Eine Kolumne von Daniel Duhr
Manchmal reicht ein einziger, einfacher Satz, um ein kompliziertes, verkopftes Problem klar zu benennen: "Ich kam mir ziemlich verarscht vor."
Juri Knorr, der gerade zum Player of the Match des 38:34-Siegs gegen Frankreich gekürt worden war, aber überhaupt nicht wirkte wie jemand, der gerade zum Player oft the Match gekürt worden war, hadert. "Drei Spiele funktioniert nichts und auf einmal geht jeder Gurkenwurf rein."
Statt ausgelassener Freude über den Sieg und über seine eigene Auszeichnung nach einer bockstarken Leistung: hadern. Die deutsche Mannschaft ist im Halbfinale angekommen. Knorr scheint sich selbst noch abholen zu müssen. Er, der so begnadet veranlagt ist. Der Handball wie Schach spielt, sich damit aber manchmal selbst matt setzt.
Außen leise, innen laut
Wer Knorr nach Spielen zuhören will, muss nah ran. Er spricht leise, überlegt, oft in druckreifen Sätzen. Sogar seine Selbstkritik kommt strukturiert rüber. Deutschlands Spielmacher ist keiner, der sich auf der Welle des Applauses treiben lässt. Eher einer, der selbst im unmittelbaren Moment des Erfolgs im eigenen Kopf ständig prüft, ob die Welle überhaupt echt ist - oder bloß wieder ein kurzer Windstoß.
Dass er aus der Bundesliga nach Dänemark gegangen ist, scheint schlüssig. Weniger Trubel und Tamtam, mehr Raum und Ruhe. Nur: Ruhe von außen heißt nicht automatisch auch Ruhe im Inneren.
Ein Denker, dem die Gedanken zu laut wurden
Diese EM scheint einen Teil von Knorrs Innenleben in Echtzeit auf die große Bühne gestreamt zu haben. Der Start: zäh, unglücklich, viele Fehler - und auffällig unknorrig, weil er es diesmal nicht einfach in sich hineinfrisst, sondern öffentlich macht. Nach der Niederlage gegen Serbien beschwerte er sich am ARD-Mikrofon über seine Einsatzzeit.
Bemerkenswert für ihn, den stillen Denker. Aber vielleicht war genau das der Schlüssel: ein Denker, dem die Gedanken zu laut wurden. Wer ständig analysiert, bewertet, denkt und zerdenkt, blockiert sich zwangsläufig selbst.
Und dann kam Frankreich. Zu einem Zeitpunkt, zu dem die Kritik an Knorr wieder Konjunktur hatte, an dem Experten wie der Däne Lasse Svan fabulierten, die Deutschen wären ohne Knorr stärker. Maximaler Druck: für die Mannschaft im Allgemeinen, für Juri Knorr im Speziellen. Von außen, ja, auch - aber vor allem von innen, denn er selbst ist sein schärfster Kritiker.
Das ehrt ihn einerseits, macht bescheiden, sympathisch - aber es hemmt eben auch massiv. Bis der Kopf - man möchte ihm als Zuschauer von der Tribüne zuschreiben: "Endlich!" - abschaltet. Zumindest der Teil, der nicht für seine genialen Ideen und explosiv-kreativen Momente verantwortlich ist. Der Teil, der sich in Grübel- und Zweifelschleifen zu verlieren scheint.
"Endlich!" möchte man ihm zuschreien
Gegen Frankreich war die Handbremse gelöst. Der Knoten geplatzt. Zehn von zehn standen zwischenzeitlich bei der Nummer 15 im Spielbericht. Das war nicht bloß ein gutes Spiel von Deutschlands Regisseur - das war ein überragendes Spiel. So sparsam man mit diesem Prädikat umgehen sollte, so sehr trifft es auf seine Leistung gegen Frankreich zu.
Bundestrainer Alfred Gislason war folgerichtig äußerst zufrieden: "Die Leistung war phänomenal. Er hat sich sehr unter Druck gesetzt. Heute hat er das beste Spiel gemacht, das ich je von ihm gegen so eine Nation gesehen habe. Wenn er sich jetzt nicht selbst zerfleischt, würde ich sagen, er hat ein großartiges Spiel gemacht." Juri sei nun mal "sehr selbstkritisch".
Damit war das Lob gleichzeitig zur Diagnose geworden. Weil es bei Knorr eben nie nur um die Trefferzahl geht. Es geht ihm um das Gefühl, wie sie zustande kamen. Um Kontrolle. Um den eigenen Maßstab. Und damit wahrscheinlich um Perfektion.
Deshalb ist es nur logisch, dass er nach dem Spiel eben nicht euphorisch in die Kameras grinst, sondern bei sich und seinen Gedankenschleifen ist - bei den drei Spielen davor, bei dem Teil in ihm, der das alles vielleicht noch nicht als Durchbruch und Erlösung abspeichern kann, sondern als ein Beweisstück in seiner internen Gerichtsverhandlung wertet.
Verkopft - und genau deshalb so wertvoll
Ja: Juri Knorr ist womöglich der verkopfteste Spieler dieser EM. Nicht, weil er kompliziert sein will. Sondern weil sein Anspruch an sich selbst und sein komplettes Handballverständnis wahnsinnig hoch und komplex ist. Sein Spiel besteht aus Ideen. Aus Lösungen, die andere mitunter gar nicht sehen. Er ist ein Regisseur, der nicht nur die Szene mitspielt, sondern sie vorher im Kopf erschafft.
Gepaart mit wiederkehrenden Zweifeln und dem nach wie vor extrem hohen Anspruch an ihn - der aber natürlich Folge seiner herausragenden Fähigkeiten ist - kann ihn das alles hemmen. Auf der Platte bedeutet das oft: Ist der Kopf zu laut, steigt die Fehleranzahl. Dann verkrampft er, dann kommen Ungeduld und Unzufriedenheit und damit auch beinahe zwangsläufig überhastete Abschlüsse.
Aber genau diese Verkopftheit ist gleichzeitig auch Gold wert. Weil sie - wenn sie sich löst - ein Level freischaltet, das Deutschland sonst nicht bespielt. Eine Qualität, die ihresgleichen sucht und im deutschen Kader so nicht ein zweites Mal findet.
Im Halbfinale wartet jetzt Kroatien. Kein Gegner, der Zeit zum Denken lässt. Eher einer, der den Gegner zwingt, sofort zu handeln und abzuliefern. Das wird diese gefestigte, geeinte und gewachsene Mannschaft im Kollektiv lösen, da reichen bestenfalls noch zwei, drei geniale Juri-Momente on top.
Juri Knorr kann sich nur selbst aufhalten
Ein bisschen vorgespult, kommt dann am Sonntag der Showdown. In Dänemark gegen Dänemark. 15.000 Fans in Herning, 15.000 weitgehend dänische Stimmen, die sich zu der ohnehin schon enormen Stimmung in der Jyske Bank Boxen noch ein unangenehmes und unnötiges Pfeifen angewöhnt haben.
Es wird die maximale Druckprobe gegen Gidsel, gegen Pytlick, gegen die beste Mannschaft der Welt. Und für Juri noch dazu: gegen sich selbst. Denn nur er kann sich aufhalten, genau das zeigen ja solche Weltklasse-Spiele wie jüngst gegen Frankreich.
Wenn Knorr im Finale seinen Kopf erneut "ausschaltet" und einfach Handball spielt, dann wird er Deutschland zum EM-Titel führen und seine Zweifel vielleicht etwas leiserregeln können. Dann wäre er der einzige aktuelle Europameister in Dänemark, sobald er wieder bei seinem Verein in Aalborg ist.
Juri Knorr ist oft verkopft, ja. Er ist oft unzufrieden, ja. Er hadert oft, ja. Aber vielleicht ist genau dieses - wenn auch für ihn mit Sicherheit schwer zu (er)tragende Päckchen gleichzeitig seine Superkraft. Dass er eben nie zufrieden ist mit dem, was war - und deshalb im entscheidenden Moment das findet, was sein kann. Hoffentlich kann er am Sonntag befreit aufspielen und genießen. Erst das Spiel und dann den Titel.
In Zweite Welle schreibt Bestseller-Autor Daniel Duhr regelmäßig über aktuelle Handballthemen auf und neben der Platte. Und lädt Euch damit zur Diskussion ein. Welchen Standpunkt vertretet Ihr? Wir freuen uns auf Eure Meinungen!