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Sessa: Mann ohne Momentum

kicker

Die Berliner Morgenpost nannte die Aktion in ihrer Einzelkritik eine "Riesenfrechheit", und wer sah, mit welcher Verzweiflung sich Michael Cuisance auf den Rasen des Olympiastadions warf und bäuchlings sekundenlang liegen blieb, ahnte: Weit entfernt davon, das, was Kevin Sessa soeben vollbracht oder vielmehr unterlassen hatte, als Riesenfrechheit anzusehen, war Cuisance in diesem Moment vermutlich nicht. Sessas einziges Glück an diesem Nachmittag war, dass Herthas Heimspiel gegen Preußen Münster (2:1) kurz nach seinem Fauxpas zu Ende war und sich die Berliner nicht noch den Ausgleich fingen.

Zugetragen hatte sich Folgendes: Der wenige Minuten zuvor für Fabian Reese eingewechselte Sessa hatte Münsters Batuhan Zidan Sertdemir den Ball in der eigenen Hälfte stibitzt, entschlossen den Vorwärtsgang eingelegt, Paul Jaeckel umkurvt und war gemeinsam mit Cuisance auf Preußen-Keeper Johannes Schenk zugelaufen. Statt den Ball zum sicheren 3:1 auf den Mitspieler querzulegen, versuchte sich Sessa an einem Lupfer, der ihm gründlich missriet. Schenk entschärfte die Situation in der achten Minute der Nachspielzeit problemlos mit der linken Hand.

Leitl: "Du kannst solche Situationen nicht wegwerfen"

Sessas Laissez-faire-Abschluss war das Gegenteil von Seriosität, es war ein Ausflug ins Gauklertum - und zog die entsprechende Resonanz nach sich. Mit Blick auf Sessas XXL-Chance und den von Luca Schuler kurz zuvor vergebenen Abschluss nach einem Konter tadelte Trainer Stefan Leitl: "Du kannst solche Situationen nicht wegwerfen. Das haben wir leider getan." Auch Kapitän Reese fand klare Worte: "Kevin weiß ganz genau: Macht er ihn rein, sagt keiner was. Wer trifft, hat recht. Er muss ihn natürlich rüberspielen, das weiß er selber. Das spricht man einmal an, und dann ist das in der nächsten Situation klar. Ich kann aber auch Micka (Cuisance, d.Red.) verstehen, er hat ein sehr gutes Spiel gemacht und hätte sich da belohnen können. Aber das wird in den nächsten Szenen anders gelöst."

Kunst statt Klarheit: Das ging jetzt schon öfter schief

Es war eine Situation, die an Sessas fahrlässig vergebene Überzahlmöglichkeit in der Schlussphase des Spiels drei Wochen zuvor in Hannover (3:0) erinnerte - und die sinnbildlich steht für das bisherige Wirken des 25-Jährigen in der Hauptstadt. Wenn der Mittelfeldspieler, dem vom Staff gute Trainingsleistungen bescheinigt werden, die Möglichkeit hat, für sich ein Momentum zu kreieren und Werbung in eigener Sache zu betreiben, wählt er die falschen Mittel. Kunst statt Klarheit - das ging jetzt schon öfter schief.

Ein Faktor ist er auch in seiner zweiten Hertha-Saison nicht

Sessa, im Sommer 2024 ablösefrei vom Bundesligisten 1. FC Heidenheim gekommen, sollte Herthas Spiel prägen. Davon ist er weit entfernt. In der vergangenen Spielzeit warfen ihn eine Meniskus-Operation und zwei Muskelverletzungen zurück. Zu einem Faktor ist er auch in seiner zweiten Berliner Saison bisher nicht geworden. "Er ist ein Spieler", hatte Leitl im März über den Standardspezialisten gesagt, "der dir sehr viel Energie geben kann." Das war bei der Balleroberung gegen Sertdemir und dem folgenden Solo zu sehen. All die Energie verpufft aber, wenn im entscheidenden Moment - wiederholt - die Ernsthaftigkeit fehlt. Kevin Sessa wollte das Besondere. Einfacher macht er es sich damit nicht.