Seine blauen Augen strahlten Fabian Reese an, Jon Dagur Thorsteinsson legte all seinen Charme in diesen Moment - und hatte längst gewonnen. Reese hatte da bereits entschieden, seinem Kollegen den Ball, den er noch in den Händen hielt, zur Ausführung des Elfmeters in der letzten Minute der Nachspielzeit zu überlassen. Auf eine letzte Finte mochte er aber nicht verzichten und zögerte die Übergabe des Spielgeräts noch etwas heraus. "Ich wusste relativ schnell, dass ich Jon den Ball geben werde", sagte Reese später. "Aber ich wollte dem Elversberger Torwart nicht zu lange Zeit geben, dass er weiß, dass Jon schießt. Er sollte sich damit auseinandersetzen, in welche Ecke ich schießen werde."
"Die Öffentlichkeit ist brutal in solchen Momenten"
Thorsteinsson schoss, Thorsteinsson traf, und so bekam dieser mit dem 3:0 gegen die SV Elversberg aus Gastgeber-Sicht maximal gelungene Pokalabend im kalten Olympiastadion noch eine letzte warme Pointe. Thorsteinsson, im August 2024 vom belgischen Erstligisten OH Leuven nach Berlin gewechselt, ist seinem ersten Tor für Hertha BSC lange hinterhergelaufen.
Als der 50-fache isländische Nationalspieler am vergangenen Samstag gegen Fortuna Düsseldorf (1:0) beim Stand von 0:0 eine von Reese vorbereitete XXL-Chance aus Nahdistanz vergeben hatte, dachte mancher, dass es nie mehr was würde mit einem Erfolgserlebnis im Hertha-Dress. "Jon ist ein Super-Junge, der immer alles gibt, sehr fleißig ist und sehr mannschaftsdienlich spielt", sagte Reese nach dem Weiterkommen im DFB-Pokal. "Er hatte in der einen oder anderen Situation viel Pech. Gerade letzte Woche hat er sich sehr viel Spott anhören müssen. Die Öffentlichkeit ist brutal in solchen Momenten. Jetzt hat er sein erstes Tor vor der Ostkurve geschossen. Man hat gesehen, was von dem Jungen abgefallen ist."
"Ich habe lange auf diesen Moment gewartet"
Man sah die Befreiung beim 26-jährigen Offensivspieler, der von den Kollegen und der Ostkurve gefeiert wurde. "Im Fußball brauchst du manchmal das Glück auf deiner Seite. Und falls du es nicht hast, musst du weitermachen", sagte Thorsteinsson. "Das habe ich getan und endlich getroffen. Ich habe lange auf diesen Moment gewartet und bin nun umso glücklicher." Er hatte den Elfmeter selbst herausgeholt gegen Elversbergs Kapitän Lukas Pinckert, dem das zum Unverständnis von SVE-Coach Vincent Wagner die Rote Karte einbrachte - und er durfte ihn dank Reeses Großzügigkeit verwandeln.
"Ich bin happy, dass Fabi diese Geste macht, Jon den Ball gibt und Jon das Tor macht", sagte Stefan Leitl. "Danke auch an die Kurve, wie sie Jon nach dem Spiel gefeiert hat." Dass auf Thorsteinsson nach dem Düsseldorf-Spiel viel Spott eingeprasselt war, ließ Herthas Coach trotz der großen Freude über den souveränen, seriösen Auftritt gegen den Zweitliga-Dritten Elversberg kurz grundsätzlich werden. "Man sollte sich schonmal Gedanken machen, wie man mit meinen Spielern oder grundsätzlich mit Menschen umgeht und welchen Shitstorm sie erleiden müssen", befand Leitl. "Das ist nicht fair. Du musst dir Chancen erstmal erarbeiten."
"Natürlich will ich noch mehr - das gilt auch für uns als Team"
Die Geste vor dem Strafstoß war ein Sinnbild für Herthas Teamgeist im Herbst 2025. "Das macht uns gerade aus, dass wir ein Team sind, dass jeder für den anderen kämpft und sich jeder für den anderen freut", sagte Reese. "Das ist die Basis. Dann muss man das als Kapitän genauso vorleben." Er tat's, und Thorsteinsson erklärte nach seiner Tor-Premiere: "Natürlich will ich noch mehr - das gilt auch für uns als Team. Wir haben unsere Aufgabe heute souverän erledigt, wir sind bereit für Samstag." Dann kommt Dynamo Dresden zum Liga-Spiel ins Olympiastadion - und Hertha will die englische Woche rund machen.