Seit 1969 verleiht der kicker die Torjägerkanone an den erfolgreichsten Bundesliga- Stürmer der Saison. Seit 2019 gibt es auch eine Trophäe für den Amateurbereich: die "Torjägerkanone für alle". In unserer Interview-Serie sprechen legendäre Torjäger über ihre Karriere. Zum Jahresabschluss an der Reihe: Horst Hrubesch.
Bei welchem Verein haben Sie angefangen zu kicken?
Ich habe 1958 beim FC Pelkum angefangen und dort bis zu meinem 18. Lebensjahr gespielt. Vorher hieß der Verein Blau-Weiß Pelkum.
Waren Sie schon als Kind ein Torjäger?
Ja, in den ersten fünf Spielen habe ich jeweils fünf Tore gemacht, auf Kleinfeld, immer gegen denselben Gegner. Außerdem veranstaltete unser Jugendtrainer in der Siedlung Turniere, auf dem Wendehammer spielten wir Weltmeisterschaft. Es war typischer Straßenfußball.
Wie sind Sie damals zum Vereinsfußball gekommen?
Mein Vater ging auch zum Fußball, später kam mein jüngerer Bruder Herbert ebenfalls mit. Wir zwei spielten immer im selben Verein und ab der B- und A-Jugend auch in einer Mannschaft. Ich machte damals eine Lehre als Dachdecker, die ich auch abgeschlossen habe. Vier- bis fünfmal pro Woche habe ich trainiert, samstags und sonntags spielte ich Handball plus Fußball. Belastungssteuerung war da nicht notwendig: Um 6 Uhr begann die Arbeit, um 17 Uhr ging es runter vom Dach und dann rüber zum Training.
Hatten Sie ein Vorbild?
Es war die Zeit von Uwe Seeler, er stammte aus der Generation vor uns und war damals das Markenzeichen. Fritz Walter war bei uns auch eine große Nummer.
Welches war Ihr wichtigstes Tor?
Es waren die ersten beiden Tore in der Bundesliga für Rot-Weiss Essen gegen Uerdingen im August 1975. Ich traf vor der Pause zweimal per Kopf gegen Bayer-Keeper Manfred Kroke. Wäre ich damals durch den Rost gefallen, hätte ich es schwer gehabt.
Wer war Ihr bester Mitspieler?
Anfangs mein Bruder Herbert, der zuvor Torwart gewesen war. Als wir einmal im Pokal gegen einen klassenhöheren Gegner elf oder zwölf Tore kassiert hatten, habe ich ihn niedergemacht und gesagt: 'Künftig spielst du nicht mehr im Tor!' In der Bundesliga hatte ich das Glück und durfte in Essen mit Willi Lippens, Manni Burgsmüller oder Werner Lorant spielen. Beim Hamburger SV spielte ich dann mit Kevin Keegan, Felix Magath, Manni Kaltz, Peter Nogly und wie sie alle hießen. Ich war immer dankbar, wenn ich mit solchen Könnern spielen durfte.
„Den 'Dicken' habe ich immer bewundert.“ (Horst Hrubesch über Gerd Müller)
Wer war Ihr bester Gegenspieler?
Karlheinz Förster beim VfB Stuttgart, Norbert Brinkmann von Bayer Uerdingen oder Norbert Siegmann aus Bremen. International war es Sergio Brio von Juventus Turin im Europapokal-Finale 1983.
Welcher gegnerische Torwart war der beste?
Es gab viele: Toni Schumacher in Köln, Bernd Franke in Braunschweig oder Manfred Müller, der unter anderem für den 1. FC Nürnberg spielte.
Was war Ihre Stärke?
Ich konnte mich immer gut einschätzen. Ich machte mir den Spruch zum Motto: Die können ohne mich spielen, aber ich kann nicht ohne sie spielen. Das war für mich immer der Antrieb, noch mehr zu tun. Ich wusste, dass ich ständig dazulernen musste, und war immer der Typ, der nie aufgab.
Was Ihre Schwäche?
Das Tempo und die Anpassung daran, auch mit meiner Technik. Als ich von 1978 bis 1983 in Hamburg spielte, hatte ich meine beste Verfassung erreicht.
Wer ist der beste Torjäger aller Zeiten?
Gerd Müller. Den 'Dicken' habe ich immer bewundert.
Wo steht Ihre Torjägerkanone?
Zu Hause, wo ich sie in meinen Angelbereich mitgenommen habe. Wenn man da reinkommt, sind gleich mein großer Fisch und meine kicker-Torjägerkanone zu sehen. Vielleicht hätte ich diese Auszeichnung häufiger bekommen, wenn ich auch die Elfmeter geschossen hätte.
1982/83 hätte es klappen können: Ihnen gelangen damals mit Hamburg 18 Tore, für den Torschützenkönig Rudi Völler von Werder Bremen wurden 23 gezählt. Sieben Elfmeter gab es in jener Saison für den HSV. Sie hätten also wie Völler 25 Treffer erreichen können …
… die Elfmeter schoss beim HSV aber Manni Kaltz - und er hat sechs von sieben verwandelt.
„Als ich von 1978 bis 1983 in Hamburg spielte, hatte ich meine beste Verfassung erreicht.“ (Horst Hrubesch)
Mit Rechtsverteidiger Manni Kaltz bildeten Sie in Hamburg ein kongeniales Duo, Bananenflanke Kaltz, Kopfballtor Hrubesch. Wie lief dieses Zusammenspiel ab?
Wir haben es trainiert, wir waren oft schon eine halbe Stunde vor dem Training auf dem Platz und übten es nach dem Training wieder. Fußball ist einfach: Mit Manni in Hamburg bot sich dieses Zusammenspiel an.
Sie sind seit 1975 auch als "Kopfballungeheuer" bekannt. Was war das Geheimnis Ihrer Kopfballtore?
Dadurch, dass ich in meiner Kindheit und Jugend Handball gespielt hatte, habe ich ein gutes Timing bekommen. Ich wusste immer genau, wie man aus dem Schritt und nicht aus dem Stand abspringt. Wenn ich heute Fußball anschaue, denke ich mir manchmal: Worauf warten die Spieler? Warum stehen sie? Wenn du stehst, schubse ich dich einmal und du bist weg. Wenn du einläufst, musst du hingegen nur den Kopf hinhalten, und der Ball ist drin.
Wie kam es eigentlich zu Ihrem Spitznamen "Kopfballungeheuer"?
Zwischen 1972 und 1975 spielte ich beim SC Westtünnen in der Bezirksliga. In der Saison 1974/75 hatten wir ein Freundschaftsspiel gegen den Bundesligisten Wuppertaler SV. Das erste Tor machte ich per Kopf aus elf Metern in die lange Ecke, beim zweiten nahm ich einen langen Ball aus der Luft, und dann kam das 3:1, ein Tor fast von der Sechzehnmeterlinie. Es war eines meiner typischen Kopfballtore: Weil die Torhüter früher oft vier, fünf Meter aus dem Kasten kamen, brauchte ich aus der Bewegung heraus den Ball nur noch geradeaus mit dem Kopf in die Richtung zu befördern, aus der er gekommen war. Das war mein Standard. Daraufhin schrieb der Journalist Jörg Hüls: 'Achtung, Bundesliga! Das Kopfballungeheuer kommt.'
Welcher Ihrer zahlreichen Titel war eigentlich für Sie persönlich der wertvollste?
Schwer zu sagen: Mein internationaler Durchbruch waren die zwei Tore im Finale der Europameisterschaft 1980 gegen Belgien in Rom, als wir Europameister wurden. Genauso wertvoll waren der Gewinn des Europapokals der Landesmeister sowie die drei Deutschen Meisterschaften, von denen ich einst geträumt hatte. Gerne wäre ich noch Weltmeister geworden.
Welchem Amateurklub sind Sie noch verbunden?
Die Verbundenheit mit dem FC Pelkum bleibt, und mit dem SC Westtünnen, mit dem ich zweimal aufgestiegen bin und mit dem ich zweimal Torschützenkönig wurde. Man darf nicht vergessen, wo man herkommt.
Kicken Sie gelegentlich noch?
Ich gehe noch auf den Platz und dort ein bisschen spazieren, beim alljährlichen Bruno-Pezzey-Turnier in Österreich. Laufen kann ich da nicht mehr. Wenn mich aber die anderen freispielen, mache ich die Dinger rein.