Eine Woche nach Premier League und La Liga legt auch die Serie A in Italien wieder los - zeitgleich mit der deutschen Bundesliga also. Die Serie-A-Anhänger können sich erneut auf einen voraussichtlich hochspannenden Kampf an der Spitze freuen. Denn in der Theorie ist vieles möglich - angefangen mit dem amtierenden Meister ...
Napoli und die Ansage
Unter dem gefeierten Luciano Spalletti waren die Neapolitaner vor zwei Jahren endlich mit dem langersehnten dritten Titel nach den Maradona-Glanzjahren erlöst worden. Nur um bitterlich abzustürzen und die schwächste Saison eines amtierenden Scudetto-Trägers der bisherigen Geschichte im italienischen Oberhaus darzubieten (Rang 10).
Doch dann tüteten die Süditaliener den zweiten Titel binnen drei Spielzeiten ein, setzten sich vergangene Saison mit langem Atem überraschend vor dem klaren Favoriten Inter Mailand durch. Damit ist die SSC Neapel erneut die Gejagte und will einen abermaligen Absturz im anstrengenden Liga-Alltag samt Champions League und Coppa Italia vermeiden.
Dafür hat der Verein um Boss Aurelio de Laurentiis mächtig an Stellschrauben gedreht und etwa Erfolgstrainer Antonio Conte nach etwas Unsicherheit gehalten - ein Wechsel zu Juventus und seiner in Turin lebenden Familie stand zwischenzeitlich im Raum. Der aus Lecce stammende Conte bekam obendrein ins stabile Konstrukt den ablösefreien Routinier Kevin De Bruyne nach dessen Abschied von Manchester City gepackt. Für den Transfer des niederländischen Nationalspielers Noa Lang, der mit der PSV Eindhoven auf dem letzten Meter Meister der Erevidisie wurde, griff man sogar tief in die Tasche.
Damit richtet Napoli eine Ansage an die Konkurrenz: Der Traditionsklub will seine Pole Position halten, den Scudetto verteidigen und vor allem den allgemein finanzstärkeren Klubs im Norden den sportlichen Stinkefinger zeigen.
Inter und eine Frage des Alters
Favorit auf die Meisterschaft, ein Platz im Champions-League-Finale und den Pokal vor Augen: Alles schien möglich für den FC Internazionale 2024/25. Doch dann? Der GAU! Die Mailänder verspielten auf der Zielgeraden alles, zogen zunächst in der Coppa gegen Stadtrivale und Angstgegner Milan den Kürzeren, verpatzten das enge Scudetto-Rennen gegen Napoli und kamen in der Königsklasse im großen Endspiel gegen das übermächtige Paris Saint-Germain mit 0:5 unter die Räder.
Zu allem Überfluss verloren die Nerazzurri dann auch noch Erfolgstrainer Simone Inzaghi an die Saudis - bitterer Beigeschmack.
Darauf reagierten die Bosse mit der Maßnahme, den früheren Top-Spieler Cristian Chivu zu installieren - ein auf diesem Niveau als Trainer noch extrem unbeschriebenes Blatt.
Seine Aufgabe: Ein insgesamt doch eher älteres Team um Kapitän Lautaro Martinez weiterhin in der Elite zu halten - innerhalb der Serie A und auch in der Königsklasse. Kein leichtes Unterfangen für den früheren Abwehrspieler. Absturzgefahr durchaus vorhanden, vor allem wenn Neuzugänge wie Ange-Yoan Bonny oder Luis Henrique nicht einschlagen.
Atalanta und die Juric-Wahl
Ivan Juric war vergangene Saison nach der Entlassung von Roma-Trainer Daniele de Rossi installiert worden und hatte in der Folge nicht nur Mats Hummels verdutzt. Denn der Kroate brachte den Traditionsklub aus der "Ewigen Stadt" auf keinen grünen Zweig und wurde letztlich selbst wieder entlassen. Das Kuriose nun: Juric wurde inzwischen in Bergamo als Nachfolger von Gian Piero Gasperini installiert - größere Fußstapfen gehen kaum.
228 Siege und 855 Tore in 439 Pflichtspielen hatte Gasperini mit den Bergamasken neben zahlreichen Erfolgen eingefahren. Nun soll Arbeiter Juric das Erbe antreten. Kann das gelingen? Zumal der Coach nach seinem Roma-Desaster auch noch kurzzeitig Southampton übernommen hatte. Der "Erfolg" hier? Er verbuchte mit nur einem Ligasieg in 14 Spielen den Negativrekord als Trainer mit mindestens zehn Partien: schlechtester Punkteschnitt (0,29) der Premier-League-Historie. Damit hatte er maßgeblichen Anteil am Absturz der Saints zurück ins Unterhaus.
Doch die Atalanta-Bosse haben sich etwas dabei gedacht - schließlich gilt Juric als enger Vertrauter von Gasperini, sogar als Lehrmeister des langjährigen Bergamo-Bosses an der Seitenlinie. Allerdings fehlt den Lombarden so einiges im Angriff: Torschützenkönig Mateo Retegui ist dem Lockruf des Geldes gefolgt (mit 26 Jahren nach Saudi-Arabien zu Al-Qadisiya), während Europa-League-Held Ademola Lookman sich Richtung Inter Mailand streikt und keine Lust mehr auf Atalanta hat.
Juventus und die Steigerung?
Die Erwartungshaltung beim italienischen Rekordmeister ist naturgemäß groß - zumal Juventus seit der Saison 2019/20 den Scudetto nicht mehr gewonnen hat und überhaupt in den vergangenen Jahren nur zweimal einen Coppa-Triumph feiern durfte (2021 und 2024).
Immerhin - und das ist schon das Positive: Nach dem Fehlschlag mit Hoffnungsträger Thiago Motta, der letzten Endes von den Klubbossen als kapitaler Fehler eingestuft worden ist, hat man mit Juric-Freund Igor Tudor die richtige Wahl getroffen. Dem Kroaten, ehemaligen Juve-Co-Trainer und einst jahrelangen Juve-Profi (1998 bis 2007) ist es gelungen, die Alte Dame auf der Zielgeraden knapp vor der Roma auf einem Champions-League-Rang zu halten und so auch das Vertrauen für die Zukunft zu wahren.
Nun soll Tudor mit seinen Schützlingen den Traditionsverein wieder ganz oben verankern, was natürlich Zeit benötigen wird. Doch mit einem breiten Kader, einigen vielversprechenden Neuzugängen und Top-Transfer Jonathan David (der von vielen Klubs Umworbene kam ablösefrei aus Lille) ist vieles möglich. Zumal Randal Kolo Muani auch noch gehalten werden soll.
Die Roma, Milan und Co.
Nach famoser Aufholjagd unter Rückkehrer Claudio Ranieri, der seine Trainerlaufbahn nach der jüngsten Spielzeit endgültig beendet hat und anstelle eines Engagements als Italiens Nationaltrainer bei der Roma als Berater der Führung verblieben ist, verpasste die AS Rom hauchzart die Champions-League-Teilnahme. Der neue Trainer Gian Piero Gasperini führte seinen Ex-Klub Atalanta reihenweise in die Königsklasse und sechsmal in neun Spielzeiten in die Top 4 der Serie A.
Das zeigt direkt, was Sache bei den Giallorossi ist: Mit der Installation des neuen Coaches wollen die Römer auf Dauer endlich wieder richtig mitmischen an der Spitze. Ob's gelingt?
Das liegt neben den eigenen Leistungen mit Akteuren wie Artem Dovbyk, Paulo Dybala und Co. auch am Abschneiden der direkten Konkurrenz hinter den zunächst auf dem Papier gesetzten Top-Teams Napoli, Inter, Atalanta und Juventus. Das wären Klubs wie Florenz, Lazio Rom (wieder mit Trainer Maurizio Sarri), Bologna und vor allem Milan.
Die Rossoneri nämlich können sich wie Napoli vergangene Spielzeit vollends auf den Liga-Alltag fokussieren, da nicht einmal die Qualifikation für die Conference League geklappt hat (Platz 8 und verlorenes Pokalfinale). Jeden Spieltag ausgeruhter angehen zu können, das kann ein großer Vorteil sein.
Außerdem wurde etwas aus der Rückholaktion des einstigen Erfolgstrainers Massimiliano Allegri. Dieser musste zwar den sportlich schmerzlichen Verlust von Tijjani Reijnders (ManCity) und Theo (Al-Hilal) verkraften, darf sich aber auf die verbliebenen Top-Spieler wie Torwart Mike Maignan oder Rafael Leao freuen. Ebenso auf Routinier Luka Modric, der nach seinem Abschied von Real Madrid trotz hohen Alters viel vorhat. Kurzum: Milan ist in der Serie-A-Spitzengruppe ein Comeback zuzutrauen und darf am Ende des Tages als Geheimfavorit auf einen CL-Platz gelten.