Die Heldenrolle schien reserviert für den Engländer. Wieder einmal. Wenige Tage nach seiner Ankunft in Hamburg im vergangenen Sommer war der Angreifer im Test bei Regionalligist SV Drochtersen/Assel auf die Schulter gestürzt, musste operiert werden und bis zum Dezember auf sein Bundesliga-Debüt warten. Dies veredelte er dann als Joker mit seinem Treffer zum 1:1 in Köln, beendete damit St. Paulis historische Serie von neun Pleiten in Folge. Am Samstag traf er wieder als Einwechselspieler zum umjubelten 2:2. Dann traf er ungestüm Maximilian Beier. Und weil der VAR entschied, dass dies im und nicht vor dem Strafraum geschehen ist, gab es den für den BVB siegbringenden Strafstoß.
Blessin: "Wir haben jetzt gesehen, was in ihm steckt"
Zentimeter waren entscheidend dafür, dass es einen Elfmeter gab, und Jones nicht der Held, sondern der Unglücksrabe von Dortmund war. "Mir tut es leid für den Jungen", sagt Verteidiger Hauke Wahl, "das hat er nicht verdient, weil es ein echt guter Junge ist. Er ist richtig am Boden zerstört." Alexander Blessin gab Ähnliches preis. "Ricky sitzt in der Kabine wie ein Häufchen Elend", verriet der Trainer. "Ricky ist so traurig", sagte auch Joel Chima Fujita, "ich wünsche mir, dass er wieder lachen kann. Denn er hat ja auch sein Tor gemacht."
Das zwischenzeitliche Ausgleichstor von Jones hat nicht nur vorübergehend die Aufholjagd gekrönt und Hoffnung auf einen nach dem 0:2-Rückstand nicht mehr für möglich gehaltenen Punktgewinn in Dortmund gemacht, es erzeugt auch Mut für die Zukunft. Trotz der zweiten unglücklichen und späten Pleite im zweiten Spiel des neuen Jahres. Weil St. Pauli, anders als in weiten Teilen der sportlichen Talfahrt, aktuell nicht mehr wie ein Absteiger spielt und wieder Waffen im Abstiegskampf hat. Jones ist eine davon.
"Das Tor", lobt Verteidiger Wahl, "macht Ricky unfassbar gut." Es ist ein Beleg, dass der vor über einem Jahr mit über 37 km/h zwischenzeitlich schnellste Stürmer der Welt nicht nur ungeheures Tempo mitbringt. Nach anfänglichen Joker-Einsätzen hatte Jones sich zuletzt sogar einen Startplatz erarbeitet, dann aber der langen Ausfallzeit Tribut zollen müssen. In Dortmund war der 23-jährige Neuling aus der dritten englischen Liga (Peterborough United) deshalb zunächst wieder in der Jokerrolle, ehe er für Martijn Kaars kam und mit Vollgas in die Achterbahn der Gefühle kletterte.
Und welche Rolle bekommt Jones im Derby? Am Freitag empfängt St. Pauli den HSV zum Stadt-Duell, und Blessin deutet an, dass er seinem Turbo-Stürmer durchaus zutraut, dann nicht nur zwischenzeitlich zum Helden zu werden. "Wir haben jetzt gesehen, was in ihm steckt", lobt der Coach. "Wie Ricky gearbeitet hat, gibt mir große Hoffnung. Auf diesem Level muss er weiter performen." Und keine Bühne könnte geeigneter sein, den Schmerz von Dortmund zu verdrängen als jene, die der Freitagabend bietet.