Da Domen Prevc bereits mit einem satten Vorsprung in dieses vierte und letzte Springen in Bischofshofen gegangen und beim ersten Durchgang auf 138,0 m gekommen war, hätte den Slowenen wohl auch ein Sturz nicht mehr von Rang 1 der Gesamtwertung vertrieben. Es folgten im finalen Durchlauf 138,5 m - und damit war der souveräne Sieg bei dieser 74. Vierschanzentournee eingetütet.
Nicht aber der Gewinn dieses Bischofshofen-Springens. Der Tagessieg ging an den entthronten Titelverteidiger Daniel Tschofenig aus Österreich eben vor Prevc und Japans Ryoyu Kobayashi.
Dieses kleine Manko dürfte für den von Konkurrenten direkt in die Höhe gestemmten Triumphator am Ende aber verschmerzbar gewesen sein. Es überwog, dass sich Domen Prevc genau zehn Jahre nach seinem Bruder Peter den goldenen Adler sicherte. Mit seinen beiden sauberen Sprüngen an diesem Dientag beseitigte er als Tageszweiter auf der Paul-Außerleitner-Schanze vielmehr auch die allerletzten kleinen Zweifel an seinem erstmaligen Coup beim Traditionsevent.
Wohl letzte Tournee ohne Frauen
Während Prevc neben dem Pokal auch ein Preisgeld von 100.000 Euro erhält, wird sich die Wartezeit der deutschen Skispringer auf einen Triumph bei der Tournee auf ein Vierteljahrhundert verlängern. Felix Hoffmann (in Bischofshofen auf Rang zehn) und Philipp Raimund (Zwölfter) absolvierten zwar ordentliche Wettbewerbe, konnten mit der von Prevc angeführten Weltspitze aber erneut nicht mithalten.
Die Österreicher Jan Hörl und Stephan Embacher komplettierten vor 12.500 Zuschauern mit großem Rückstand das Gesamtpodium hinter dem slowenischen Dominator. In der Endabrechnung nach vier Springen in ausverkauften und stimmungsvollen Stadien schafften es Hoffmann und Raimund auf die Ränge sechs und acht.
Die 74. Ausgabe des Schanzen-Spektakels war wahrscheinlich die letzte, bei der ausschließlich Männer teilgenommen haben. Mit der Genehmigung für ein Flutlicht am Bergisel in Innsbruck sollen die Frauen im nächsten Winter zum Jubiläumsevent zum Programm dazustoßen. Geplant ist, dass sie ihre Springen jeweils am Quali-Tag der Männer absolvieren.
Hannawald: "Vielleicht nächstes Jahr"
Sven Hannawald bleibt mit seinem historischen Vierfachsieg in der Saison 2001/02 der letzte deutsche Gesamtsieger. "Dieses Gefühl weitergeben zu dürfen, hätte ich mir gewünscht. Leider nicht, vielleicht klappt es nächstes Jahr. Wenn ich die Bilder sehe, wird es mir schon warm ums Herz", sagte der heutige ARD-Experte, als ihm im Auslauf von Bischofshofen mal wieder die Bilder von damals gezeigt wurden.
Zweieinhalb Wochen vor der Skiflug-WM in Oberstdorf und viereinhalb Wochen vor Olympia in Italien hat Bundestrainer Stefan Horngacher viel Arbeit vor sich, um das Team für die Großereignisse medaillentauglich zu machen. Das Ziel für die Tournee ("Dass wir unfallfrei wieder heimfahren - und erfolgreich sind") erfüllten seine Sportler nur bedingt.
Der im März scheidende Bundestrainer wird zumindest mit Blick auf die Tournee nach sieben Jahren unvollendet bleiben. So erging es auch über ein Jahrzehnt lang Vorgänger Werner Schuster, der zwar für WM-Titel und Olympiasiege sorgte, die deutschen Skisprung-Sehnsüchte nach einem nächsten Hannawald bei der Tournee aber nicht erfüllen konnte.
Lob für Sprungstil von Prevc: "Unglaublich schön"
Der Star dieser Ausgabe war zweifellos Prevc, der zum Start in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen dominierte. "Man fragt sich als Springer schon, wo sind die restlichen 15 Meter bis zum Domen? Er hat ein Fluggefühl, von dem kann ich nur träumen, das macht er unglaublich schön", schwärmte Raimund über den Flugkünstler.
Domens Schwester Nika Prevc prägt parallel dazu aktuell den Frauen-Weltcup. In einer Textnachricht hatte sie ihm von Villach beste Grüße nach Bischofshofen geschickt.
Weit mehr als sein Bruder Peter, der vor genau zehn Jahren den deutschen Rivalen Severin Freund hinter sich ließ, ist Weltrekordhalter Domen ein Risikospringer. "Ein bisschen Kamikaze" nannte Peter die Sprungweise seines jüngeren Bruders einmal. Seit den Materialumstellungen in diesem Sommer ist Prevc der Mann, den es in dem von Großereignissen geprägten Winter zu schlagen gilt.
Hochdekoriertes Duo im Tief
Für die einstigen Weltklasse-Athleten Andreas Wellinger und Karl Geiger geht es aktuell nicht um Medaillen oder Siege - sondern um einen Verbleib im deutschen Weltcup-Team. Weder Wellinger noch Geiger konnten bei der Tournee überzeugen. "Aktuell haben wir zu viele, die vor dem zweiten Durchgang ausscheiden. Das ist die nüchterne Realität", beschrieb Wellinger. Er selbst zählte bei allen vier Springen zu dieser Gruppe.
Hinter den starken Hoffmann und Raimund gibt es für Olympia nur zwei weitere Plätze, die Pius Paschke, Wellinger und Geiger unter sich ausmachen dürfte. Das Glück von Wellinger (30 Jahre) und Geiger (32) ist, dass sich derzeit keine Talente aufdrängen, ihnen diese Plätze in den kommenden Wochen streitig zu machen.