Meine Liebe zur deutschen Nationalmannschaft beginnt mit der WM 2002. Das Turnier in Japan und Südkorea ist das erste, das ich, Jahrgang 1992, bewusst verfolge, und es prägt sofort mein Verständnis von Fußball: Bei Weltmeisterschaften ist Deutschland bis zum Schluss dabei. Vielleicht braucht es dafür manchmal ein wenig Losglück und einen Kahn im Tor - den Begriff "Turniermannschaft" habe ich jedenfalls schnell gelernt. Natürlich gibt es auch damals Tiefpunkte, auf die manchmal sogar ein noch tieferer Tiefpunkt folgt (mein persönlicher: 1:5 in Rumänien). Als Fan der DFB-Elf kann man sich aber sicher sein: Die nächste WM kommt bestimmt, und mit ihr der nächste Fußball-Sommer.
So wie 2006 - da ist es schon eine Tradition: Erst das Sonderheft kaufen und im Freibad die Gegner studieren, zum Eröffnungsspiel den Fernseher einschalten und bis Mitte Juli höchstens mal zwischen erstem und zweitem Programm wechseln. Alle paar Tage Sonnencreme drauf und zum Public Viewing, nach dem deutschen Sieg gemeinsam feiern. Der Erfolg im Elfmeterschießen gegen Argentinien ist mein Point of no Return, denn jetzt habe ich auch endlich einen Sieg gegen einen "Großen" miterlebt. Kann ein Sommer perfekter sein?
Auch da gibt es bittere Momente. Die spielen sich allerdings nicht in der Runde der letzten 32 gegen die Nummer 41 der Weltrangliste ab, sondern in der 119. Minute eines hart umkämpften Halbfinals gegen eine andere große Fußball-Nation: Wenn ich meine Augen schließe, dann sehe ich immer noch Grosso vor mir, wie er nach seinem Schlenzer abdreht, wie wildgeworden den Kopf schüttelt und anschließend von einer italienischen Jubeltraube begraben wird.
Niemals würde Deutschland in der Vorrunde ausscheiden!
Umso größer ist dann die Genugtuung wiederum vier Jahre später, im nächsten WM-Sommer. Bevor Klose, Müller und Co. in der K.-o.-Runde über England und Argentinien hinwegrollen und erst im Halbfinale von Spanien gestoppt werden, scheidet das stolze Italien doch tatsächlich in der Gruppenphase aus. Italien! Der Weltmeister! In der Gruppenphase! Niemals würde uns so etwas passieren!
Die gefühlte Übermacht Spanien ereilt 2014 in Brasilien dasselbe Schicksal. Unsere Mannschaft mit Kapitän Lahm, Schweinsteiger und Klose, mit denen ich als Fan groß geworden war, holt den vierten Stern - und revanchiert sich auf dem Weg dorthin noch standesgemäß bei Brasilien für die Final-Niederlage 2002 in Yokohama. Und irgendwie bin auch ich ein bisschen Weltmeister.
Vier Turniere, zweimal Halbfinale, zweimal Finale, ein Titel: Das ist meine persönliche WM-Bilanz zu diesem Zeitpunkt. Ich weiß natürlich, dass das nicht selbstverständlich ist, dass man in den Neunzigern an Bulgarien und Kroatien gescheitert und irgendwann einmal sogar nach einer schmachvollen Niederlage gegen Österreich ausgeschieden war. Aber das sind eben die Anomalien in der WM-Geschichte einer Turniermannschaft, die bei der nächsten WM dann ins Finale kam - oder wenigstens einen EM-Titel dazwischen holte. Ja, so war das mal.
Zumindest waren wir immer dabei
Heute, zwölf Jahre und drei WM-Blamagen später, ist das alles weit weg. Wer nach dem Sommermärchen geboren wurde, für den war das Spiel gegen Paraguay wahrscheinlich das erste deutsche K.-o.-Spiel bei einer WM, das er bewusst verfolgt hat. Der weiß nichts davon, dass wir normalerweise Elfmeterschießen gewinnen, und denkt bei "Turniermannschaft" höchstens an Real Madrid oder PSG.
Ich kann immerhin von meinen Erinnerungen zehren - und von der Tatsache, dass wir zumindest jedes Mal dabei waren. Ganz im Gegensatz zu Italien, das sich gleich dreimal in Folge nicht für die WM qualifiziert hat. Italien! Nicht bei der WM dabei! Niemals würde uns so etwas passieren!
Oder?