Fußball ist bekanntermaßen kein Sport der Konjunktive. So unklar die Herkunft dieser Binsenweisheit ist, so eindeutig ist: Die Frage nach dem "Hätte, wenn und aber" stellt sich sowieso nicht. Gültigkeit hat das auch in Sachen Investoren-Chaos beim TSV 1860 München nicht. Hätte der Bieter hinter Matthias Thoma nach dem Notartermin die avisierte Millionenablöse für die Anteile Hasan Ismaiks gelegt? Hätte der Jordanier vielleicht ein wenig mehr Geduld haben müssen?
Ponomarev, Kivran & Co.: Mehr Transparenz ist gefragt
Im Prinzip egal, es ist, wie es ist. Sehr wohl allerdings wird auf die Verbände im deutschen Fußball die Fragestellung zukommen, wie sie künftig mit Investoren umgehen. Dass es einer besseren Durchleuchtung und mehr Transparenz bedarf, scheint fast schon eine logische Konsequenz. Das haben Beispiele wie Lars Windhorst und 777-Partners bei Hertha BSC, Hasan Kivran bei Türkgücü München oder Mikhail Ponomarev beim KFC Uerdingen hinlänglich untermauert.
Beim DFB, der die 3. Liga betreibt und damit formal auch für 1860 zuständig ist, hält man die aktuellen Regularien und die Praxis im Zulassungsverfahren offensichtlich für ausreichend. Über die "in den Statuten verankerten hinausgehende Möglichkeiten zur Bonitätsprüfung oder direkten Überprüfung von Investoren bestehen aktuell nicht", heißt es beim Verband. Man zieht sich auf die Argumentation zurück, dass die jeweilige Kapitalgesellschaft, die die Profimannschaft führt, Ansprechpartner des Verbandes sei. In Bezug auf 1860 also die KGaA, um deren Anteile es geht. Aber eben nicht der e. V., der die Anteile verkaufen würde respektive einem Weiterverkauf durch Ismaiks HAM International Ltd. an einen Dritten durch einen Verzicht auf seine Rückkaufoption indirekt zustimmen müsste.
DFL will perspektivisch auch Gesellschafter durchleuchten
Der DFB prüft im Zulassungsverfahren die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Hauptkriterium ist dabei die Liquidität zum Stichtag des Saisonendes der kommenden Spielzeit. Im November wird erneut überprüft, ob die Zahlungsfähigkeit auch wirklich gesichert ist. Nach den Pleiten während Corona hat der DFB nachgeschärft. Doch die Frage, ob er aufgrund der Vorkommnisse bei 1860 über Optionen nachdenke, künftig potenzielle Investoren auf ihre Bonität hin checken zu können, beantwortet der Verband nicht. Das lässt den Schluss zu, dass er sich mit derartigen Möglichkeiten nicht befasst.
Bei der DFL, die Bundesliga und 2. Liga verantwortet, arbeitet man aktuell an einer Reform der Finanzregularien, die speziell die Kaderkosten prozentual gemessen am Gesamtumsatz einschränken soll. Wie der kicker erfuhr, denkt man perspektivisch aber auch darüber nach, wie man künftige Gesellschafter durchleuchten könnte.
Test der Premier League als mögliches Vorbild für DFL
Der Einstieg von 777-Partners bei Hertha BSC und der turbulente Verlauf dieses Engagements sollen dafür ausschlaggebend gewesen sein. Denn während das US-Unternehmen bei seinem geplanten Investment beim FC Everton aufgrund entsprechender Regularien der Premier League monatelang auf dem Prüfstand stand, hatte die DFL in Berlin nur den Status eines Zuschauers. Das Engagement des mittlerweile offenkundig hochverschuldeten Investors in Everton platzte, bei Hertha dagegen gelang der Einstieg. Doch wie eine gedeihliche Partnerschaft kommt diese Zweckehe nicht gerade daher. Dazu passend wurden die 777-Anteile an Hertha BSC ob der Finanzlage des Unternehmens mittlerweile zwangsversteigert. ACM Delegate LLC heißt der neue Anteilseigner, eine Tochterfirma von 777-Hauptgläubiger A-Cap. Kontrolle über den Weiterverkauf durch Hertha? Fehlanzeige.
Die Premier League verfügt anders als die DFL über einen sogenannten "Owners & Directors Test" (Eigentümer- und Geschäftsführer-Test). Da geht es beispielsweise um die Vorgeschichte der handelnden Personen mit Blick auf etwaige Vorstrafen - auch sportrechtlicher Natur übrigens, wie etwa im Bereich Matchfixing. Aber eben auch um aktuelle Liquidität und auch zukünftige wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Investoren. Gerade der letztgenannte Aspekt hätte die ein oder andere unheilvolle Investoren-Story in Deutschland womöglich verhindert.