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Fragiles Flugsystem: Die DSV-Adler vor der Vierschanzentournee

kicker

"Wenn du kurz vor Oberstdorf die Schattenbergschanze siehst, dann hebt sich sofort die Stimmung und die Vorfreude wächst", hat Andreas Wellinger einmal vor einem Auftaktspringen der Vierschanzentournee gesagt. Ob bei ihm, dem zweimaligen Olympiasieger, zweimaligen Weltmeister und zweimaligen Zweiten der Tournee, in diesem Jahr die Vorfreude und Stimmung wieder so ausgeprägt sein werden, wenn er ins Allgäu fährt, ist eher ungewiss. Denn der 30-jährige Oberbayer war im Verlauf der bisherigen Saison überhaupt nicht ins Fliegen gekommen. Deshalb hat er auf das Weltcupspringen in Engelberg freiwillig verzichtet. "Meine springerische Leistung ist einfach schlecht im Moment", sagt Wellinger.

Ebenso verhält es sich bei Karl Geiger. Der Skiflug-Weltmeister von 2020 hatte bereits den Heimweltcup in Klingenthal ausgelassen. Bundestrainer Stefan Horngacher hat deshalb für die beiden Sorgenspringer ein Spezialtrainingslager angesetzt. "Andi Wellinger und Karl Geiger werden die wettkampffreie Zeit nutzen und mit Trainer Maximilian Mechler auf den Schanzen in Oberstdorf und Planica trainieren", sagte der Coach in der Vorschau des Deutschen Skiverbandes (DSV). Im Gespräch mit dem kicker wird der 56-Jährige konkreter. "Es ist eine Verkettung von mehreren kleinen Fehlern", erläutert der Bundestrainer, "das beginnt bei der Hocke in der Anfahrt, dann ist der Absprung nicht effektiv, und auch der Übergang in die Flugposition stimmt nicht ganz."

„Es ist eine Verkettung von mehreren kleinen Fehlern.“ (Horngacher über seine Sorgenkinder)

Skispringen habe sehr viel mit Gefühl zu tun, und das Gefühl sei momentan nicht vorhanden. Wellinger beschreibt seinen momentanen Flugstil sehr plastisch: "Es ist eine abgehackte Bewegung. Es ist aktuell so, als würde man mit einem Auto die Kurve nicht in einem Schwung fahren, sondern mit vier, fünf Ecken." Das hört sich nach einer Großbaustelle an. Doch Horngacher beruhigt: "Es hört sich schlimmer an, als es tatsächlich ist."

Das fein austarierte Flugsystem war auch dadurch durcheinandergeraten, weil das Reglement geändert wurde. Die Anzüge müssen enger anliegen, bieten dadurch weniger Flugfläche. Wellinger und Geiger jedoch haben noch die alten Abläufe auf ihrer Festplatte. Um diese zu korrigieren, geht Coach Mechler mit den beiden Athleten zurück auf ganz kleine Schanzen. Da kommt es besonders auf den Absprung und den Übergang in die Flugphase an. Ob die Leistungsträger der vergangenen Jahre die richtige Abstimmung bis zum Start der Vierschanzentournee finden? "Ich denke positiv", sagt Horngacher, "wir wissen, was unsere Sportler alles können."

Raimund: Hoffnungsträger, aber kein Favorit

Einer, der in dieser Saison konstant zeigt, was er kann, ist Philipp Raimund. "Hille ist ein hochtalentierter Sportler und hat sich super entwickelt", lobt Horngacher den 25-jährigen Oberstdorfer, "er hat heuer den Durchbruch geschafft und springt ungemein stabil." Diese Stabilität hat er bereits im Sommer-Grand-Prix gezeigt, den er gewinnen konnte. Als erster Deutscher nach zwölf Jahren. Der damalige Sieger: Andreas Wellinger. Nach dessen Formkrise lasten nun alle Hoffnungen auf ihm. Der Bundestrainer jedoch versucht, allzu große Erwartungen zu dämpfen: "Wir können nicht in die Tournee gehen und den Philipp zum Favoriten erklären."

Diese Rolle falle eindeutig dem im Weltcup Führenden Domen Prevc (Slowenien) wie auch Ryoyu Kobayashi (Japan) zu. "Philipp ist in Lauerstellung", so Horngacher, "Podestplätze sind aber immer möglich." So wie er dies zuletzt bei den Springen in Falun, Wisla und Klingenthal bewiesen hat. Natürlich ist durch diese Resultate Raimunds Selbstbewusstsein gestiegen. Deshalb meint er kess: "Was die anderen von mir erwarten, das ist mir ziemlich egal." Er springe nur für sich selbst, nicht für andere. "Mein Ziel ist es, dass ich meine Sprünge weiter auf demselben Niveau durchbringe", erklärt er.

Auf der anderen Seite ist er vorsichtig mit allzu überschwänglichen Prognosen. Er war ja auch kein solcher Senkrechtstarter wie Wellinger, der als 17-Jähriger gleich in seinem ersten Weltcupspringen den 5. Platz belegte. Raimund dagegen musste sich alles im Conticup, der zweiten Liga, hart erarbeiten. Erst mit 23 Jahren gehörte er fix dem deutschen Weltcupteam an. Und jetzt ist er der Hoffnungsträger. Eine ungewohnte Rolle für den Mann, der bislang immer in der zweiten Reihe gestanden hat.

„Ich weiß nicht, ob er ein Vierschanzentournee-Springer ist.“ (Horngacher über Hoffmann)

Dort hat sich auch Felix Hoffmann gerne aufgehalten. 2016 bereits gab der 28-jährige Thüringer sein Weltcupdebüt beim Auftaktspringen der Tournee in Oberstdorf. Sechs Jahre hat es dann gedauert, bis er seine ersten Punkte holte. Um beim Springer des SWV Goldlauter neue Reize zu setzen, hat Horngacher ihm zum Sommer einen Wechsel in die Trainingsgruppe von Wellinger und Pius Paschke nahegelegt. Dies zeigte die erhoffte Wirkung. Beim Auftakt zur laufenden Weltcupsaison sprang Hoffmann als Dritter erstmals auf Podium, nachdem er wenige Wochen davor bei den Deutschen Meisterschaften in Oberhof alle etablierten Springer geschlagen hatte. "Ich hoffe, dass Felix die Saison so weiterspringt, wie er sie begonnen hat", sagt Horngacher und fügt an: "Ich hoffe, dass er nicht zu viel will." Sein Potenzial reiche momentan für Sprünge unter die besten fünf. Wenn alles passt.

Als still und bescheiden charakterisieren seine Teamkollegen Hoffmann. "Er redet nicht viel", sagt Geiger, "und wenn, dann muss man ihn schon fragen." Raimund beschreibt ihn als "super entspannten und super sympathischen Kerl". Ob dies die idealen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Vierschanzentournee sind? Horngacher hat leichte Zweifel: "Ich weiß nicht, ob er ein Vierschanzentournee-Springer ist." Dazu gehört neben der passenden Flugform auch ein stabiles Nervenkostüm, um mit dem Wechsel der unterschiedlichen Schanzen innerhalb weniger Tage und dem ungewohnten Rummel fertigzuwerden.

Horngachers letzte Tournee als Bundestrainer

Nicht nur aus sportlicher Sicht wird die anstehende Vierschanzentournee für Horngacher eine spannende Reise. Der 56-Jährige hat nach sieben Jahren als Bundestrainer bereits seinen Abschied zum Saisonende angekündigt. Die Chance, dass er auf der Zielgeraden seines Engagements beim DSV noch einen Nachfolger von Sven Hannawald präsentieren kann, schätzt er als gering ein - Hannawald gewann 2002 als letzter Deutscher die Vierschanzentournee. Aber gänzlich ausgeschlossen ist es auch nicht.