"Deutschland ist Weltmeister" - diese Schlagzeile hat nicht etwa gut ein halbes Jahr zu früh den Eingang in die Sportberichterstattung gefunden, sondern ist freudige Realität. Bevor jedoch Julian Nagelsmann mit seinem Team am 19. Juli 2026 in New Jersey (USA) im Idealfall den Pokal in die Höhe wuchtet, hat sich die Ü 75 vor wenigen Wochen in Tokio die Krone aufgesetzt. Ein 3:0 im Finale gegen England gab Anfang Oktober den Ausschlag. Vorher setzte sich der spätere Weltmeister in der Gruppenphase gegen die USA (9:1), England (5:2), Japan (3:1) und Taiwan (6:1) durch, ehe es nach einem 4:1 im Halbfinale gegen eine Tokio-Auswahl zum Wiedersehen mit England kam.
Aber natürlich war das kein normales Turnier. Nicht unbedingt, da auf Kleinfeld mit einem Torhüter und sieben Feldspielern gekickt wird, sondern weil Ausrichter wie Teilnehmer keinerlei Unterstützung von einem Verband bekommen. Günter Christmann, Spieler und Teammanager des deutschen Erfolgsteams, sagt: "Der Veranstalter muss sich völlig eigenständig um die Organisation von Plätzen kümmern, teilnehmende Teams um Flüge und Hotels." Es gebe zwar Sponsoren, aber kostendeckend sei das Ganze bei Weitem nicht.
Mit dem DFB hat Christmann frühzeitig Kontakt aufgenommen, doch er berichtet, dass der Verband nur wenige warme Worte übrig gehabt hätte und finanzielle Unterstützung in diesem Alterssegment nicht vorgesehen wäre. Die Trikots, die zuerst als Leihgaben deklariert gewesen seien, durften die "deutschen Veteranen" immerhin behalten. Nach dem Finalsieg kam aus der Otto-Fleck-Schneise ein "etwas mauer" Zweizeiler.
Rundreise durch Japan
Im Rückblick auf den Triumph in Tokio geht es Christmann aber am allerwenigsten darum, jetzt verbitterte Grüße an den größten Sport-Fachverband der Welt zu schicken. Vielmehr sei die Reise nach Japan ein unvergessliches Erlebnis gewesen. "Wer wollte, der konnte seine Partnerin mitnehmen", erzählt Christmann. Diese sahen nicht nur Fußball pur, sondern auch viel vom Land. Der Teammanager erzählt, dass viele Mitreisende noch elf Tage länger im Land geblieben seien, um sich neben Tokio auch Orte wie Kyoto, Osaka oder Kobe anzusehen.
Das alles spricht sich herum. 2017 nahm der Senioren-Fußball weltweit seinen Anfang, erste Turniere wurden veranstaltet. Noch ohne Deutschland, doch von Zeit zu Zeit wurde auch hierzulande aus einem kleinen Schneeball eine große Lawine, immer mehr verbreitete sich, dass in den Altersklassen Ü 70, Ü 75 und Ü 80 die Lust auf Fußball noch groß ist. In Deutschland nahm die Bewegung im Nordwesten Fahrt auf, doch mittlerweile kommen auch Spieler aus Rostock, Nordrhein-Westfalen oder Schwäbisch Gmünd. Christmann ist dafür quer durch die Republik gereist, war bei Vereinen mit Senioren-Abteilungen und auch bei Turnieren vor Ort und hat Akquise betrieben.
Kontakt mit Heynemann
Der WM-Triumph sorgte für zusätzliches Interesse, Teil dieser besonderen Nationalmannschaften zu sein. An Bord ist mit kicker-Kolumnist Bernd Heynemann auch ein ehemaliger Top-Schiedsrichter. "Bernd kann ich als Spieler gut gebrauchen, aber auch als Schiedsrichter für einige Spiele." Höherklassige Vergangenheit weisen auch Klaus-Jürgen Wolf und Jürgen Nabrotzki auf. Bei den Gegnern mischen beispielsweise ehemalige englische Zweitliga-Spieler mit, und bei Australien waren 2024 zwei WM-Teilnehmer von 1974 dabei und feierten eine Art 50-jähriges Jubiläum.
Die Reise nach Japan, die jeder Spieler aus eigener Tasche zahlen musste, war weit mehr als ein kultureller Ausflug mit Fußball-Elementen: "Bei den Spielen herrscht richtig harter Ehrgeiz", verrät Christmann. Grätschen seien zwar verboten und die Teams nähmen sich vor, körperlos zu spielen, dennoch landeten bei vergangenen Turnieren auch einzelne Spieler im Krankenhaus, zum Beispiel nach rustikalen Ellenbogen-Einsätzen. "Und die Engländer", erzählt Christmann mit einem Augenzwinkern, "die spielen eben rustikal, da wird eben alles umgenietet, was im Weg steht."
Schonen im hohen Alter? Eine Eigenschaft, die bei Deutschlands Senioren-Kickern eher unterdurchschnittlich ausgeprägt sein dürfte. Christmann nennt zwei Beispiele: "Einer aus unserem Team hatte im Frühjahr 2025 noch einen Schlaganfall. Doch er wollte unbedingt mit zur WM, hat zu mir gesagt: 'Und auch wenn ich tot umfalle, wenn ich Weltmeister werde, habe ich mein Ziel erreicht'. Andere Spieler haben mehrere Bypässe oder Stents (Metallröhrchen, das verengte Herzkranzgefäße offen hält; Anm. d. Red.)." Ein Grund, warum jeder Spieler zum einen ein Datenblatt über all seine Beschwerden, notwendige Medikamente und Telefonnummern für den Notfall ausfüllen muss und zum anderen auf eigenes Risiko an Spielen und Trainingseinheiten teilnimmt. Wer mitspielt, muss fit sein, denn nicht selten werden an einem Turnier-Tag zwei Spiele à zweimal 30 Minuten ausgetragen.
In den Stunden nach dem Weltmeister-Triumph waren all die Sorgen und Strapazen ganz weit weg: "Bei der Feier - da trinkt man schon mal ein gutes Bier, Reiswein und macht richtig Rambo-Zambo. Das können wir schon auch noch", lässt Christmann keine Zweifel an den Fähigkeiten seiner Mannschaft auch nach Schlusspfiff.
In Australien geht's weiter
Der Teammanager kann sich aber nicht allzu ausgiebig mit all diesen Erinnerungen aufhalten, schließlich steht das nächste große Ereignis an. 2026 findet die WM im australischen Brisbane statt. "In unserem Alter können wir keine vier Jahre auf das nächste Turnier warten", liefert Christmann eine Begründung, warum der aus dem Herrenfußball gewohnte Turnier-Rhythmus für die ältere Generation nicht infrage komme.
Womöglich gibt es im kommenden Jahr gleich zwei WM-Triumphe zu feiern. "Die Mannschaft von Julian Nagelsmann kam mir in vielen Länderspielen aber zu statisch vor. Vielleicht sollten sie mal bei uns zuschauen", schlägt Christmann vor und kümmert sich bis dahin gemeinsam mit seiner Partnerin um die Organisation: Reisen, Testspiele, Trainingslager vor den Turnieren - die Mission "Titelverteidigung" will sorgfältig geplant sein.