Zur Verwunderung vieler Eishockeyfans fehlt Bozon trotz seiner derzeit guten Form - elf Tore in der laufenden Saison - auf der Nominierungsliste der französischen Nationalmannschaft. Der französische Coach Yorick Treille, der im Oktober 2025 nach seiner Entlassung als Trainer von Genève-Servette HC die Nationalmannschaft übernahm, nominierte unter anderem Bozons Bruder Kévin sowie sechs weitere Spieler aus der Schweizer Liga, verzichtete jedoch auf Tim Bozon.
Wie Bozon gegenüber dem Blick erklärte, erfuhr er von dieser Entscheidung nicht einmal direkt: "Ich habe es im November erfahren - weil ich derjenige war, der sich um eine Nachricht bemüht hat. Denn ich habe keine Mitteilung erhalten. Null. Weder vor dem ersten Aufgebot im November, noch währenddessen, noch danach. Nichts. Nach zehn Tagen war ich es, der den Trainer anrief. Persönlich. Sonst hätte ich nie eine Erklärung bekommen."
Widersprüchliche Erklärungen des französischen Trainers
Bozon berichtet, dass Treille ihm bei diesem Anruf unmissverständlich mitgeteilt habe, dass er nicht Teil des Kaders für die Olympischen Spiele sein werde. Laut Bozon sei die Begründung des Trainers jedoch widersprüchlich gewesen. So habe man ihm vorgeworfen, nicht genügend Defensivarbeit zu leisten und "nicht die DNA der französischen Nationalmannschaft" zu besitzen. Bozon zeigte sich darüber sichtlich enttäuscht: "Ich nenne ihm die Fakten. Bei den letzten fünf Weltmeisterschaften seit dem Wiederaufstieg war ich der beste Torschütze des Teams. Ich spiele in einer grossen Liga, ich habe in den letzten drei Jahren einen halben Punkt pro Spiel gebucht, ich schiesse etwa 15 Tore pro Saison."
Bozon betonte, dass er eine wichtige Rolle bei der Qualifikation der französischen Mannschaft für Olympia gespielt habe. Beim Qualifikationsturnier habe er in drei Spielen drei Punkte erzielt und dabei entscheidende Tore geschossen, die aufgrund der Tordifferenz ausschlaggebend für die Qualifikation waren. Trotz des Anerkennens seiner sportlichen Leistung durch Treille sei er nicht berücksichtigt worden.
Noch irritierender sei, dass der Trainer nach seiner ersten Begründung die Argumentation änderte und von einem "Einstellungsproblem" sprach. Bozon äusserte Unverständnis: "Weil er mich schon lange kennt. Er war jahrelang Assistent meines Vaters. Wenn es ein Problem gegeben hätte, warum hat er mich dann für das Olympia-Qualifikationsturnier ausgewählt? Und vor allem, warum hat er mich quasi gezwungen, zur WM in Schweden im letzten Frühling zu kommen, obwohl ich schwer verletzt war?"
„Man sagte mir, dass ich selbst bei 60 Prozent einer der besten Spieler des Teams sei.“ (Tim Bozon, Blick, 25.12.25)
Bozon erklärte weiter, dass er trotz gesundheitlicher Probleme zur Weltmeisterschaft gefahren sei, um der Mannschaft zu helfen. "Man versprach mir, dass ich das Programm angepasst bekomme und nicht alle Spiele bestreiten müsse. Man sagte mir, dass ich selbst bei 60 Prozent einer der besten Spieler des Teams sei." Trotz seiner Bemühungen und Leistungen bei dem Turnier, bei dem er zwei Tore und eine Vorlage erzielte, sei seine Einstellung nun plötzlich infrage gestellt worden.
Die Sache hat Bozon eigenen Angaben zufolge schwer getroffen und ihn an sich selbst zweifeln lassen. Er führte Gespräche mit Teamkollegen, Sportdirektoren und Trainern, um herauszufinden, ob sein Verhalten oder sein Charakter tatsächlich Probleme bereitet hätten. Doch alle hätten ihm bestätigt, dass es keine solchen Probleme gegeben habe. "Ausserdem hätte ich nicht fünf Jahre in Lausanne, zweieinhalb Jahre mit Geoff Ward oder vier Jahre in Genf verbracht, wenn es ein Problem mit der Einstellung gegeben hätte", fügte er hinzu.
Bozon vermutet, dass persönliche Differenzen mit Treille nach dessen Entlassung in Genf im Oktober eine Rolle gespielt haben könnten. Er erinnerte sich an den Zeitpunkt, als sein Name auf einer vorläufigen Liste für Olympia stand, er jedoch plötzlich ohne Erklärung nicht mehr berücksichtigt wurde. "Nach seiner Entlassung in Genf war ich plötzlich verschwunden. Für mich ist das klar. In der Art und Weise, wie er mit mir sprach, in seinem Tonfall, spürte ich viel Hass."
Ist denn in Genf etwas zwischen den beiden vorgefallen? "Nichts. Es gab keinen Streit. Keinen Clash. Aber als er Trainer in Genf war, habe ich nicht mein bestes Eishockey gespielt. Das gebe ich gerne zu. Es war aber ein Zufall. Ich hatte einen komplizierten Sommer, eine schlechte Vorbereitung, Verletzungen, einen enormen körperlichen Rückstand. Und diese Probleme waren ausgerechnet die Folge davon, dass ich bei der WM in Schweden der französischen Nationalmannschaft geholfen hatte. Auch aus diesem Grund finde ich es ungerecht, was passiert. In den letzten beiden Spielen vor seiner Entlassung habe ich mich langsam gesteigert. Und direkt nach seiner Entlassung habe ich meine beiden besten Spiele gemacht, das ist Fakt. Ich denke, er hat sich betrogen gefühlt. Aber von meiner Seite aus gab es nie die geringste Absicht, gegen ihn zu spielen."
Treille wehrt sich und kritisiert Bozon für dessen öffentliche Aussagen
Treille selbst äusserte sich in der französischen Zeitung L'Équipe ebenfalls zu den Vorwürfen. Dort betonte er, dass es keinen persönlichen Groll gegeben habe und die Entscheidung, Bozon nicht zu nominieren, eine schwierige gewesen sei. Er erklärte: "Ich wollte Spieler auswählen, die das kollektive Projekt in jedem Moment nähren und die Rolle akzeptieren, die ihnen gemäss den Werten der französischen Nationalmannschaft zugewiesen wird." Auf die Frage, ob seine Entlassung in Genf Einfluss auf die Entscheidung gehabt habe, sagte Treille, dies sei nicht der Fall gewesen. Zugleich kritisierte er Bozon für dessen öffentliche Äusserungen und bezeichnete sie als "Respektlosigkeit gegenüber seinen Teamkollegen und dem Trikot der französischen Nationalmannschaft."
Bozon bleibt jedoch bei seiner Darstellung und betont, dass er sich ungerecht behandelt fühlt: "Ich habe das Gefühl, dass man mich angelogen hat, dass man mir Gründe genannt hat, die nicht stichhaltig sind." Er hoffe, dass seine Seite der Geschichte Gehör finde, denn er wolle lediglich die Wahrheit darstellen. Die Meinungsverschiedenheit zwischen Spieler und Trainer bleibt ein brisantes Thema, das auch über die Grenzen des Eishockeys hinaus für Gesprächsstoff sorgt.