Der Dienstagabend (20.45 Uhr, LIVE! bei kicker), das Kräftemessen mit dem amtierenden DFB-Pokal-Sieger, könnte intensiv werden für den Torhüter des Außenseiters. Arbeit und besondere Aufgaben indes hat Ron-Thorben Hoffmann noch nie gescheut. 2020 posierte er in Lissabon gemeinsam mit Manuel Neuer und dem Champions-League-Pokal, als Nummer 3 war er Teil der Münchner Delegation, die letztmalig Europas Thron bestiegen hat.
Ein Dasein bei Eintracht Braunschweig, das seit Jahren verzweifelt um einen festen Platz im deutschen Profifußball kämpft, liest sich auf den ersten Blick nicht danach, als habe der gebürtige Rostocker den erwartbaren Karriereweg genommen. Tatsächlich verlief dieser nie stromlinienförmig, Hoffmann selbst aber hat seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Auch, weil er in Niedersachsen mehr als ein Torwart ist.
Verlockung Schalke wird zur "Fehleinschätzung"
Blicke in den Rückspiegel, heißt es, hindern häufig auf dem Weg nach vorn. Für Hoffmann sind sie Teil seiner Geschichte. Beim FC Bayern ist er Stammkeeper jener Zweitvertretung, die 2020 mit Angelo Stiller, Jamal Musiala und Malik Tillman Drittligameister wird. Weil es an Neuer bis heute kein Vorbeikommen gibt, wechselt er 2021 zum AFC Sunderland nach England, ein Jahr später erstmals nach Braunschweig.
Dort gelingt im zweiten Jahr der Aufstieg zum Zweitliga-Stammkeeper, zum Publikumsliebling, zum Umworbenen. Als die Macher in Niedersachsen mit seiner Vertragsverlängerung rechnen, weil sie um Hoffmann herum eine neue Mannschaft aufbauen wollen, erliegt er im Sommer 2024 den Verlockungen von Schalke 04. Die gleiche Liga. Aber eine andere Welt.
Doch in Hoffmanns neuer Welt geht es drunter und drüber, gleich zwei Trainer, Karel Geraerts und Kees van Wonderen, haben andere Pläne als Kaderplaner Ben Manga und setzen den Keeper auf die Bank. "Mit dem Wissen von heute", sagt Hoffmann, "war es eine Fehleinschätzung. Es gehört dazu, sich das einzugestehen. Sportlich ist nicht das eingetreten, was ich mir erhofft habe, aber ich habe als Mensch unglaublich viel dazugelernt."
"Eintracht oder nichts": Das Motto lebt Hoffmann vor
Das Erlernte bringt der 26-Jährige seit Januar wieder in Braunschweig ein. Nachdem er auf Schalke seinen Dienst nicht wie erwartet verrichten darf, entscheidet er sich für Schwerstarbeit. Zum Zeitpunkt seiner Rückkehr hat Braunschweig nach 17 Partien 36 Gegentore kassiert, ist defensiv regelmäßig auseinandergefallen und steht auf einem Abstiegsplatz. Hoffmann hatte sich während des im vergangenen Winter entstandenen Pokers dennoch plakativ positioniert: "Eintracht oder nichts."
Bemerkenswerter noch als dieses zu jenem Zeitpunkt überraschend anmutende Bekenntnis, ist die Intensität, mit der Hoffmann es lebte und lebt. Der Torwart arbeitet für alle sichtbar auf dem Platz ganz entscheidend am Unternehmen Rettung, aber eben auch in der Kabine als Führungsspieler. Und er liefert epische Bilder. Nach dem Relegations-Drama gegen Saarbrücken (2:0 und 2:2 n.V.), das er geprägt hatte wie kein anderer, ist Hoffmann in Tränen aufgelöst, wird von Teamkollege Sebastian Polter wie ein König durch das Stadion vor die Südkurve getragen.
Machtkämpfe auf Schalke als Lehre für den BTSV
Hoffmann hat an jenem verregneten Dienstagabend Ende Mai angekündigt, dass er künftig noch mehr arbeiten und mehr als ein Torwart sein will. "Ich will Teil einer Achse sein, noch mehr Verantwortung übernehmen und dem Klub helfen, in ein ruhiges Fahrwasser zu kommen. Vielleicht muss der Verein ein Stück ins Risiko gehen, um voranzukommen. Ich kann sicher ein Magnet sein für einige. Ich werde helfen, wenn ich gefragt werde." Seine Worte waren weder Kritik an Benjamin Kessel noch eine Bewerbung als "Co-Sportdirektor", sondern vor allem ein Ausdruck von Anspruch. Auch in eigener Sache.
„Ich will besser werden, ich will, dass der Verein besser wird. Ich kann sicher ein Magnet sein.“ (Ron-Thorben Hoffmann)
Hoffmanns Rückkehr ist vertraglich von Beginn an so gestaltet, dass sich sein Kontrakt bei Klassenerhalt automatisch verlängert. Zweieinhalb Jahre hat er bis zum Sommer bei der Eintracht verbracht, jedes davon gleicht einem Tanz auf dem Drahtseil. Ohne Netz und doppelten Boden. Damit soll Schluss sein. "Ich will besser werden, ich will, dass der Verein besser wird. Drei Jahre am Stück gegen den Abstieg zu spielen, widerstrebt mir."
Und nicht zuletzt das glücklose Gastspiel auf Schalke hat ihm vor Augen geführt, dass ein intakter Klub elementar für das eigene Vorankommen ist. "Dort bin ich in Machtkampfmühlen geraten und war am Ende der Leidtragende."
Bei zwei Transfers half "Magnet" Hoffmann
Hoffmann ist es seit seiner zweiten Ankunft in Braunschweig gelungen, die Rolle eines Leuchtturms einzunehmen, ohne sich selbst dabei zu überhöhen. Wenn er sich selbst als "Magnet" bezeichnet, klingt das aus seinem Mund nicht anmaßend, sondern er wirkt tatsächlich anziehend. Dass sich der mit ihm im Winter von Schalke ausgeliehene Lino Tempelmann zu einem langfristigen Vertrag bei den Niedersachsen entschied, ist ebenso auf Hoffmanns Mitwirken zurückzuführen wie die Verpflichtung des neuen Außenverteidigers Mehmet Aydin.
"Bei Mehmet", sagt er lachend, "war es offensichtlich. Wir hatten schon auf Schalke einen guten Draht, er hat mich nach dem Verein gefragt, der Verein hat mich nach ihm gefragt."
Hoffmanns Mehr-Arbeit trägt Früchte. Nachdem Fehlstarts in der Vergangenheit Programm waren, wirkt die neue Eintracht deutlich stabiler. Und der Torwart beansprucht ausdrücklich nur die sportlichen Lorbeeren. "Ich habe meine Hilfe angeboten, ohne mich selbst zu wichtig zu nehmen. Ich bin hier in erster Instanz Spieler." Er bescheinigt seinem Vorgesetzten Kessel: "Benni hat einen super Job gemacht. Er hat eine junge, hungrige Mannschaft zusammengestellt."
„Es war klar, dass ich mich bei Bayern München nicht gegen Manuel Neuer durchsetzen würde.“ (Ron-Thorben Hoffmann)
Eine, in der er Verantwortung übernehmen will. Noch mehr als zuvor. "Ich habe mit ein paar Leuten darüber gesprochen, wie es mir gelingen kann, die Jungs mit ins Boot zu holen. Ich habe einen Anspruch an mich und will damit auch die anderen mitziehen. Denn in unserer Situation mit vielen neuen Spielern steckt eine große Chance."
Braunschweig nur eine Zwischenstation?
Die Chance wittert Hoffmann grundsätzlich auch im Pokal. Gegen den Titelverteidiger, seinen ehemaligen Bayern-Trainer Sebastian Hoeneß, die früheren Mitspieler Stiller und Alexander Nübel. Weggefährten aus einer Vergangenheit, die größer klingt als die Gegenwart, die der Profi jedoch sehr reflektiert einordnet: "Es war klar, dass ich mich bei Bayern München nicht gegen Manuel Neuer durchsetzen würde, er ist der beste Torwart der Welt. Mir war immer bewusst, dass ich da an den Profifußball herangeführt werde und danach woanders meinen Weg gehen würde."
Diesen beschreitet er in Braunschweig auf gleich mehreren Ebenen, und Sport-Geschäftsführer Kessel will die Bedeutung Hoffmanns nicht relativieren: "Jeder weiß, welchen Stellenwert Thorben hier hat."
Er selbst weiß auch darum. Und hat mehrfach demonstriert, dass die Eintracht für ihn mehr als nur eine Zwischenstation ist. Dennoch dürfte es nicht die Letzte sein. Denn unverkennbar ist: Obwohl die Entwicklung in Braunschweig in die richtige Richtung deutet, ist Hoffmann schon einen Schritt weiter.