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Filmriss im Horrorstreifen: Der neue, alte Anders Vejrgang

kicker

Der strahlende, gebügelte Held ist aus der Mode gekommen. Hollywood hat in den letzten Jahren erkannt, dass die Zuschauer sich deutlich besser mit einem Protagonisten identifizieren können, der Ecken und Kanten hat. Der auch mal das Falsche tut und fällt - solange er danach wieder aufsteht. Dieser Anti-Hero des FC-eSports ist Anders Vejrgang.

Der Ex-Leipziger ist oft provokant bis an die Grenzen des guten Geschmacks - einige finden, auch darüber hinaus. Vejrgang hat große Triumphe gefeiert, ebenso niederschmetternde Niederlagen erlitten. Und wie jede gute Hauptfigur aus einem Blockbuster durchläuft der Däne eine Entwicklung: Der überforderte Teenager in Tränen gehört der Vergangenheit an.

Vejrgang trägt seine Gefühlswelt immer noch viel deutlicher nach außen als die allermeisten anderen FC-eSportler. Inzwischen kontrolliert er aber seine Emotionen - nicht andersherum. Rückschläge werfen ihn nicht mehr so sehr aus der Bahn, das gewonnene Selbstvertrauen hat ihn stabilisiert. Der perfekte Beleg: Das eEURO-Finale am Samstag in London.

Ein Zeichen des mentalen Reifeprozesses

Der Team-Falcons-Profi lag gegen Emre Yilmaz zwischenzeitlich mit 2:0, 4:2 und 8:5 in Führung. Der Drei-Tore-Vorsprung hielt sogar bis in die letzten zehn Ingame-Minuten hinein. Binnen kürzester Zeit drehte sein Kontrahent aber noch mal auf und erzwang mit dem späten 8:8 die Verlängerung. Eine psychologisch denkbar schlechte Ausgangslage für Vejrgang.

Diese war ihm auch anzusehen: Nach dem Gegentreffer zum 7:8-Anschluss erhob der Däne sich und lief aufgeregt im Studio herum. Als wenig später der Ausgleich fiel, hätten ihn die meisten Fans und Experten wohl für gebrochen erklärt. Vejrgang bäumte sich jedoch auf und traf in der ersten Hälfte der Verlängerung gleich dreimal - ein Zeichen seines mentalen Reifeprozesses.

„Es hat sich nicht real angefühlt, als ob ich in einem Film wäre.“ (Anders Vejrgang über Emre Yilmaz' Aufholjagd)

"Hätte ich dieses Finale vor einem Jahr gespielt… Ich wäre noch viel nervöser gewesen", sagte Vejrgang anschließend im Livestream von EA SPORTS. Dass er nach dem 8:5 nur noch den Ball halten und offensiv gar nicht mehr aktiv werden wollte, das sei ein Fehler gewesen, räumte er selbst ein. Die drei späten Gegentore waren die Konsequenz seiner Passivität.

"Es hat sich nicht real angefühlt, als ob ich in einem Film wäre", erzählte Vejrgang. Einer, der für ihn zum Horrorstreifen zu werden schien - bis er selbst für den Filmriss sorgte. Dass ihm nach diesem Schock noch der finale Plot-Twist glückte, hätte den Finalsieg umso schöner gemacht: "So ist es am Ende aber noch legendärer, als wenn ich nach 90 Minuten gewonnen hätte."

Yilmaz kam in der zweiten Hälfte der Verlängerung zwar noch mal auf 9:11 heran - Vejrgang behielt jedoch die Oberhand. Auch weil er sich nicht aufs Mauern beschränkte. Es habe sich "schon wie ein kleines Déjà-vu angefühlt. Diesmal habe ich mich aber dafür entschieden, weiter nach vorne zu spielen." Yilmaz traf in der Folge kein weiteres Mal - Vejrgang noch zum 12:9.

„Ich kann euch versprechen, dass Nicolas niemals so stark spielen würde.“ (Anders Vejrgang über Nicolas Villalba)

Für seinen eEURO-Finalgegner hatte er im Nachklang nur lobende Worte übrig. Yilmaz sei der zweitbeste Spieler der Welt - nach ihm selbst natürlich. Das Endspiel sei seiner Meinung nach "das beste Spiel in der FC-Historie" gewesen. Vejrgang wäre er aber nicht Vejrgang, hätte er das Siegerinterview ohne Seitenhiebe gegeben. Empfänger der Sticheleien: Nicolas Villalba - und die gesamte Szene.

"Dieser Sieg sollte mich wieder zur Nummer 1 der Weltrangliste machen. Ich kann euch versprechen, dass Nicolas niemals so stark spielen würde", meinte Vejrgang zum aktuell Führenden der Weltrangliste. Yilmaz und er seien sportlich derzeit "sehr weit vor allen anderen". Zumindest am Samstagabend in London stimmte das. Ob diese Dominanz mehr als eine Momentaufnahme ist?

Vejrgang hatte die Hinrunde der FC-Pro-Open-Gruppenphase - wie auch Yilmaz übrigens - ohne Punktverlust abgeschlossen. Rückrunde und Play-offs werden nach dem Jahreswechsel ausgetragen. Der Titelverteidiger weiß, worauf es in den nächsten Monaten ankommt: "Ich arbeite daran, nicht satt zu werden. Ich brauche diese Motivation und diesen Hunger jedes einzelne Mal."

Es ist das Erfolgsrezept vieler Helden - ob glatt und strahlend oder eckig und kantig.