Merlin Polzin hatte geahnt, dass die Frage nach seinem Torjäger außer Dienst in der Medienrunde im Inneren des Volksparkstadions am Montagnachmittag auf ihn zukommen würde. Er hatte zunächst eine klare Botschaft ("Bobby ist dabei") - und dann noch einige einordnende Sätze zur Situation des 31-jährigen Mittelstürmers. Die deuten mehr als nur an: Trotz des Kaderplatzes für die Pokalpartie an diesem Dienstagabend (18.30 Uhr, LIVE! bei kicker) bleibt die Situation für Glatzel vorerst unverändert. Unverändert schwierig.
Polzin: "Wir haben gesehen, wie sich unser Fußball verändert hat."
Schon in die Vorbereitung ist Glatzel als Mittelstürmer Nummer 3 hinter Ransford Königsdörffer und Yussuf Poulsen gestartet. Dass ihm diese Rolle drohe, hatte der Trainer in persönlichen Gesprächen klar kommuniziert. Hauptgrund: Der veränderte Spielstil in der neuen Liga, der Schwerpunkt auf Umschalt- anstelle von Ballbesitzfußball. Der gebürtige Münchner hatte in der vergangenen Woche offen seinen Frust eingeräumt, aber eben auch eingestanden, dass er kein Sprinter oder Pressingstürmer mehr werde. Und doch bleibt ein wesentlicher Frustfaktor: Seine Rolle veränderte sich auch nicht, obwohl Königsdörffer nicht trifft und Poulsen verletzungsbedingt bisher nur reduziert zur Verfügung steht.
Polzin weiß, dass Glatzel als Publikumsliebling in Hamburg bewegt. Und, dass die Situation den Spieler selbst berührt. "Es ist nicht einfach zu akzeptieren", sagt der Trainer, streicht aber gleichzeitig heraus: "Aber obwohl er emotional enttäuscht ist, ist sein Verhalten einwandfrei, er versucht sich bestmöglich einzusetzen."
In Polzins Lob für Glatzels Auftreten steckt gleichzeitig auch die Begründung für dessen Rolle: Bestmöglich ist seiner Meinung für den neuen Spielstil nicht gut genug. "Wir haben in den zurückliegenden Wochen gesehen, wie sich unser Fußball verändert hat, und das hat maßgeblich mit den Jungs zu tun, die auf dem Feld standen. Da hat Bobby nicht dazugehört. Und dennoch hat er tagtäglich die Chance, sich anzubieten und es mir so schwer wie möglich zu machen."
Gegen Wolfsburg (0:1) war für Glatzel kein Platz im Kader, und Polzin hatte am Wochenende deutlich gemacht, dass ihm diese Entscheidung aus persönlicher Sicht schwergefallen war. In dreieinhalb Jahren seiner Co-Trainerzeit war der kopfball- und abschlussstarke Torjäger ein Fixpunkt, als Polzin im November letzten Jahres zum Chef aufstieg, war Glatzel mit seinem Sehnenabriss im Oberschenkel gerade frisch im Krankenstand - und erlangt seitdem nicht den alten Status zurück. Obwohl insbesondere am vergangenen Wochenende sichtbar wurde: Der Trainer hat die Mannschaft auch in der Bundesliga dahin entwickelt, dass sie phasenweise viel Ballbesitz hat und durchaus Strafraumpräsenz benötigen würde. Ein Argument für den klassischen Mittelstürmer?
In Heidenheim, wo Glatzel von 2017 bis 2019 unter Vertrag stand, gehört der Publikumsliebling zumindest wieder zum Aufgebot. Dennoch macht Polzin deutlich, dass er sich in der Diskussion nicht treiben lassen wird. "Wir treffen unsere Entscheidungen aus Überzeugung und nicht aufgrund von Dynamik und Energie, die von außen kommt."