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"Keine Schuldzuweisung, aber …": Diversitätsstudie hält Bundesliga den Spiegel vor

kicker

Mit "Lage der Liga" hat die gemeinnützige Organisation "Fußball kann mehr" zum zweiten Mal einen Bericht zur Diversität im deutschen Profifußball vorgelegt. Während bei der ersten Ausgabe im Jahr 2024 nur 32 Klubs daran teilgenommen haben, waren es diesmal alle 36 Erst- und Zweitligisten. Das Ergebnis macht das nicht besser, im Gegenteil: Die Führungsetagen im deutschen Lizenzfußball der Bundesliga und 2. Bundesliga bleiben fest in Männerhand. Lediglich sechs Prozent der Top-Management-Positionen sind mit Frauen besetzt - ein Wert, der nicht nur stagniert, sondern im Vergleich zur deutschen Wirtschaft deutlich zurückfällt.

Wie schon im Vorjahr orientiert sich der Bericht an den Erhebungen der AllBright-Stiftung zu börsennotierten Unternehmen und vergleicht Klubs in vier Kategorien: Top-Management (die höchste hauptamtliche operative Führungsebene der Klubs, die für den Profifußball verantwortlich ist, beispielsweise Vorstand oder Geschäftsführung), Direct Reports (Führungsebene unmittelbar unter dem Top-Management, die direkt an dieses berichtet, zum Beispiel Direktoren und Bereichsleiterinnen), Kontrollgremium (Gremium, das für die Ernennung und Entlassung des Top-Managements zuständig ist) und Aufsichtsrat (losgelöst von den konkreten Aufgabenprofilen; in vielen Fällen ist der Aufsichtsrat das Kontrollgremium).

Weitere zentrale Erkenntnisse:

- Im Bereich des Top-Managements ist die Lage unverändert: 32 von 36 Klubs haben keine Frau im Top-Management, insgesamt sind von 100 Positionen nur sechs Positionen mit Frauen besetzt. Die einzigen Ausnahmen bilden der 1. FC Heidenheim 1846 (Petra Saretz, seit 2020 Vorstand Organisation und Lizenzierung), der FC St. Pauli mit seinen drei Vizepräsidentinnen Luise Gottberg (seit 2024), Hanna Obersteller (seit 2023) und Esin Rager (seit 2021), der FC Schalke 04 (Christina Rühl-Hamers, seit 2020 Vorstandsmitglied für die Bereiche Finanzen, Personal und Recht) und der SV Werder Bremen (Anne-Kathrin Laufmann, seit 2023 Geschäftsführerin Sport & Nachhaltigkeit).

- 19 von 100 Top-Management-Positionen wurden im vergangenen Jahr neu besetzt, mit Luise Gottberg beim FC St. Pauli nur eine davon mit einer Frau.

- Nicole Kumpis von Eintracht Braunschweig ist die einzige Präsidentin eines Vereins in der Bundesliga oder 2. Bundesliga. Weitere Frauen sind Teil von Vereinspräsidien, unter anderem als Vizepräsidentinnen Hannelore Kraft (Borussia Mönchengladbach), Claudia Lasch (SV Werder Bremen), Katharina Keller (Eintracht Frankfurt), Silke Seidel (Borussia Dortmund), Laura Ludwig (Hamburger SV), Anne Noske (Hertha BSC) sowie das bereits erwähnte Trio des FC St. Pauli.

- Von 271 Kontrollgremien-Positionen sind nur 28 (10,3 Prozent) mit Frauen besetzt. Noch geringer ist der Anteil internationaler Profile (3,3 Prozent). In Kontrollgremien, die für die Berufung des Top-Managements zuständig sind, führen mit jeweils über 30 Prozent Frauenanteil der FC St. Pauli (57,1 Prozent), der SC Freiburg und Eintracht Braunschweig (beide 33,3 Prozent) das Ranking an.

- Nicht bei allen Klubs sind die Aufsichtsräte verantwortlich für die Bestellung und Abberufung des Top-Managements, deshalb wurden die Aufsichtsräte gesondert ausgewertet. Im Vergleich zum Vorjahr sinkt der Frauenanteil in den Aufsichtsräten sogar: Nur 10,9 Prozent der Mitglieder sind weiblich (2024: 11,8 Prozent). 16 Aufsichtsräte kommen weiterhin ganz ohne Frauen aus. Lediglich bei Borussia Dortmund (Silke Seidel) und St. Pauli (Kathrin Deumelandt) stehen Frauen an der Spitze des Gremiums. Immerhin: Seit Mitte Juli hat auch der FC Schalke 04 eine Frau im Aufsichtsrat. Als kooptiertes Mitglied wurde die frühere deutsche Nationalspielerin Steffi Jones dabei nicht von den Mitgliedern gewählt, sondern hat einen von drei Plätzen im elfköpfigen Gremium bekommen, die der Aufsichtsrat selbst berufen darf. Die 52-Jährige ist laut Vereinsangaben die erste Frau überhaupt, die im Aufsichtsrat von S04 sitzt.

- Auf der Organisationsebene der Direct Reports verteilen sich 394 Positionen auf 74 Frauen (18,8 Prozent) und 320 Männer (81,2 Prozent). Die Bandbreite ist dabei enorm: Während einzelne Klubs einen Frauenanteil von bis zu 44 Prozent erreichen, haben acht Klubs keine Frauen auf der zweiten Führungsebene. Acht Klubs haben keine Frauen auf der Ebene der Direct Reports, das sind drei mehr als im vergangenen Jahr. Auf den vordersten Plätzen mit einem Frauenanteil von je über 30 Prozent landen die SV Elversberg (43,8 Prozent), der 1. FC Kaiserslautern (40 Prozent), Eintracht Braunschweig, die TSG Hoffenheim (beide 37,5 Prozent) sowie der BVB mit 30,8 Prozent.

"Kultur, die sich weiterhin schwertut mit Veränderung"

"Die Fakten sind ernüchternd, sie beschreiben eine Kultur, die sich weiterhin schwertut mit Veränderung. Sie vielmehr oft als Störung eines bewährten Systems empfindet - und nicht als dessen Weiterentwicklung", konstatiert Katja Kraus, Beiratsvorsitzende und Mitinitiatorin von "Fußball kann mehr". Noch immer werde "Diversität bei vielen Klubs nicht von der Führungsspitze vertreten und mit klaren Zielsetzungen versehen, sondern in CSR-Abteilungen inmitten einer Vielzahl anderer Projekte einsortiert", sagt die ehemalige Nationaltorhüterin, die von 2003 bis 2011 beim Hamburger SV die erste Frau im Vorstand eines Bundesligisten war.

"Diese Analyse ist keine Schuldzuweisung, aber Fußball ist ein Ergebnissport", sagt Kraus weiter. Und: "All die positiven Gespräche und Veränderungsbestrebungen vieler Entscheider münden bislang nicht in entsprechenden Zahlen." Deshalb sei es "umso wichtiger, die sich bietenden Chancen bei der Besetzung von Top-Positionen zu ergreifen".

FCK mit 40 Prozent Frauenanteil bei Direct Reports

Die Studie legt deshalb nicht nur den Finger in die Wunde, sondern benennt auch positive Entwicklungen, die sich nicht nur aus "vielen Gesprächen mit Vereinsverantwortlichen, die Glaubenssätze über Bord werfen", ableiten ließen.

Werder Bremen habe sich beispielsweise Parität zum Ziel gesetzt und bei der nun anstehenden Umgestaltung des Aufsichtsrates die Chance, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Der FC St. Pauli habe den Aufsichtsratsvorsitz nach Sandra Schwedlers Ausscheiden ganz selbstverständlich wieder mit Kathrin Deumelandt in die Hände einer Frau gegeben, "nicht geschlechterdynastisch, wie wir es seit Jahrzehnten umgekehrt kennen, sondern weil die geeignetste Kandidatin eine Frau war".

Die TSG Hoffenheim hat sich auf der Geschäftsleitungsebene gleich mit drei Frauen verstärkt und dabei bewusst auf Erfahrungen aus anderen Branchen gesetzt. Nicht zufällig haben die gleichen Entscheider die automatische Vertragsverlängerung für Fußballspielerinnen, die Mütter werden, etabliert.

„Wir denken bei keiner Aufgabe, dass sie besser von einem Mann erledigt werden sollte.“ (Julia Martin, Personalchefin des 1. FC Kaiserslautern)

Auch Eintracht Frankfurt hat laut Studie das Thema Personal zum Schlüsselthema der Organisationsentwicklung gemacht und immerhin begonnen, Strukturen zu schaffen, die Gleichbehandlung ermöglichen und Karriereentwicklung objektivierbar machen. "Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen im Fußball. Im Männer- und im Frauenfußball. Wir werden das aber nur erreichen, wenn dies in den Vereinen, von den Mitgliedern und Fans getragen und vorangetrieben wird", sagt dazu Eintracht-Vorstandssprecher Axel Hellmann, der zudem neben Katja Kraus als Beiratsvorsitzender von "Fußball kann mehr" fungiert. Der Impuls für mehr Frauen im Fußball dürfe "nicht alleine von den Managements in die Organisationen 'top down' erfolgen, sondern müsse auch von den Mitgliedern in die Vereinsgremien hinein 'bottom up' und damit in die Strukturen der Kapitalgesellschaften kommen".

Bei den Direct Reports erreicht der 1. FC Kaiserslautern einen Frauenanteil von 40 Prozent. Grund für diesen vergleichsweise hohen Wert ist nach Angaben von FCK-Personalchefin Julia Martin, dass 42 Prozent der Fans im Stadion Frauen seien. Das heiße aber nicht, dass nur Anhängerinnen zu Mitarbeiterinnen werden: "Wir haben im letzten Jahr auch zwei Führungspositionen mit Frauen von außen besetzt, die keine Fanhistorie hatten", sagt Martin. Was diese Frauen überzeugt habe? "Dass wir offen sind. Wir denken bei keiner Aufgabe, dass sie besser von einem Mann erledigt werden sollte."

Ehrenamt und hybride Wahlen als Lösungsansätze

Ein Weg, den Frauenanteil gerade in den Kontrollgremien zu erhöhen, führt über interne Direktansprache von Kandidatinnen. So strengen sich laut "Fußball kann mehr" auf informeller Ebene einige Klubs an, mehr Frauen in Gremien zu bringen. Die Förderung von Karrieren auf einer persönlichen Ebene "von oben" ist in Institutionen, Unternehmen, Parteien, Verbänden und Vereinen seit jeher verbreitet und Teil einer akzeptierten Führungskultur. Jedoch fehlt es auf diesem Weg auch an strategischer Verankerung und oft auch an Transparenz. Letztlich bleibe "die Förderung von Frauen vom Goodwill vorwiegend männlicher Führungskräfte abhängig".

Ein anderer Weg könnte ehrenamtliches Engagement ebnen. Mehr als jedes vierte Aufsichtsratsmitglied war laut "Lage der Liga"-Studie bereits zuvor ehrenamtlich im Klub aktiv (26,9 Prozent). Besonders häufig gehen Frauen diesen Weg: 46,1 Prozent der Frauen in den Kontrollgremien haben sich zuvor im Ehrenamt engagiert. Problem nur: Ehrenamtliches Engagement braucht Zeit. Ein Lösungsansatz könnte demnach sein, mehr Teilhabe über hybride Gremienarbeit zu ermöglichen. Gleiches gilt für Mitgliederversammlungen. Als Positivbeispiel dient hier Eintracht Braunschweig, der Zweitligist führt seine Mitgliederversammlungen seit 2023 hybrid durch. Borussia Dortmund wird selbiges erstmals bei der Mitgliederversammlung im kommenden November testen.