Die Bild hatte in der Nacht von Samstag auf Sonntag berichtet, dass sich eine Mitarbeiterin im Dezember an den Aufsichtsrat gewandt habe, weil sie sich von Kuntz verbal sexuell belästigt gefühlt haben soll. Der Europameister von 1996 hatte daraufhin am Sonntagabend mit einem Statement auf Instagram reagiert. "Klar ist: Ich weise diese Vorwürfe entschieden zurück! Im Sinne meiner Familie und aller mir nahestehenden Personen habe ich meine Anwälte gebeten, gegen diese falschen Vorwürfe und Vorverurteilungen vorzugehen."
Kuntz hat die Kanzlei Schertz Bergmann beauftragt, seine Interessen zu vertreten, nun reagierte das Kontrollgremium - und erklärte auch, weshalb es bei der Trennung zunächst nur persönliche Gründe angegeben hatte: Es ging vor allem um Opferschutz. In der Einleitung zu der Erklärung mit drei Unterpunkten heißt es: "Der HSV hat die Beendigung der Zusammenarbeit und die dafür maßgeblichen Gründe zum Schutz der Betroffenen bislang diskret und rücksichtsvoll behandelt." Vor allem der sonntägliche Social-Media-Post von Kuntz veranlasste das Gremium zu der klaren Stellungnahme.
Bei der ersten offiziellen Erklärung ging es um Opferschutz
Der Aufsichtsrat bestätigt nicht wörtlich den Vorwurf der "verbalen sexuellen Belästigung", schreibt aber: "Im Dezember 2025 sind an den Aufsichtsrat der HSV Fußball AG Vorwürfe eines schwerwiegenden Fehlverhaltens von Stefan Kuntz herangetragen worden. Der Aufsichtsrat hat gemäß seiner Verantwortung sofort nach Kenntnisnahme der Vorwürfe mit Unterstützung spezialisierter externer Anwälte die Aufklärung der Vorfälle eingeleitet. Nach sorgfältiger Prüfung und der Erkenntnis, dass die Vorwürfe glaubhaft sind, hat der Aufsichtsrat umgehend entschieden, eine schnellstmögliche Trennung von dem Vorstandsmitglied anzustreben. Aufgrund der expliziten Bitte der betroffenen Personen hatte bei der Trennung der Schutz der Betroffenen oberste Priorität, die auch weiterhin anhält."
Unter Punkt zwei unterstreicht das Kontrollgremium, dass Kuntz die Möglichkeit eingeräumt worden sei, intern Stellung zu den Vorwürfen zu beziehen, dass er diese aber verstreichen ließ und die Vertragsauflösung zum Jahresende akzeptierte. "Stefan Kuntz hat auf dieser Grundlage und insbesondere in Kenntnis der gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Trennung zum 31.12.2025 zugestimmt. Er war dabei anwaltlich vertreten. Die Gelegenheit zur Stellungnahme gegenüber dem Aufsichtsrat hat Herr Kuntz trotz mehrfacher Angebote explizit nicht genutzt. Vor dem dargestellten Hintergrund sind die Vorwürfe einer Verleumdungskampagne gegen Stefan Kuntz klar unzutreffend und irreführend."
Die Kontrolleure unter der Führung von Michael Papenfuß machen deutlich, dass es zu ihrem Schritt einerseits keine Alternative gab, sie verteidigen gleichzeitig das Vorgehen, zunächst nicht die wahren Gründe für das Aus des Sportvorstandes kommuniziert zu haben. "Der HSV duldet unabhängig von der Hierarchieebene kein Fehlverhalten der hier in Rede stehenden Art und bekennt sich nachhaltig zu den in der Satzung niedergelegten Werten der Toleranz und des Respekts und wendet sich gegen Diskriminierung jeder Art. Dem Aufsichtsrat war es wichtig, im vorliegenden Fall schnell und konsequent zu handeln. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen steht für den HSV - wie schon bisher - im Vordergrund."