das Mann-gegen-Mann-Duell. Das ist ein rundes Event und die Fans lieben es.
Der 18-jährige Luke Littler gilt als Darts-Wunderkind. Wie haben Sie seinen kometenhaften Aufstieg erlebt?
Ich habe im November 2023 erstmals gegen ihn gespielt und 2:4 verloren. Ich bin danach zu seinem Vater und habe ihm gesagt, dass sein Sohn ein unglaubliches Talent sei. Er sagte nur: "Ja, das wissen wir. Er wird alle schlagen." Sechs Wochen später stand er im Ally Pally im Finale. Das ist surreal, was bei ihm passiert ist, aber es zeigt auch, was man mit der richtigen Herangehensweise erreichen kann. Er hat inzwischen ein Team von fast zehn Leuten: PR-Berater, Management, die Familie und einen Trainer für die "Birne", der ihn immer gut einstellt. Das zeigt auch, was die Athleten inzwischen alles machen. Luke Humphries und Steven Bunting lassen sich hypnotisieren, um im vollen Fokus zu sein. Beim Biathlon müssen die Athleten beim Schießen ihren Puls runterfahren, um das Gewehr ruhigzuhalten, an so etwas orientiert sich der moderne Dartspieler inzwischen. Er macht Atemtechniken und entwickelt mentale Methoden, das ist inzwischen der Schlüssel.
Littler und Humphries sind die Titelfavoriten - wer könnte überraschen?
Ich glaube, dass viele Gian van Veen nicht auf dem Zettel haben, auch wenn er Europameister geworden ist. Wessel Nijman verliert zwar unheimlich viele Spiele mit einem Average von über 100, aber er hat auch Potenzial. Nathan Aspinall, wenn er sein Spiel auf die Kette kriegt, und Michael van Gerwen darf man natürlich nie abschreiben. Hauptfavoriten bleiben aber Humphries und Littler aufgrund ihrer Performance.
Martin Schindler ist Weltranglisten-13., kein Deutscher war jemals besser platziert. Bei der WM ist er niemals über die 3. Runde herausgekommen. Klappt’s diesmal?
Martin hat sich zu einem herausragenden Spieler entwickelt. Ich denke schon, dass es über die dritte Runde hinausgehen kann.
Für viele wie Luke Humphries ist Niko Springer mittelfristig die deutsche Nummer eins. Was zeichnet ihn aus?
Nico ist ein großartiges Talent. Vor allen Dingen seine Scoring Power zeichnet ihn aus. Nichtsdestotrotz ist es sein erstes Jahr auf der Tour, es wird sein zweites Mal im Ally Pally und er ist auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Dennoch hat Martin langfristig gezeigt, dass er mit den Besten der Besten mithalten kann und hat auch schon ein paar Titel eingesackt. Und dann bist du auch völlig zu Recht die aktuelle Nummer Eins.
Neben Ihnen sind sieben weitere Deutsche für die WM qualifiziert. Sind Sie erleichtert, die Exotenrolle los zu sein oder ist die neue Konkurrenz aus dem eigenen Land auch problematisch?
Ich sehe die Jungs gar nicht so krass als Konkurrenz, wir haben auch intern gar nicht so diesen Konkurrenzkampf. Es geht eher darum, weltweit voranzukommen. Martin hat das irgendwann mal gut formuliert: 'Was bringt es mir, wenn ich die Nummer eins in Deutschland bin? Ich will doch in der Weltrangliste weit oben stehen.' Das sollte auch für jeden von uns die Zielsetzung sein: dass wir weltweit als deutsche Spieler unter deutscher Flagge eine relevante Rolle spielen.
Welcher Viertelfinaleinzug ist für Sie eigentlich wahrscheinlicher: Ihr eigener bei der WM oder der Ihres Lieblingsklubs Eintracht Frankfurt in der Champions League?
(lacht) Das ist eine sehr gute Frage. Ich sage Eintracht Frankfurt, aber wünsche es uns beiden. Wenn ich ins Viertelfinale einziehen würde, wäre mein Gegner ja wahrscheinlich auch noch Luke Littler. Wenn das so kommt, wäre das natürlich der Wahnsinn.