Der Stimmungsboykott der aktiven Fanszenen dauerte zwar auch am Mittwochabend in Bochum zwölf Minuten an, doch schon in Minute sieben sorgte Kjell Wätjen dafür, dass es im Ruhrstadion laut wurde. Einen Pass von Cajetan Lenz nahm der 19-Jährige auf dem linken Flügel mit, schlug einen Haken um Lorenz Assignon und schloss aus spitzem Winkel stramm ab. Jeff Chabot warf sich aufopferungsvoll in die Schussbahn und blockte kurz vor Torwart Fabian Bredlow mit dem Kopf zur Ecke.
Auf dieser linken Seite tauchte Wätjen nicht etwa auf, weil er sich aus seiner gewohnten Zehnerposition auf den Flügel fallen ließ, sondern weil ihn Trainer Uwe Rösler erstmals dort aufbot. "Ich bin erst am Montag ins Mannschaftstraining zurückgekehrt nach meiner Grippe. Da hat Gerrit (Holtmann, Anm. d. Red.) schon ein paar Anzeichen gemacht, dass sein Einsatz fraglich ist", erklärte der Youngster. Der 30-Jährige musste mit Knieproblemen passen. "Dann hat der Trainer mich auf die linke Seite gestellt - und ich habe es so gemacht."
„Gute Spieler können überall spielen.“ (Uwe Rösler)
Der Plan hinter Wätjens Hereinnahme sei gewesen, "dass er uns durch seine Laufbereitschaft und -stärke gegen den Ball hilft." Doch diese Erwartungen seines Trainers übertraf die Leihgabe von Borussia Dortmund. "Es hat mich absolut positiv überrascht, was er mit dem Ball gemacht hat, wie er von außen nach innen gezogen ist, sein Pressingverhalten, seine Tempoläufe mit dem Ball, wie er den Ball nach vorne getrieben hat, torgefährlich wurde", staunte Rösler.
Entsprechend deutlich fiel das Urteil des Trainers aus: "Kjell hat ein Bombenspiel gemacht." Und, was er zusätzlich bewies: "Gute Spieler können überall spielen." Wätjens Auswechslung habe Rösler bereits mit Blick auf das nächste Heimspiel gegen Bielefeld am Samstag getätigt. Dann wird Holtmann erneut fehlen - und sein Ersatz könnte wieder Wätjen heißen.
Rösler kann Strompfs Rote Karte "irgendwo verstehen"
Auch Philipp Strompf soll am Samstag wieder in der Startelf stehen. Anders als Wätjen erlebte der Innenverteidiger am Mittwoch aber einen Abend zum Vergessen, machte seiner Mannschaft, die im ersten Durchgang eigentlich gut im Spiel war, gleich in doppelter Hinsicht das Leben schwer. Erst köpfte er einen Einwurf von Ramon Hendriks unglücklich ins eigene Tor, dann sah er nach einem technischen Fehler Rot für eine Notbremse.
"Mein erstes Gefühl war, dass er den Ball spielt", blickte Rösler auf die vorentscheidende Szene. "Dann habe ich von meinen Leuten ringsherum aber gehört, dass er Gegner und den Ball getroffen hat. Er geht natürlich mit hohem Tempo in das Tackling, deshalb sieht es nicht gut aus." Letztlich konnte der Trainer Schiedsrichter Florian Badstübner daher "irgendwo verstehen". Dieser hatte zuerst Gelb gesehen und die Videobilder benötigt, um festzustellen, dass Strompf eine klare Torchance verhindert hatte. Neben dem gefoulten Deniz Undav stand auch Jamie Leweling bereit, um völlig frei auf Timo Horn zuzulaufen.
„Er ist Familie und wir lassen keinen in der Familie hängen.“ (Uwe Rösler über Philipp Strompf)
So ging der VfL nicht nur in Rückstand, sondern auch zu zehnt in die Pause. Und das trotz "Defensivverhalten, Disziplin, Struktur und Mentalität", die Rösler als "vorbildlich" beschrieb, sowie "richtig guten" Umschaltmomenten. "In der Halbzeit habe ich der Mannschaft ein riesiges Kompliment gemacht. Ich habe ihr gesagt, dass wir drinbleiben und das Ergebnis so lange wie möglich halten müssen. Die letzte Viertelstunde wollten wir dann mit zwei großen Stürmern den direkten Weg zum Tor suchen" Doch diesen Plan zerstörte Undav kurz nach Wiederbeginn, dem VfL blieb nur noch die Schadensbegrenzung.
In der Kabine übernahm Strompf dann Verantwortung und wandte sich an die Kollegen. "Er hat eine super Ansprache gehalten", lobte Rösler. "Ich war bewegt, wie er es rübergebracht hat und glaube, dass es bei jedem in der Kabine sehr gut angekommen ist." Von seinen Mitspielern bekam Strompf ebenso wie von seinem Trainer Rückendeckung. "Er ist Familie und wir lassen keinen in der Familie hängen. Fehler kann jeder machen, aber es ist immer wichtig, wie man zurückkommt", erklärte Rösler. "Da habe ich bei ihm überhaupt keine Angst."