Am Sonntag fliegt Stefan Oesen als Co-Trainer mit Teamchef Ralf Rangnick zum finalen WM-Quali-Lehrgang nach Zypern. Davor absolviert der 40-jährige Salzburger einen Einsatz als Co-Kommentator in Manchester. Für Canal+ ist der Sportwissenschaftler, Rehab- und Athletiktrainer sowie langjährige Video-Analyst (Rapid, Liefering, ÖFB) beim Duell zwischen ManCity und Dortmund live vor Ort. Die Gabe, Expertise und Begeisterung auch dem TV-Publikum glaubhaft zu vermitteln, beweist der Fußballverrückte mit dem sympathisch nerdigen Touch auch im Gespräch mit dem kicker.
Wenn Oesen im funkelnagelneuen ÖFB-Campus in der Wiener Seestadt sitzt, hat der bekennende Nostalgiker auch sentimentale Gefühle. "Es ist hier jetzt eine richtig gute, topmoderne Arbeitsumgebung, die alle unsere Anforderungen perfekt erfüllt. Ein bisschen vermisse ich halt noch das alte Büro im Happel-Stadion, obwohl es schon den Charme der 1980er-Jahre hatte." Fast so lange her ist Österreichs letzte WM-Teilnahme 1998 in Frankreich. "Ich kann mich gut erinnern, dass ich damals mit meiner Mannschaft beim Schülerliga-Bundesfinale in Wien war und wir die WM-Spiele von Österreich beim Public Viewing im Park vor der Votivkirche geschaut haben."
"Meine Frau ist auf der Telefonliste noch knapp die Nummer eins"
Aus der erhofften Fußball-Profikarriere wurde für Oesen zwar nichts, dafür erarbeitete er sich aber in den letzten rund 15 Jahren ein profundes Standing im Kicker-Kosmos, mit dem er es nun vorerst bis zum ÖFB-Abteilungsleiter für Wissenschaft, Analyse und Entwicklung brachte. Wie sein deutscher Boss Rangnick mag auch der österreichische Co-Trainer das "fordernde Out-of-the-Box-Denken". Dass der Teamchef und er voll auf einer Wellenlänge funken, beweist auch Oesens Telefonliste, auf der seine Ehefrau "noch knapp die Nummer eins" ist. Regelmäßige Video Calls des Trainerteams und ständiger Austausch von Ideen und Match-Beobachtungen gehören ebenfalls fix zum Job.
Das vergangene Wochenende vor der am Dienstag erfolgten Kaderbekanntgabe durch Rangnick verbrachte Oesen fast durchgehend vor TV-Gerät und Laptop. "Da macht es eigentlich gar keinen Sinn mehr, ins Stadion zu gehen, weil ich so wesentlich mehr Spiele sehen kann." Mit Rangnick, dem zweiten "Co" Lars Kornetka und Onur Cinel (Cercle-Brügge-Trainer und ÖFB-Assistenzcoach) teilte er sich die Liga-Partien der Teamspieler in ganz Europa auf. Das technische Equipment, das man auf Zypern für die Vorbereitung auf das vorletzte Quali-Match benötigt, befindet sich schon auf dem Weg.
Nach der EM 2024 in Deutschland wäre die WM 2026 in den USA auch für Oesen die Krönung. "Wir haben uns die große Chance in dieser Gruppe mit unseren Leistungen der letzten Jahre erspielt, sonst würden wir mit Teams wie Deutschland, Spanien, England oder Italien um Platz eins kämpfen", sagt er im Hinblick auf die Tatsache, dass Österreich in den letzten Jahrzehnten in der WM-Quali immer wieder scheiterte, weil man aus niedrigen Töpfen gelost wurde. "Für einige große und erfahrene Spieler in der Mannschaft ist es die letzte Chance auf eine WM, so ehrlich muss man sein. Und diese Endrunde in Nordamerika hat schon ganz andere Dimensionen als eine EM."
Für Oesen ist daher klar, dass die Nationalmannschaft zu den entscheidenden Spielen in Zypern und daheim gegen Bosnien auf den Punkt da sein wird. "Das war sie auch in Rumänien. Und davor beim 10:0 über San Marino, gegen das sich davor einige Teams wie auch Bosnien extrem schwer getan haben - das vergisst man leicht", blickt der Salzburger auf die letzten beiden Quali-Spiele mit der unglücklichen Last-Minute-Niederlage in Bukarest zurück. "Natürlich hätten wir den einen Punkt gegen die Rumänen gerne mitgenommen, aber auch dann würden wir in Zypern auf einen Sieg spielen müssen."
"Der Sabi macht einfach keinen Blödsinn"
Einer der Hauptprotagonisten im Quali-Finish wird wieder Marcel Sabitzer sein, den Oesen auch bei seinem Einsatz als Co-Kommentator auf Canal+ bei ManCity gegen Dortmund genau beobachten wird. "Für mich ist Sabi einer der meistunterschätzten Weltklassespieler in Europa. Wie stabil er mit seinen technischen Fähigkeiten und seiner überragenden Einstellung seit 15 Jahren im absoluten Topbereich des Weltfußballs unterwegs ist, beeindruckt mich extrem", lobt der ÖFB-Coach den in der Öffentlichkeit oft als unnahbar dargestellten ("was er nicht ist") und "viel zu wenig wertgeschätzten" und auch in Deutschland (“oft zu Unrecht”) sehr kritisch beurteilten Offensivmann.
"Wie er damals bei Leipzig sofort Leistungsträger wurde, war sensationell. Er wäre es auch bei Bayern geworden, wenn man ihm mehr Zeit gegeben hätte. Dann geht er zu Manchester United und performt auch dort", so Oesen über Sabitzers internationalen Werdegang. "Für mich ist klar, dass er in Dortmund weiter eine wichtige Rolle spielen wird, auch wenn er die letzten zwei Spiele nicht startete. Das hat sicher auch mit Belastungssteuerung zu tun - und die Konkurrenzsituation im BVB-Mittelfeld ist auch nicht ohne. Der Sabi ist einer, der auf deutsch gesagt einfach keinen Blödsinn macht. Der spielt auch die Partie in San Marino bei 4:0 bis zur 93. Minute konsequent fertig."
Konsequenz ist auch der Grund, warum Oesens Lieblingsverein Athletic Bilbao ist: "Weil die dort einfach sagen, wir haben drei Millionen Basken, aus denen holen wir uns die größten Talente und mit diesen Spielern gehen wir den Weg bis zum Ende. Diese Philosophie, dieser Weg würde perfekt zu uns passen. Umgelegt auf Österreich wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, wenn wir uns auf bestimmte Talente festlegen und diese konsequent fördern - ihnen auch diese Zeit zur Entwicklung geben, die sie brauchen, nicht mit 17 Jahren das Schwert über sie richten und sagen: du bist einer und du bist keiner." Für Oesen ist nach wie vor "die höchste Währung, die wir in Österreich im Fußball haben, ein junges Talent. Das dürfen wir in keinem Fall herschenken."