Es war ein Totalversagen nach der Pause. Sechs Gegentore in 45 Minuten, der VfL Wolfsburg wurde beim 1:8 in München wie eine Schülertruppe vorgeführt und auseinandergeschraubt. Die höchste Niederlage der Wolfsburger Bundesligageschichte muss die Sinne schärfen bei den Niedersachsen, die trotz des Trainerwechsels von Paul Simonis zu Daniel Bauer in akuter Abstiegsgefahr schweben. Bekannt ist, dass noch ein Stürmer kommen soll. Doch muss der VfL auch defensiv noch mal nachlegen?
Die acht Gegentreffer von diesem historischen Horrortag in München sind jedenfalls nicht als einmaliges Ausrutschen abzutun. Schließlich traf auch Freiburg (3:4) kurz vor Weihnachten schon viermal gegen die Bauer-Elf, die nach 16 Spielen nun 36 Gegentore kassierte - gemeinsam mit Heidenheim stellt der VfL die schlechteste Defensive der Bundesliga.
Sieben Verteidiger kamen seit 2024
Was mit Blick auf das Aufgebot ein Ausdruck katastrophaler Kaderplanung in den vergangenen Jahren ist. Elf Abwehrspieler sind aktuell gelistet, sieben davon kamen seit dem Sommer 2024, als Peter Christiansen in Wolfsburg als Geschäftsführer das Sagen übernommen hat.
Konstantinos Koulierakis wurde 2024 als Nachfolger von Micky van de Ven (Tottenham) verpflichtet, der Grieche lässt bei allem Potenzial Konstanz vermissen. Mathys Angely kam als großes Innenverteidigertalent, ein Bundesligaspiel hat der 18-Jährige aber noch nicht absolviert.
Mit Jenson Seelt in diesem Sommer und Denis Vavro im Jahr zuvor kamen zwei weitere Innenverteidiger auf den letzten Drücker in den jeweiligen Transferperioden. Seelt ließ sein Können phasenweise schon aufblitzen, ist aber ebenso fehleranfällig wie Vavro, der über die Mentalität kommt, nach seinem Ausraster über Weihnachten in der Heimat aber zwangsläufig kritisch beäugt werden muss. Und dann ist da noch Moritz Jenz, dem im Sommer mehrfach nahegelegt worden war, den Klub zu verlassen. Nun soll er derjenige sein, der die Abwehr lenkt. Wie soll das funktionieren?
Was der VfL genau mit dem Brasilianer Cleiton will, ist zudem höchst fraglich. Der 22-Jährige wechselte in diesem Winter ablösefrei von Flamengo Rio de Janeiro nach Wolfsburg, in den vergangenen Jahren kam er allerdings kaum für die erste Mannschaft zum Einsatz. Bemerkenswert und besorgniserregend zugleich: Cleiton war im Trainingslager körperlich nicht in der Lage, am Mannschaftstraining teilzunehmen.
Wären noch die beiden Außenverteidiger: Aaron Zehnter kann durchaus als gelungener Transfer eingeordnet werden, der U-21-Nationalspieler ist jedoch kein gelernter Linksverteidiger, spielte bei Ex-Klub Paderborn auf der Schiene, glänzte vornehmlich offensiv. Riskant angesichts der Tatsache, dass Linksverteidiger Rogerio nach diversen Knie-Operationen keine Option mehr ist.
Fischer und Kumbedi bekamen ihre Grenzen aufgezeigt
Zehnter musste am Sonntag in München Platz machen für Rechtsverteidiger Kilian Fischer, der in ungewohnter Rolle größte Probleme mit Gegenspieler Michael Olise hatte. Sein Gegenüber Sael Kumbedi, bisher mit vier Torvorlagen und weitgehend ordentlichem Defensivverhalten überzeugend, bekam von Luis Diaz die Grenzen aufgezeigt.
Wolfsburger Abwehr-Alarm, schließlich muss eine stabile Defensive die Basis für den Klassenerhalt sein. Bekommt die Mannschaft dies mit dem vorhandenen Personal hin? Oder muss der VfL, der nach einem neuen Stürmer fahndet, auch hier noch mal nachlegen?
Der Norweger Ajer soll schon in Wolfsburg gewesen sein
Dies muss vorrangig der neue Sportdirektor Pirmin Schwegler entscheiden, dessen Bestandsaufnahme nun abgeschlossen sein sollte. Als Innenverteidiger ist schon vor seiner Zeit der Norweger Kristoffer Ajer Thema gewesen, der 27-Jährige steht beim FC Brentford unter Vertrag. Und soll schon vor Wochen in Wolfsburg zu Besuch gewesen sein, um sich die Gegebenheiten vor Ort anzuschauen …