Herr Ingolitsch, Sie haben während Ihrer sieben Jahre in Salzburg den RB-Fußball verinnerlicht. Sturm war in der jüngeren Vergangenheit mit genau diesen Attributen sehr erfolgreich. Sind Sie daher so etwas wie der logische Nachfolger von Jürgen Säumel?
Das kann nicht ich beantworten. Aber es stimmt, dass es sehr viele Überschneidungspunkte zwischen meinem Fußballverständnis und dem des SK Sturm Graz gibt. Es hat schon in den ersten Gesprächen sehr gut gepasst und ich glaube, dass der Verein und ich in die gleiche Richtung denken. Deswegen hat es sich für mich von Anfang an sehr gut angefühlt.
Bekanntermaßen hatte Sturm unter anderem auch Interesse an Maximilian Senft und Gerald Scheiblehner. Inwieweit beeinflusst einen die mediale Berichterstattung in den eigenen Gesprächen mit den Verantwortlichen?
Eigentlich überhaupt nicht. Es ist logisch, dass der Verein mit mehreren Leuten Gespräche führt - alles andere wäre unprofessionell. Außerdem habe ich von Anfang an ein sehr gutes Gefühl vermittelt bekommen. Es war während der Trainersuche fast ein bisschen amüsant, die mediale Berichterstattung zu verfolgen, wenn man weiß, wie die internen Prozesse wirklich ablaufen. Es ist spannend, wie Medien eine öffentliche Meinung bilden, ohne fundierte Informationen zu haben.
Die Reaktionen auf Ihre Verpflichtung fielen bei einem Blick in die sozialen Medien gemischt aus. Wie wichtig ist Ihnen die Meinung der Fans und was entgegnen Sie der Kritik, Sie seien für Sturm zu unerfahren?
Ich beschäftige mich nur ganz wenig mit Kommentaren in sozialen Medien oder Foren. Ich versuche, bei mir zu bleiben und mit meinem Verhalten sowie meiner Arbeit zu überzeugen. Es ist weniger wichtig, was die Leute denken, wenn man kommt. Entscheidend ist, was die Leute denken, wenn man geht. Ich will den gesamten Staff mitnehmen und gemeinsam einen erfolgreichen Weg einschlagen. Mit unserer Verhaltensweise wollen wir dann natürlich auch die Fans und die Stadt mitnehmen. Dann können wir eine enorme Wucht und Power entwickeln. Das Fanpotenzial in Graz ist riesig und die Unterstützung von den Rängen für uns sehr wichtig.
Wie lässt es sich erklären, dass Sturm in der Heimtabelle nur Vorletzter ist?
Das ist ganz schwer zu erklären, wenn man selbst nicht Teil des Prozesses war. Natürlich habe auch ich das in meiner Analyse erkannt und das Ziel formuliert, die Heimtabelle auf den Kopf zu stellen. Wenn man im Frühjahr als Sturm-Fan ins Stadion kommt, soll man auch wieder glücklich und zufrieden nachhause gehen. Das ist für uns das Allerwichtigste, weil wir den besten Support in ganz Österreich haben.
„Wir müssen Sturm ein Stück weit neu erfinden, die Mannschaft neu zusammenbauen und neue Reize setzen.“ (Fabio Ingolitsch)
Sie haben bei Ihrer Antritts-Pressekonferenz angekündigt, "aus der starren Rauten-Formation rauskommen" zu wollen. War Sturm im Herbst zu leicht ausrechenbar?
Es geht nicht darum, was im Herbst war, sondern wie ich meine Mannschaft spielen lassen möchte. Ich will es ein bisschen flexibler angehen. Es gibt im Fußball nie ein Richtig oder Falsch. Manche sehen es als Stärke, variabel zu sein, Dinge zu adaptieren und verschiedene Tools im Handwerkskoffer zu haben. Und manche sehen es eher als Stärke, wenn man immer das Gleiche macht und sein Ding einfach durchzieht. Das muss jeder Trainer für sich selbst entscheiden. Ich möchte jemand sein, der der Mannschaft für verschiedene Herausforderungen unterschiedliche Hilfestellungen mitgibt. Aber natürlich alles immer im Sinne unserer Spielidee und Prinzipien.
Als Antwort auf die gegnerischen Fünferketten wird schon während des Trainingslagers unter anderem das 3-4-2-1-System einstudiert. Wie schwer fällt es der Mannschaft und insbesondere den jungen Spielern, Ihre neuen Ideen anzunehmen und umzusetzen?
Es ist natürlich einfacher, wenn man bei dem bleibt, was man seit Monaten oder Jahren kennt. Man braucht schon Mut, Dinge aufzubrechen und zu verändern - und den haben wir. Wir müssen Sturm ein Stück weit neu erfinden, die Mannschaft neu zusammenbauen und neue Reize setzen. Nach der so erfolgreichen Phase ist die Zeit für eine Frischzellenkur gekommen. Sturm befindet sich im Umbruch, viele Leistungsträger und Stammspieler aus den vergangenen zwei Jahren haben den Verein verlassen. Wir sind am Weg, deutlich jünger zu werden und müssen neue Spieler heranführen, um dann hoffentlich wieder eine ähnliche Stärke wie zuletzt entwickeln zu können. Dabei wollen wir aber nicht unseren Weg verlassen. Es gibt klare Leitplanken, wie Sturm Graz auftreten soll.
Die da wären?
Mentalität, Leidenschaft, das hohe Pressing und das vertikale Umschaltspiel werden uns immer begleiten. Und ich möchte eben diese Variabilität ein bisschen einpflegen. So kann sich der Verein am Ende des Tages weiterentwickeln.
Auch hohe Intensität ist Ihnen - wie schon einigen Ihrer Vorgänger - wichtig. Wie impft man diese der Mannschaft ein?
Es geht zum einen darum, Dinge, die man haben möchte, klar zu definieren. Zum anderen muss man Spiel- und Trainingsformen wählen, wo genau auf dieser Intensität der Schwerpunkt liegt. Man muss die Intensität hart und gnadenlos einfordern, wenn mal jemand nicht mitziehen sollte. Wir sind gerade in einem Prozess, aber ich habe das Gefühl, dass die Jungs richtig Bock haben. Es stimmt, dass das nichts Neues ist. Diese Intensität ist Teil der Sturm-Identität und ich kann mich in meiner Trainingsarbeit damit sehr gut identifizieren.
Durch den Transfer von Tochi Chukwuani ist zuletzt wieder etwas Geld in die Vereinskasse gekommen. Wenn Sie einen Wunsch freihätten: Auf welcher Position würden Sie den Kader im Winter noch verstärken?
Das ist recht einfach zu beantworten. Wir haben einen Stammspieler auf der Achter-Position, der ein Bindeglied zwischen der Defensive und Offensive war, verloren. Daher suchen wir genau so einen Spielertypen, den wir dann auch so schnell wie möglich verpflichten können. Wir wollen da auf jeden Fall noch im Winter tätig werden.
Die Angreifer haben in der Herbstsaison nicht allzu viel Eigenwerbung betrieben, der beste Torschütze kam mit Otar Kiteishvili aus dem Mittelfeld. Ist der Kader im Sturm aus Ihrer Sicht meisterwürdig?
Natürlich ist uns nicht verborgen geblieben, dass unser bester Angreifer nur drei Tore (Leon Grgic, Seedy Jatta und Maurice Malone, Anm.) erzielt hat. Wir glauben an die Jungs, dass sie fähig sind, mehr Tore zu schießen. Wir haben uns darauf verständigt, das Trainingslager abzuwarten. So kann ich mir einen guten Überblick verschaffen. Danach werden wir uns zusammensetzen und besprechen, ob wir noch nachjustieren wollen.
Ihr erstes Pflichtspiel als Sturm-Coach steht am 22. Jänner auswärts bei Feyenoord Rotterdam an, am 1. Februar geht es im Cup zu Ihrem Ex-Klub Altach. Inwieweit beeinflusst es die Vorbereitung und die Belastungssteuerung, dass es - inklusive der Partie gegen Brann Bergen - de facto nur mit K.-o.-Spielen losgeht? Schließlich wartet am Ende der Saison voraussichtlich die Meistergruppe mit zehn Entscheidungsspielen.
Die Belastungssteuerung ist für uns sehr wichtig. Wir achten sehr genau auf unsere Wochenperiodisierung, die Mikro- und Makrozyklen sowie unsere Trainingspläne - da sind wir sehr gut aufgestellt. Wir schauen aber noch nicht in den Mai, sondern müssen jetzt in der Vorbereitung eine gewisse Substanz aufbauen. Dabei ist auch entscheidend, dass die Spieler fit bleiben und wir nicht über die Stränge schlagen. Drei Wochen Vorbereitungszeit unter einem neuen Trainer sind nicht viel, um in solche Do-or-die-Spiele zu gehen. Das Gute ist, dass wir in der Europa League nur gewinnen können. Deswegen werden wir mit maximalem Mut und maximaler Power in diese Spiele gehen. Wir müssen angreifen, weil wir sowieso nur mit zwei Siegen aufsteigen können. Bei der Qualität, die unsere ersten beiden Gegner haben, ist außerdem allen klar, dass wir die Vorbereitung auf Vollspannung absolvieren müssen. Deswegen ist die Ausgangslage eigentlich recht eindeutig.
„Das Leistungsgefüge ist in dieser Saison noch einmal enger zusammengerückt.“ (Fabio Ingolitsch)
Für die österreichischen Klubs lief es auf internationaler Bühne bislang sehr durchwachsen. Muss sich der rot-weiß-rote-Klubfußball gewissermaßen neu erfinden? Vom Spielstil war schließlich kein Gegner mehr überrascht.
Man darf nicht vergessen, dass wir in Österreich eine Ausbildungsliga haben. Ich denke schon, dass in den vergangenen Jahren gut gearbeitet wurde. Sehr viele Spieler sind aus Österreich für hohe Transfersummen ins Ausland gewechselt. Das spricht für die Qualität in den Trainerstäben und Mannschaften. Trotzdem ist es natürlich so, dass sich jeder für sich kritisch hinterfragen muss. Wir streben ja auch daher an, variabler zu werden, um für die verschiedenen Herausforderungen gegen andere Fußballnationen gewappnet zu sein.
In Altach, wo es für Sturm um den Einzug ins Cup-Halbfinale geht, wurde vor Kurzem Ognjen Zaric als neuer Trainer vorgestellt. Was trauen Sie ihrem Ex-Klub im Frühjahr zu?
Wenn Sie mich vor drei Wochen gefragt hätten, hätte ich gesagt, dass ich mit Altach den Cup-Titel anpeile. Dementsprechend müsste ich lügen, wenn ich der Mannschaft nicht den Titel zutrauen würde. Es sind nicht mehr viele Spiele und im vergangenen Jahr standen sich im Finale der WAC und Hartberg gegenüber. Das Leistungsgefüge ist in dieser Saison noch einmal enger zusammengerückt und in solchen Do-or-die-Spielen gibt es in jedem Land Überraschungen. Deswegen müssen wir als Sturm die Favoritenrolle zwar annehmen, aber die Aufgabe maximal ernst nehmen. Spiele in Altach sind immer schwierig.
Sturm hat sich bislang schwer getan, klare Saisonziele zu formulieren. Sie haben angekündigt, diese im Trainingslager definieren zu wollen. Ist mindestens ein Titel das erklärte Ziel?
Wir wollen uns mit der Vereinsführung, den sportlich Verantwortlichen und der Mannschaft zusammensetzen und für uns - intern - wie in der Vergangenheit Etappenziele für die verschieden Saisonphasen festlegen. Das ist bis dato aber noch nicht passiert, weil wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Alles andere wird noch kommen.