Eine Kolumne von Hannah Nitsche
Hier sind Anhänger des Vereins mehr als Kulisse. Sie sind Identität, Antrieb, Herzschlag. Und in der vergangenen HBL-Saison hat dieses Herz kräftiger denn je geschlagen: In allen Hallen gab es insgesamt einen Zuwachs von fast 100.000 Zuschauern. Diese Fragen bleiben: Wer sind diese neuen Fans, wie werden sie erreicht?
Schwalbe Arena, Gummersbach. Eine Gruppe junger Erwachsener steht im obersten Rang der Stehtribüne. Blau-Weiß überall. Fischerhüte, vollgekritzelt mit Spielerunterschriften. Einer von ihnen, Mitglied des Fanklubs "Wipp’s Schnelle Mitte", sagt: "Der Tag, an dem der VfL spielt, ist der schönste. Wir treffen uns in der Stadt, fahren zusammen hierhin, zusammen zurück. Schöner geht’s nicht."
Sein Lächeln verrät, was die Stimmung bestätigt: Fans sind der Nährboden eines jeden Vereins. Ohne sie keine Atmosphäre, kein Rückhalt, kein "Das-ist-mein-Verein"-Gefühl. Ein Gefühl, das aktuell wächst. Die Zahlen sprechen diese Sprache: 1,69 Millionen Zuschauer in den Hallen in der vergangenen HBL-Saison, fast 100.000 mehr als zuvor. Ein neuer Rekord.
In der 2. Liga ein Plus von mehr als zehn Prozent. HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann sagt dazu: "Wir sind überzeugt, dass die positive Zuschauer-Resonanz auch in der 60. Saison fortgesetzt wird." Die Statistik zeigt einen Aufschwung - aber die Statistik erklärt nicht, wer da plötzlich kommt und warum.
Um das herauszufinden, mische ich mich am 10. Spieltag unter die Zuschauer. VfL Gummersbach gegen THW Kiel. Eine Partie, die schon vor dem ersten Wurf unter der Haut kribbelt und mit jeder Spielminute lauter, heißer, enger wird. Und es sind die Fans, die diese Atmosphäre kreieren.
Zwischen Trommeln und warmem Hallenlicht sitzt auch Jan Eyberg. Seit dem Jahr 2000 Fan des Vereins, Mitglied des Fanklubs "Blue White Dynamite". Egal ob DHB-Pokal, EHF-Cup oder Bundesliga - er hat fast jedes Spiel mitgenommen. Für ihn ist klar: Tradition ist etwas, das über Generationen weitergegeben wird. Und es wird angenommen - besonders von Jüngeren.
Wie werden die "neuen" Fans erreicht? Er hat das Gefühl, die Jüngeren kommen über Social Media, über fast 120.000 Dyn-Follower, über Klub-Accounts, über Spieler, die Gesichter sind und Geschichten mitbringen. Und sie bleiben, weil Mannschaften wie diese nahbar sind. Heiner Brand sagt dazu im Gespräch: "Entscheidend ist das Auftreten der Mannschaft - wie sie sich präsentiert, wie sie miteinander umgeht. Das begeistert. Die Fans klatschen sogar, wenn sie mal verlieren."
Also: Wenn sich gute Social-Media-Arbeit auf der einen Seite und ein gutes Auftreten - mit Identität, Tradition und einem Wir-Gefühl - in der Halle mischen, werden neue Fans erreicht. Das sagen sie, die Fans, die so vom Klub, der Mannschaft, überzeugt wurden.
Wer sind diese "neuen" Fans? Vor Spielbeginn treffe ich auch die Menschen, die vor ein paar Monaten noch nicht wussten, dass sie Handballfans werden. Da ist der Mann, der früher nur Fußballstadien kannte: "Dort sitzen 50.000 oder 60.000 Menschen. Hier sind es gut 4.000 - aber was hier abgeht, das zündet einfach."
Da ist die Teenagerin, die eigentlich keine Berührungspunkte hatte: "Die Atmosphäre hat mich einfach reingezogen." Und da ist ein Großvater, der seinen Enkel mit in die Halle nimmt, jetzt fest im Arm hält, während Kinder nach dem Spiel um sie herum Autogramme jagen.
Wir erfahren: Was sich in den letzten Jahren aufgebaut hat, trägt jetzt Früchte. Der Sport gewinnt Menschen - und diese Menschen treiben ihn voran. Hinter jedem Logo stehen Fans, im besten Fall kommen jeden Spieltag neue dazu - neue Fans in alten Hallen.
Zusatz: Am heutigen Freitag (5. Dezember) begleite ich das Spiel zwischen dem VfL Gummersbach und dem Bergischen HC für Dyn auf dem Instagram-Kanal: @dynhandball. Hier erfahrt ihr hautnah, was das Fangefühl des Klubs ausmacht.
Über die Autorin
Die bisherigen Kolumnen von Lea Rostek und Hannah Nitsche bei handball-world:» Lea Rostek und Hannah Nitsche aus dem Off» Showtime in München: Supercup mehr als nur ein Titel?» Individuelle Power: Die Glanzlichter der Auftaktrunde» Personalbeben vor Gigantenduell - Sendeplan adé» Bühne frei für Inklusion - per Handy live dabei!» Drei Stimmen im Ohr - eine Live on Air» Zwischen den Spielen - Redaktionsalltag bei Dyn» Mehr Druck, mehr Drama - Wie viel Fußball verträgt die Handball-Seele?» Handball auf Social Media? Da geht mehr!» Zwischen Nähe und Nachhaken - warum kritische Fragen wichtig sind» Dyn Move Your Sport - Jugendarbeit fördern war noch nie so attraktiv wie jetzt» Ausnahmesituation im Spiel - wenn Sport zweitrangig wird» Hands up for more - ab heute für immer