Uwe Rösler ist als Spieler und Trainer viel herumgekommen. Knapp zwei Jahre stürmte er ausgangs der 80er und eingangs der 90er Jahre für den 1. FC Magdeburg - jenen Klub, bei dem Paul Seguins Vater Wolfgang einst national wie international Ruhm und Titel sammelte: drei DDR-Meisterschaften, fünf FDGB-Pokalsiege, dazu den Europapokaltriumph 1974 mit ihm als Finaltorschützen gegen Milan (2:0).
Rösler, seit Neuestem hauptamtlich als Hoffnungsträger beim VfL Bochum angestellt und mit dem 3:2 gegen Hertha BSC furios gestartet, kennt Seguin junior "seit vielen Jahren". Am Samstagabend durfte er sich in seinem Eindruck bestätigt sehen. "Einen cleveren Spieler" nannte Rösler Herthas Saison-Debütanten. "Er zieht sich in die Kette" zurück und "macht dann den Aufbau".
Die Verletzung? "Das war eine schlimme Zeit für mich"
Es hat gedauert, bis Herthas Sommer-Einkauf Seguin seine Qualitäten zeigen konnte. Den Wunschspieler von Trainer Stefan Leitl hatten seit der Endphase der vergangenen Saison Probleme an der Plantarfaszie geplagt, die auf die Wade ausstrahlten. Es ging seit dem Beginn der Saisonvorbereitung mal in kleinen Schritten voran und dann wieder zurück. Es war eine Geduldsprobe, auf die der Ex-Schalker gern verzichtet hätte: "Das war eine schlimme Zeit für mich, ich war in meiner Karriere noch nie so lange verletzt. Ich bin froh, dass ich jetzt wieder auf dem Platz stand."
Es war, mit dem 2:3 im Gepäck, kein zufriedenstellender Einstand, aber die 70 Einsatzminuten genügten, um zu erkennen, was der 30-Jährige Herthas Spiel geben kann: Struktur, Balance und Gefährlichkeit. Die Oberschenkelblessur von Michael Cuisance machte einen Startelf-Platz auf der Sechs frei, zur Wahl standen Seguin (bis dahin ohne Saisonspiel) und Diego Demme (bis dahin ein Saisonspiel). "Es ist ein hohes Risiko, das wir mit beiden Spielern gegangen sind: Paul und Diego", erklärte Leitl mit Blick auf die recht kurze Vollbelastungsphase des Duos. "Aber wir haben die Situation, dass uns immer wieder wichtige Spieler fehlen. Wir haben mit Paul begonnen - auch aus dem Grund, weil wir ihn nicht einwechseln wollten und wir ihn vielleicht wieder rausnehmen müssen, weil eine Verletzung kommt."
Es ging für beide gut. Seguin, sofort Standardschütze, lenkte Herthas Spiel. Und Demme, der ihn nach 70 Minuten ablöste, initiierte mit seinem feinen Ball auf Vorarbeiter Fabian Reese das Tor von Luca Schuler, das nach 72 Minuten die Hoffnung zurückbrachte. Leitl war "mit beiden zufrieden" und sagte: "Paul hat bis zu seiner Auswechslung ein sehr ordentliches Spiel gemacht und uns Struktur gegeben. Dann kannst du Diego nachbringen. Du hast viel Ballbesitz, dann ist er natürlich unfassbar und spielt richtig gute öffnende Bälle." Auch wenn beide noch nicht bei 100 Prozent Spielfitness sind: Sie sind in der Lage, Herthas Spiel auf ein anderes Niveau zu heben.
"Wenn man so lange raus ist, muss man erstmal reinfinden"
Die Aussetzer vor den drei Gegentoren verhinderten eine erfolgreiche Dienstreise in den Westen. "Wenn man so lange raus ist und in eine neue Mannschaft kommt, muss man erstmal ein bisschen reinfinden", bilanzierte Seguin. "Ich denke, dass ich meine Sache ordentlich gemacht habe. Trotzdem: Als ich raus bin, stand es 0:3. Ich hätte mir etwas anderes gewünscht. Wenn man den Spielverlauf sieht, war es eine sehr ärgerliche Niederlage."
Am kommenden Wochenende wartet auf ihn gegen Fortuna Düsseldorf die Heim-Premiere im Berliner Olympiastadion. "Ich freue mich extrem darauf", sagte Seguin. Er hat lange darauf warten müssen.