Die Euphorie war groß in Delmenhorst. Die DFB-Pokalparty gegen Borussia Mönchengladbach zum Saisonstart, als man nach einem fulminanten Spiel nur knapp mit 2:3 verlor, löste ein Hochgefühl aus und zeigte, wie viel möglich erschien in dieser Saison. Und nach dem dritten Spieltag stand Atlas mit der makellosen Bilanz von neun Punkten und einer Tordifferenz von 13:3 auch an der Tabellenspitze.
Was für eine Ansage! Der Aufstieg in die Regionalliga Nord geht nur über den Verein unweit von Bremen, so die einhellige Meinung unter der Konkurrenz. "Es läuft unbestritten gut. Jetzt die Intensität hochhalten", meinte Stephan Ehlers, Sportlicher Leiter, damals gegenüber dem kicker. Dass es nicht immer so untadelig weitergehen kann, leuchtete den Verantwortlichen jedoch ein.
Rund sechs Wochen später steht Atlas Delmenhorst immer noch gut da. Platz zwei, einen Punkt hinter Tabellenführer Germania Egestorf-Langreder, aber auch punktgleich mit dem VfV Borussia 06 Hildesheim und dem SV Wilhelmshaven. Die Selbstverständlichkeit, die absolute Souveränität ist jedoch verloren gegangen. Gerade Zuhause hat die Mannschaft einige Punkte liegen lassen. "Es ist schon ein Dämpfer. Das muss man ganz klar sagen. Unsere Heimbilanz ist alles andere als optimal. Nur ein Spiel gewonnen, drei Unentschieden und eine Niederlage", merkt Ehlers kritisch an. Was ihn besonders dabei wurmt: "Und das, wo wir uns auf die Fahne geschrieben haben, unseren Zuschauern etwas zu bieten."
Starke Auswärtsbilanz
Dass Atlas dennoch in Tuchfühlung zur Spitze ist, liegt an einer bemerkenswerten Auswärtsbilanz: Fünf Spiele, fünf Siege, bei einer Tordifferenz von 14:1. "Wenn man auf die Gesamtzahlen schaut, ist das alles in Ordnung", findet Trainer Key Riebau. "Aber wenn man auf die Heimspiele guckt, werden wir unserem Anspruch nicht gerecht."
Nur wie ist diese Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsbilanz zu erklären? Delmenhorst hat im eigenen Stadion bisher mit Ausnahme Heeslinger SC gegen Teams gespielt, die tabellarisch weiter unten angesiedelt sind. "Die stellen sich dann hinten rein. Und wir haben Probleme, gegen tief stehende Mannschaften Lösungen zu finden", hat Riebau ausgemacht. "Da fehlt uns die Leichtigkeit, die Abgezocktheit, die Coolheit." Und aus seiner Sicht kommt noch etwas hinzu: "Man muss auch sagen, die Mannschaften, die zu uns reisen, freuen sich riesig, für sie ist es das Auswärtsspiel der Saison."
Um die spielerischen Probleme zu lösen, nimmt sich Riebau, der seit genau einem Jahr im Amt ist, selbst in die Pflicht. "Wir haben eine tolle Mannschaft mit Charakter. Wir als Trainerteam sind gefordert, zu sehen, was wir besser machen können. Wir müssen in der Lage sein, bei den Heimspielen mit mehr Ballbesitz, Möglichkeiten für uns zu nutzen", beschreibt der A-Lizenzinhaber die Aufgabe.
Was Atlas braucht, ist ein Spieler, der das Zepter in die Hand nimmt, wenn es mal nicht so läuft. "Uns fehlt ein Spieler, der die Qualität hat, auch mal 1-gegen-1 zu gehen, der sich mal traut, aufzudrehen. Da sind wir manchmal ein bisschen verkappt." An sich hat Delmenhorst mit Marcel Marquardt ein solches Profil in seinen Reihen. Der Flügelstürmer ist aber schon länger verletzt, hat diese Saison noch kein Spiel bestritten und wird auch so schnell nicht zurückkehren.
"Keiner will stagnieren oder schlechter werden"
Nun liest sich das alles doch recht negativ. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass keiner in Delmenhorst ob der aktuellen Situation ernüchtert ist. Eine Krise definiert sich anders. Denn die Ausgangslage bleibt bestens. Man ist auch weit davon entfernt, etwas an seinen Zielen zu ändern. "Wir sind zweimal nacheinander in der Liga Dritter geworden. Keiner will stagnieren oder schlechter werden, sondern du willst einen Schritt weitergehen. Und der nächste Schritt wäre Platz zwei. Da reden wir nicht drumherum", weicht Ehlers keinen Millimeter von seiner Saisonmaßgabe ab.
Riebau indes bleibt gelassen: "Mir war von Anfang an klar, dass es genauso eng sein wird, wie es eng ist." Bezüglich einer Prognose hat der Trainer, von Beruf Lehrer, seine eigene Rechnung: "Es wird so eng bleiben bis wahrscheinlich Spieltag 25 oder 26. Dann ist es wichtig, das Momentum zu haben. Und nicht zur - in Anführungszeichen - nicht richtigen Zeit."
Für Riebau kommen bis zum Schluss gleich mehrere Mannschaften für die beiden ersten Plätze in Frage. Selbst der BSV Schwarz-Weiß Rehden als Achter gehört noch dazu. Er freue sich jetzt auf die nächsten "kernige Aufgaben". Besonders auf die kommenden drei Heimspiele. Die Gegner dabei sind keine Geringeren als Egestorf-Langreder (1.), Wilhelmshaven (4.) sowie Hildesheim (3.) Genau in diesen "Topspielen" soll die Heimschwäche beendet werden.
Sportchef Ehlers glaubt fest daran: "Da sind die Sinne zu 100 Prozent geschärft - wie gegen Gladbach. Da spielt dir Bruder Leichtfuß im Kopf keinen Streich. Da weiß du, du musst von der ersten Minute an da sein, sonst geht es schief. Wir sind immer dann gut, wenn wir diese Einstellung an den Tag legen."