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"Ich kotze mich aus, bis ich nicht mehr kann": Der ewige Trimmel in Berlin

kicker

Seit 2014 verkörpert Christopher Trimmel bei Union Berlin auf dem Platz jene Werte, die Verein und Fans hochhalten: Offenheit, Leidenschaft und Geradlinigkeit. Nach 368 Pflichtspielen, mehr als die Hälfte davon in der ersten Bundesliga (seit 2018 durchgehend), ist der 38-Jährige an der Alten Försterei eine Legende. Immer noch als Kapitän und Stammspieler führte er die Eisernen am Freitag zum 3:1 über Gladbach, wobei er mit Muskelproblem ausnahmsweise vor der Pause ausgewechselt wurde.

Am Mittwochabend (21 Uhr, LIVE! bei kicker) ist Trimmel beim Champions-League-Hit zwischen Eintracht Frankfurt und Liverpool FC als Co-Kommentator für Canal+ im Einsatz. Dem kicker gab er davor ein Interview.

Am Freitag wartet Bremen auswärts. Wie geht es dem linken Oberschenkel?

Sehr gut, ich bin offenbar genau zur richtigen Zeit rausgegangen. Wenn man schon so lange Profi ist, lernt man seinen Körper richtig gut einzuschätzen. Der Muskel hat klassisch zugemacht und dann bin ich lieber raus, bevor etwas reißt. Knapp vor der Pause ist es ja dann auch immer die Frage, ob man noch durchzieht und dann in der Halbzeit mit dem Physio etwas probiert. Aber ich hatte vorher eine Zweikampf, der den Muskel stark beansprucht hat und dann zwei Anschlusssituationen im Vollsprint, dazu eine Gelbe Karte, was die schnellen Außenspieler in der Bundesliga einfach beinhart ausnutzen - da war es in Absprache mit dem Trainer einfach besser so.

Hat der Bundesliga-Fußballer Christopher Trimmel auch ein körperliches Ablaufdatum?

Ich fühle mich immer noch sehr sehr fit. Mittlerweile machen wir das ja regelmäßig wissenschaftlich mit den entsprechenden Sprinttests samt km/h-Messung. Da bin ich in der Mannschaft nach wie vor top unterwegs. Ich bin nicht langsam und habe die Erfahrung - dieser Mix passt. Natürlich regeneriere ich langsamer als früher, das ist selbstverständlich. Aber ich schaue auch einfach mehr auf meinen Körper, nehme Behandlungen in Anspruch - Physiotherapie und Massagen. Ich weiß, dass mein Körper das braucht und stehe dazu in ständigem Austausch mit dem Trainerteam. Da heißt es auch mal Belastung steuern und immer Klartext reden.

Halten Sie diese Identifikation mit dem Verein, die Sie seit vielen Jahren verkörpern, und der dazugehörige Spaß zusätzlich am Laufen?

Das ist das Um und Auf für mich. Wenn ich mich in einem Verein nicht wohlfühle, würde ich ihn schnellstmöglich verlassen. Ich brauche das richtige Umfeld und die Herausforderung, Verantwortung zu übernehmen - auch außerhalb des Platzes. Das macht mir irrsinning Spaß, vor allem auch in schlechteren Phasen anzupacken und das Ruder herumzureißen. Ich bin wie ich bin, authentisch, meistens ruhig, manchmal auch laut. Das hat immer gut funktioniert, auch schon bei Rapid (in fast 200 Pflichtspielen, Anm.). Ich bin zu jedem offen und ehrlich, das ist in Wien und Berlin angekommen.

„In beiden Vereinen ist es wirklich eine große Familie, auch wenn das abgedroschen klingt.“ (Christopher Trimmel über die Gemeinsamkeiten von Union Berlin und Rapid Wien.)

Kann man Rapid Wien und Union Berlin gut vergleichen?

Sicher, das sind zwei Vereine mit einer starken Fanbase und starken Werten, einer starken Geschichte. Das macht es leichter, neue Spieler durch dieses spezielle Umfeld schnell zu integrieren. Man lernt schnell alle Leute kennen, die für den Verein arbeiten. In beiden Vereinen ist es wirklich eine große Familie, auch wenn das abgedroschen klingt. Wenn es schlecht läuft, will jeder mit anpacken, von der Fanszene bis zum Präsidenten. Das war bei Rapid auch immer so, schon unter Rudi Edlinger - alle helfen zusammen. Das alles macht beide Vereine zu etwas Besonderem, und diese Art des Zusammenhalts und der Kommunikation gibt es nicht überall, das weiß ich.

Hat es Sie manchmal auch zurück nach Hütteldorf gezogen?

Es hat in all den Jahren bei Union drei Situationen gegeben, in denen es einen ernsthaften und offenen Austausch mit anderen Vereinen gegeben hat. Einmal mit Rapid unter Zoki Barisic, als wir mit Union noch in der zweiten Liga waren und der Trainer nicht auf mich gebaut hat. Das hat sich aber erledigt, weil ein neuer Trainer gekommen ist, der mich noch in der Vorbereitung sehen wollte und dann gesagt hat, dass ich jedes Match spielen werde. Dann hat es einmal ein finanziell außergewöhnliches Angebot aus dem Ausland gegeben, das sich aber durch die Wertschätzung von Union in einem neuen Vertrag auch schnell erledigt hatte. Und dann habe ich auch vor einem Jahr ein grundsätzliches Zukunftsgespräch mit Mecki Katzer gehabt, im Endeffekt aber wieder in Berlin verlängert. Ich habe ja auch immer viel gespielt und spiele ja immer noch jedes Spiel - auch in dieser Saison.

Im Schnitt pro Spiel so um die 70, 75 Minuten - mehr als beachtlich.

Ich bin halt so ein Spieler: ich kotze mich aus, bis ich nicht mehr kann. Ich teile mir meine Kraft nicht ein, damit ich 90 Minuten durchhalte. Das fordert der Trainer auch. Wir sollen alles geben, bis wir nicht mehr können. Und dann kommt der Nächste rein. Ich habe da volles Vertrauen in die gesamte Mannschaft. Oft wechselt ja der Gegner im Finish auch frische schnelle Außenspieler ein und wenn ich merke, dass der Zeitpunkt da ist, dann lasse ich mich auswechseln. Dazu bin ich zu lange im Geschäft, als dass ich den Fehler machen würde, unbedingt 90 Minuten durchspielen zu wollen.

Mit der Saison kann man bei Union bisher sehr zufrieden sein, oder?

Von der Punkteausbeute her sind wir mit zehn aus sieben Runden voll im Soll. Noch dazu hatten wir in den ersten fünf Runden vier der Top-5 im Programm: Frankfurt, Leverkusen und Dortmund auswärts, dazu Stuttgart daheim. Da haben uns viele Null Punkte vorausgesagt. Intern sind wir aber auch sehr selbstkritisch - wie nach dem letzten Sieg gegen Gladbach, wo bis zum 2:0 alles super gepasst hat und der Matchplan voll aufgegangen ist. Nur kommen dann auch immer wieder so Phasen, die noch zu lange dauern und in denen wir dann auch oft Gegentore bekommen. Daran arbeiten wir. Wir sind auf einem guten Weg, wollen aber auch noch Entwicklung sehen.

Was ist in diesem Spieljahr möglich?

Seit wir in der Bundesliga sind, gehen wir in jede Saison mit der Einstellung, den Klassenerhalt zu schaffen. Obwohl wir schon dreimal im internationalen Geschäft dabei waren, lassen wir intern erst dann neue Ziele zu, wenn wir den Klassenerhalt geschafft haben. Weil es halt auch irrsinnig schwer ist. Bis auf Bayern, Dortmund, vielleicht noch Leipzig kann jeder gegen jeden gewinnen. Für uns geht es von Anfang an in jedem Spiel um alles, das ist unsere Einstellung. Von einem bestimmten Tabellenplatz reden wir nicht.

Sind Sie in Berlin schon so fest verwurzelt, dass Sie sich auch vorstellen könnten, nach der aktiven Karriere zu bleiben?

Das ist eine schwere Frage, die ich so noch nicht beantworten kann. Beruflich sehe ich mich jedenfalls auch nach meiner aktiven Karriere im Fußball. Ich würde wirklich sehr gerne Trainer werden, bin auch schon dabei, die Lizenz zu machen. Ich kann mir grundsätzlich beides vorstellen, weil wir uns in Berlin ein Leben mit vielen Freunden aufgebaut haben. Aber wir haben natürlich auch in Wien und im Burgenland viele Freunde. Und Fakt ist schon, dass Wien immer unsere Lieblingsstadt bleiben wird, weil Wien einzigartig ist. Aber wir als Familie sind da sehr offen und flexibel. Schauen wir mal.

Wie gefällt Ihnen die Tätigkeit als Co-Kommentator und Experte bei Canal+?

Es macht mir mega viel Spaß. Es war natürlich etwas neues für mich, obwohl ich schon Auftritte in Talkshows hatte. Aber Spiele als Experte oder auch Co-Kommentator live im Fernsehen zu begleiten, ist natürlich etwas Besonderes. Es passiert natürlich alles in enger Absprache mit dem Verein, weil ich doch hin- und herreise. Aber jeder dort weiß, dass ich diesen Ausgleich zum Fußballspielen einfach brauche. Ansonsten würde ich in dieser Zeit im Tattoo-Studio tätowieren. Es erweitert meinen Horizont und bringt mir viel Mehrwert. Das Feedback war bisher auch durchwegs positiv, weil ich beim Analysieren und Kommentieren einfach über meine große Leidenschaft rede.

Das Künstlerische hatten Sie immer schon im Blut?

Tatsächlich, ja. Ich habe als Kind oft an Wettbewerben im Zeichnen teilgenommen - auch über die Schule. Das habe ich also immer schon gerne gemacht, dann kam das Realismus-Zeichnen und die ersten Versuche im Sprayen. Und dann bin ich in die Tattoo-Branche reingerutscht, was wir riesengroßen Spaß macht. Meine Frau, die Künstlerin ist, und ich haben vor eineinhalb Jahren beschlossen, uns eine Gewerbefläche zu suchen. Sie hat dort ihre Galerie, ihr Atelier, und ich gegenüber mein Studio. Das macht es natürlich auch sehr schön, dass wir da etwas gemeinsam machen. In Berlin gibt es auch unglaublich viele junge, neue Künstler, was sehr spannend ist.

Sie sind bei Frankfurt - Liverpool für Canal+ vor Ort - zwei Vereine, die Ihnen als Spieler gut gefallen hätten, wenn es sich ergeben hätte?

Ja (lacht), da brauchen wir nicht diskutieren. Zwei Mega-Vereine. Frankfurt hat sich in Deutschland zu einem super Klub entwickelt - auch durch Oli Glasner. Mit den Fans in diesem Stadion im Rücken trau ich ihnen etwas zu. Und Liverpool ist sowieso der Weltklasse-Klub schlechthin - mit einem unglaublichen Trainer Arne Slot. Das habe ich schon am eigenen Leib verspürt, als er noch bei Feyernoord war und wir da keine Chance hatten. Im Moment stimmen die Ergebnisse nicht so ganz, aber da steckt so enorm viel Qualität in der Mannschaft. Es wird ein Superspiel, auf das ich mich freue.