Nikola Katic hat sich in seinem ersten halben Jahr auf Schalke als überdurchschnittlich robust, widerstandsfähig und stabil erwiesen. Den kantigen Bosnier kann nichts so schnell erschüttern. Dass der FC Schalke 04 in 17 Hinrundenspielen nur zehn Gegentore schlucken musste, ist auch ein Verdienst des Innenverteidigers, der im Sommer für 400.000 Euro - was nach heutiger Betrachtung ein absoluter Schnäppchenpreis war - von seinem Stammverein FC Zürich ins Ruhrgebiet wechselte.
Und Katic ist sich sicher, dass Schalke in der Rückrunde nicht einbrechen wird. Die Abwehr werde auch in der zweiten Saisonhälfte stabil bleiben, offensiv werde die Mannschaft an Torgefährlichkeit zulegen, glaubt Katic. Der Innenverteidiger spricht vor dem Jahresauftakt am Samstag bei Hertha BSC (20.30 Uhr, LIVE! bei kicker) angriffslustig vom "Messer zwischen den Zähnen". Wer ihn allerdings darauf anspricht, ob der Herbstmeister sich nun endlich auch selbst als Aufstiegskandidat bezeichnet, erhält eine Schnarch-Antwort.
"Schauen von Spiel zu Spiel"
"Wir schauen nur von Spiel zu Spiel", sagt Katic. Offenbar ist ihm ein solch immer ermüdender wirkendes Statement selbst ein bisschen unangenehm, denn er fügt entschuldigend an: "Ich weiß, dass es langweilig ist, was ich erzähle. Und das tut mir leid."
Dass der Tabellenführer auf allen Ebenen - Mannschaft, Trainer, Klubverantwortliche - zumindest nach außen hin auch nach dem Jahreswechsel mit dem Wort "Aufstiegskandidat" fremdelt, hat bei genauerer Betrachtung Gründe, die durchaus nachvollziehbar sind. Allen voran sind die Ereignisse und Erfahrungen der vergangenen beiden Saisons noch zu präsent. Schalke 04, jeweils mit hohen Erwartungen gestartet, steckte zweimal in Folge bis in die Schlussphase der Spielzeiten im Zweitliga-Abstiegskampf. Das hat Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken.
Katic war seinerzeit zwar noch nicht dabei und kennt die Geschichten von den Horror-Saisons 2023/24 und 24/25 mit insgesamt 122 (!) Gegentreffern nur aus Erzählungen, doch damalige Protagonisten wie Kapitän Kenan Karaman heben richtigerweise gern mahnend den Zeigefinger, wenn es um die jüngere Vergangenheit geht.
Schalke traut dem Braten nicht
Hinzu kommt, dass die Königsblauen dem Braten nach dem bisherigen Saisonverlauf selbst nicht so recht trauen. Die drei ersten Partien in der Rückrunde werden richtungsweisend sein: Nach dem Auftakt bei Hertha BSC kommt der 1. FC Kaiserslautern, der die Gelsenkirchener als eine von bisher nur vier Mannschaften in der Hinserie schlagen konnte (1:0), anschließend muss Schalke zum kleinen Revierderby beim wiedererstarkten VfL Bochum antreten. Möglich, dass Schalke noch vor Anbruch des Monats Februar aus der Aufstiegszone fliegt. Das würde die aktuell blendende Stimmung arg dämpfen.
Unbegründet ist die Sorge vor einem sportlichen Absturz nicht. Die Schalker müssen fürchten, dass die Gegner sie nach 17 Hinrundenspielen entschlüsselt haben - was kein Hexenwerk ist. Die Königsblauen geben den Ballbesitz gerne ans Gegenüber ab, die Strategie dahinter ist das überfallartige Pressingspiel, das zu gefährlichen Torsituationen führen soll.
Das ist ein riskantes Unterfangen: Die Elf steht stets sehr hoch. Mit einem präzisen langen Ball hinter die Dreierkette unter Achtung der Abseitsfälle lässt sich die Defensive grundsätzlich recht simpel überrumpeln. In der Hinrunde scheinen die Gegner dies noch nicht als probates Gegenmittel erkannt zu haben: Torwart Loris Karius, der sich als "Endgegner" eines Angriffs nur schwer überwinden lässt, spielte schon neunmal zu null.
Offensive bleibt das Manko
Ein Manko, das große Bauchschmerzen bereitet, betrifft die Offensive. Schalke muss in der Rückrunde deutlich torgefährlicher und effizienter werden, sonst gerät der Aufstieg zwangsläufig in Gefahr. Die Verantwortlichen um Sportvorstand Frank Baumann und Maximilian Lüftl, der zum Jahreswechsel als "Leiter Scouting und Transfers" eingestellt wurde, arbeiten an adäquatem Zuwachs für den Angriff, was sich vor allem im Winter aber schwierig gestaltet.
Dass sich Schalke 04 in der knappen Wintervorbereitung nicht in ein Trainingslager aufgemacht hat, war für Katic kein Grund, auf seine kurze Trainingskleidung zu verzichten - auch bei Minusgraden im Ruhrpott lässt er das langärmelige Shirt und die passende Hose konsequent im Schrank. Mit diesem Alleinstellungsmerkmal fällt der 29-Jährige bei den Einheiten stets auf, auch seine (in aller Regel bemützten) Teamkollegen wundern sich über Katics besonders ausgeprägte Kälte-Resistenz.
"Sie sagen, dass ich verrückt bin, aber das ist mir egal", konstatiert "Crazy" Katic kühl. Für ihn sei die kurze Trainingskleidung "normal". Gewiss sei selbst ihm mitunter "kalt, aber ich habe herausgefunden, dass es meinem Körper guttut. Also genieße ich das Training".
Katic ist zweifellos eine besondere Type - Miron Muslic wusste schon, warum er die Abwehrkante im Sommer unbedingt nach Gelsenkirchen holen wollte. Der Trainer und der Abwehrspieler hatten zuvor schon bei Plymouth Argyle zusammengearbeitet. Den Abstieg in die 3. englische Liga konnten sie zwar nicht verhindern, nun aber möglicherweise entscheidende Rollen dabei spielen, Schalke 04 in die 1. Liga zu katapultieren.
Es passt zwischen den beiden. "Das habe ich am ersten Tag in England gemerkt", sagt Katic. "Miron ist der beste Coach, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Er hat immer eine klare Struktur, ist fordernd und hungrig. Da sind wir uns beide sehr ähnlich."
In der Nationalmannschaft vereint?
Denkbar, das beide auch in der bosnischen Nationalmannschaft eines Tages gemeinsame Sache machen. Im kicker hatte der Coach im Herbst verraten: "Ich möchte eines Tages Nationaltrainer von Bosnien-Herzegowina sein. Und daran glaube ich auch. Die Grundvoraussetzungen passen einfach zu gut - meine Geschichte, meine Verbundenheit, die Liebe zu meinem Heimatland. Ich weiß nicht, wann der Tag sein wird, aber ich freue mich auf den Tag."
Auch Katic kann sich gut vorstellen, dass Muslic einmal sein Nationaltrainer sein wird, gleichwohl gibt der Innenverteidiger mit einem Schmunzeln einschränkend zu bedenken, dass es eine gravierende Umstellung für den Trainer sein würde: "Ich kann mir vorstellen, dass es für ihn ein bisschen langweilig sein könnte, die Nationalmannschaft zu trainieren. Dort trifft man sich nur alle drei Monate." Muslic sei jedoch jemand, "der jeden Tag von früh bis spät arbeitet". Seit sieben Monaten tut er das überaus erfolgreich in Diensten des FC Schalke 04.