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Eine Eskalation auf allen Ebenen

kicker

Vom Afrika-Cup in Marokko berichtet Michael Postl

Was war das für ein umkämpftes Spiel. Im buchstäblichen Sinne. Denn was die Kameras in der Nachspielzeit des Afrika-Cup-Finals nicht einfingen, waren Schlägereien auf der Tribüne, ein Star im Gespräch mit einer Legende und erzürnte Journalisten. Wie konnte es so weit kommen? Und warum steckt hinter den Ausschreitungen mehr als "nur" die Emotionen wegen einer umstrittenen Schiedsrichterentscheidung?

Aber von vorne: Als Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala Ngambo aus der DR Kongo sich in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit dazu entschloss, sich eine Szene im Strafraum der Senegalesen anzusehen, saß der Schock bereits tief. Kurz zuvor hatte der Unparteiische den Senegal um ein Tor gebracht, weil er ein vermeintliches Foul an Marokkos Hakimi erkannt und zu früh abgepfiffen hatte - der VAR konnte nicht mehr eingreifen. Schon da hatten die ersten Diskussionen begonnen.

Ein Ergebnis der sich hartnäckig haltenden, murrenden Stimmen, die den Schiedsrichtern während des Turniers eine gewisse Milde im Umgang mit dem Gastgeberteam nachsagen. Nicht ganz zu Unrecht, Entscheidungen wurden nicht überdacht, der VAR (zu) selten oder gar nicht konsultiert. Im Finale dann aber schon, nach einem Foul an Brahim Diaz gab es Strafstoß für Marokko, kurz vor Ende ein Entschluss von entscheidendem Wert.

Das war auch den senegalesischen Fans klar, vor allem jenen, die hinter dem marokkanischen Tor mit ihren Tänzen das gesamte Turnier über für emotionale Bilder gesorgt hatten. Die Unterstützer in ihren bunten Gewändern sahen plötzlich rot. Während sich auch auf dem Feld Spielertrauben bildeten, drängten die senegalesischen Anhänger aufs Spielfeld, schlugen auf die sich flugs versammelnden Sicherheitskräfte ein, trampelten auf die Werbebanden.

Die elektronischen Anzeigetafeln flimmerten kurz in allen Farben auf, nach ein paar Sekunden blieben sie schwarz. Doch das bunte Treiben darauf ging weiter. "Wir fühlten uns ungerecht behandelt", sagte Torschütze und Matchwinner Pape Gueye.

Wilde Szenen auf der Pressetribüne

Während mittlerweile auch die Polizei versuchte, die gelb-rot-grünen Anhänger zurück in ihren Block zu drängen und einige Chaoten in die Katakomben zerrten, kochten die Emotionen auch auf der Pressetribüne hoch. Selbst wenn Schals oder Trikots bei afrikanischen Journalisten bei Länderspielen zur Regel gehören, waren aus Berichterstattern längst offen parteiische Fans geworden. Fans, die sich ebenso anschrien, als säßen sie in einer Kneipe und nicht in einem Medienbereich.

Ein weiteres Indiz dafür: Kurz vor der Pressekonferenz des senegalesischen Trainers Pape Thiaw standen die meisten marokkanischen Journalisten auf, buhten, verließen geschlossen den Presseraum. Dann ging auch der Coach, die Stimmung schaukelte sich weiter hoch, die Konferenz wurde kurzerhand gestrichen. Das Ordnungspersonal musste mehrmals eingreifen.

Gut 20 Minuten dauerte dann auch die Unterbrechung vor dem Elfmeter von Brahim Diaz, während derer sich Sadio Mané intensiv mit Claude le Roy unterhielt. Der Superstar und die Trainerlegende, die zwar nie gemeinsam in einer Mannschaft wirkten, sich jedoch selbstverständlich kennen. Le Roys Kontakte in den Senegal sind nie abgerissen. Anfang der 90er hatte er das Team noch selbst trainiert, seitdem Teams in Afrika und Asien betreut sowie als Experte für afrikanischen Fußball gearbeitet. Und dabei Mané immer wieder als herausragenden Akteur gelobt. Was genau er dem Profi auf dem Platz sagte, bleibt sein Geheimnis. Klar ist aber: Es hat gewirkt.

Denn zweimal war die senegalesische Mannschaft drauf und dran gewesen, den Platz aus Protest gegen die Schiedsrichterentscheidung zu verlassen. Mané hielt seine Kollegen zurück, wollte die ohnehin angespannte Situation nicht weiter eskalieren lassen. Zumal der Effekt wohl ohnehin überschaubar gewesen wäre. Gueye sagte: "Wir wollten konzentriert bleiben, haben uns auf unser Spiel besonnen." Zu Manés Rolle wollte der Mittelfeldmotor nichts sagen, betonte jedoch, dass er enorm stolz sei, diese Entscheidung getroffen zu haben. Trotz aller "Ungerechtigkeiten, die wir erdulden mussten".

Seit dem Abpfiff hält sich zudem hartnäckig das Gerücht, dass Brahim Diaz absichtlich verschossen habe, sein Fehlschuss gar abgesprochen war. Dieser Kompromiss sei notwendig gewesen, um die senegalesischen Spieler davon abzuhalten, aus Protest das Spielfeld zu verlassen.

Doch zurück zum Spiel: Im Gegensatz zu seinen Fans behielt Mané also einen kühlen Kopf. Während Brahim Diaz in der 112. Minute zum Elfmeter antrat, die Spieler sich wieder auf ihre Positionen gestellt hatten, tummelten sich auf der entgegengesetzten Seite, hinter dem marokkanischen Tor, noch dutzende in schwarz gekleidete Personen. Sie waren mittlerweile in der Überzahl, die in gelb, rot und grün aufleuchtenden Punkte wurden immer weniger.

Der Fehlschuss von Diaz ändert alles

Und dann dieser Strafstoß, den Brahim Diaz völlig unnötig in die Mitte lupfte. Eine fatale - oder geplante? - Aktion, die Marokko nicht nur den Sieg kostete, sondern die Stimmung auch kippen ließ. Plötzlich feierten die gerade noch erzürnten Senegalesen, kehrten sogar freiwillig in ihren Block zurück.

Der Konflikt hatte sich aufgelöst. Doch seine Tragweite geht über den Fußball hinaus. Denn noch immer schwelt der Konflikt zwischen Nordafrika und dem Süden, das in Teilen etwas privilegierte Maghreb gegen das weniger wohlhabende Subsaharagebiet. Das wurde einmal mehr auf den Rängen deutlich, als sich diese politische und gesellschaftliche Komponente zunächst in den Konflikt mischte und ihn anschließend beherrschte.