Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache, wobei zur Wahrheit auch gehört: Vor einem Jahr war die Lage in Berlin deutlich kritischer aufgrund der Problematik rund um die Ablöse der 40-Millionen-Euro-Anleihe. Da ging es um die Durchfinanzierung der Saison und damit die Lizenz an sich, die Hertha BSC nach Erfüllen der Bedingung Anfang Juni 2025 erhielt. Noch enger war es nach dem Bundesliga-Abstieg 2023, als der Klub nur knapp an der Insolvenz vorbeischrammte. Diesmal geht es - "lediglich" - um Verstöße gegen die Eigenkapitalregel der Deutschen Fußball Liga (DFL). Brisant ist freilich auch die aktuelle Causa.
Das Eigenkapital entwickelte sich in die falsche Richtung
Zum Stichtag 31. Dezember 2025 wies der Zweitligist ein negatives Eigenkapital von 38,0 Millionen auf. Im Jahr zuvor - zum 31. Dezember 2024 - hatte Herthas negatives Eigenkapital 32,5 Millionen betragen. Am Ende des Kalenderjahres 2023 lag das negative Eigenkapital des Klubs, der sich nach dem Einstieg von Lars Windhorsts Tennor-Holding 2019 mit XXL-Investitionen und einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Kosten- und Verwaltungsstruktur komplett übernommen hatte, bei etwas über 23 Millionen Euro.
Bisher galt: Ein Zweitligaklub muss sein negatives Eigenkapital jedes Jahr aufs Neue um mindestens fünf Prozent verbessern. Gelingt das nicht, drohen Geldstrafen und im Wiederholungsfall ein Punktabzug. Die DFL-Vollversammlung hatte im Dezember die Lizenzierungsordnung modifiziert. Seitdem sind als Betrachtungszeitraum die vergangenen drei Kalenderjahre möglich. Die Eigenkapitalregel gilt nunmehr auch dann als erfüllt, wenn sich die negative Nettoeigenkapitalposition über einen Zeitraum von drei Jahren im geforderten Umfang verbessert und sich dabei in keinem der drei Jahre gegenüber dem Vorjahr verschlechtert hat. Allerdings: Herthas Zahlen zum 31. Dezember 2025 gaben aus Klub-Sicht Anlass zur Sorge, dass zur Saison 2026/27 ein Punktabzug droht.
Gab es noch rechtzeitig eine Kapitalmaßnahme?
Seit dem Einreichen der Lizenzunterlagen zum 15. März ist im Berliner Westend indes verhaltene Zuversicht zu spüren, was die Umgehung eines möglichen Punktabzuges angeht. Laut Lizenzierungsordnung kann zum Zweck der Einhaltung der Eigenkapital-Regel das Eigenkapital nachrangige Darlehen enthalten, die in den darauffolgenden zwölf Monaten gegenüber allen anderen Verbindlichkeiten als nachrangig gelten und zinslos sind. Eine andere Möglichkeit, um in den Zielkorridor zu kommen, wäre eine Kapitalaufstockung. Wer außer Hauptgesellschafter A-CAP kommt da in Frage?
Nach der finanziellen Implosion von Hertha-Investor 777 Partners, der im März 2023 die 64,7 Prozent der Anteile an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA von Windhorsts Tennor-Holding erworben und im Zuge einer Kapitalerhöhung seinen Anteil über eine Mischung aus Stamm- und Vorzugsaktien auf 78,8 Prozent erhöht hatte, waren die Hertha-Anteile an 777-Hauptgläubiger Advantage Capital Holdings LLC (A-CAP) übergegangen. Im November des vergangenen Jahres hatte Herthas Finanzchef Ralf Huschen, der den Klub innerhalb der nächsten fünf Jahre schuldenfrei machen will, erklärt: "A-CAP hat uns in den Büchern und will uns schon verkaufen. So weit kann man schon gehen."
A-CAP liegt viel daran, dass Hertha nicht sanktioniert wird
Im Zuge der kritischen Entwicklung der Eigenkapitalquote soll sich aber ein Gedankenmodell entwickelt haben, dass A-CAP - trotz der unverändert bestehenden Verkaufsabsicht - den Klub mit frischem Geld aus der Bredouille bringen könnte. Aktuell will niemand den Vollzug einer Kapitalmaßnahme bestätigen. Hertha erklärte auf Nachfrage, sich nicht zum aktuellen Lizenzierungsverfahren äußern zu wollen. kicker-Recherchen legen aber die Vermutung zumindest nahe, dass der Zweitliga-Sechste mit dem US-amerikanischen Versicherungsunternehmen in den vergangenen Wochen Doppelpass gespielt hat - und die Kapitalmaßnahme offenbar mit Zukunftsrechten besichert wurde.
Beim Einstieg von 777 Partners war seinerzeit ein Eigenkapital-Engagement von bis zu 100 Millionen Euro vereinbart worden. 75 Millionen Euro flossen. Die restlichen 25 Millionen, die laut Gesellschafter-Vertrag optional als Ausgleich für ein etwaiges negatives Eigenkapital des Klubs beziehungsweise als Rettungsfallschirm im Fall einer drohenden Zahlungsunfähigkeit zur Verfügung hätten stehen sollen, blieben zunächst offen - und gingen in die Verpflichtungen von A-CAP über. Trotz der Verkaufsabsicht von A-CAP: Dass es auch im Interesse des Hauptgesellschafters ist, dass Hertha in die neue Saison - vermutlich die vierte in Serie im Unterhaus - ohne das Handicap einer Finanzstrafe oder eines Punktabzugs startet, liegt auf der Hand.
Der Lizenzetat wird vermutlich deutlich schrumpfen
Hohe Abschreibungen haben das Bilanzergebnis der Vorsaison etwas aufgehübscht. Die Konsequenzen sind in der Zukunft zu tragen - auch bei den Planungen für die neue Saison. Der Lizenzetat für 2026/27 wird voraussichtlich signifikant schrumpfen - was allerdings angesichts der enormen Kaderbreite und auslaufender Verträge von Gut-Verdienern wie Diego Demme, John Anthony Brooks und Michal Karbownik keine unlösbare Aufgabe darstellt. Ein schlankerer Kader mit einem verringertem Gehaltsvolumen bei gleichzeitig reduziertem Altersschnitt: Das ist aktuell die Aufgabe für Sportdirektor Benjamin Weber und den Anfang Februar dazugestoßenen Kaderplaner Bastian Huber - neben den benötigten Transfererlösen, für deren Erzielung vorrangig Shootingstar Kennet Eichhorn, Tjark Ernst und Linus Gechter als Verkaufskandidaten gelten. Herthas Sommer wird spannend - in mehrfacher Hinsicht.