Das deutsche Eishockey hat nach 2022 wieder einen Stanley-Cup-Champion: Heute wie damals (mit Colorado Avalanche) heißt er Nico Sturm. Der 30-jährige Augsburger kam für die Florida Panthers in der Finalserie gegen die Edmonton Oilers nicht mehr zum Einsatz, er verlor seinen Platz in der zweiten Playoff-Runde nach Spiel zwei gegen die Toronto Maple Leafs, als der Titelverteidiger mit dem Rücken zur Wand stand, anschließend aber unaufhaltsam zum Cup stürmte. Sturm wird es egal sein.
Zum Leidwesen von Leon Draisaitl, der es mit seinen Oilers erneut knapp nicht geschafft hat. Wie im Vorjahr gab es dieses eine bessere Team in der NHL, erneut die Panthers. Der Sport kennt leider keine Gnade mit dem Verlierer, und als solche werden vor allem Draisaitl selbst und sein Superstar-Kumpel Connor McDavid sich nach diesem Ende nach 104 Saisonspielen sehen. Besser als die 30 übrigen Teams? Drei tolle Playoff-Runden überstanden? Nichts wert ohne Cup.
Was nützen all die Rekorde?
Was nützen dem 29-Jährigen all seine Rekorde und tollen Leistungen? Vordergründig nichts, solange er den Stanley Cup nicht mindestens einmal gewonnen hat. Draisaitl bekommt die Rocket-Richard-Trophy für den besten Torjäger der Regular Season, er war gemeinsam mit McDavid Topscorer in den Playoffs, hat mit vier Overtime-Toren in einem Playoff-Jahr einen neuen NHL-Rekord aufgestellt. Doch den Cup hat Sturm, der Draisaitl sportlich das Wasser nicht reichen kann. Ungerecht? Nein, Mannschaftssport.
Draisaitl ist jung und nach einer Phase der Enttäuschung motiviert genug, um es erneut zu versuchen. Die Oilers benötigen sicher einen sanften Umbruch, eine moderate Verjüngung, doch ihr Stamm steht, der Salary Cap wird in den kommenden Jahren signifikant steigen, die teuren Verträge von Draisaitl (14 Millionen Dollar pro Jahr) und McDavid nach seiner zu erwartenden Verlängerung dadurch nicht so sehr ins Gewicht fallen wie aktuell. Soll heißen: Draisaitls Team bleibt auf Jahre ein heißer Titel-Anwärter, auch wenn es keine Garantie gibt.
Deutschlands einziger Weltstar
An Draisaitls Stellenwert für das deutsche Eishockey, seinem Status in der NHL ändert der verpasste Cupgewinn nichts. Deutschland hat aktuell in keiner der großen Mannschaftssportarten einen vergleichbaren Weltstar. Nicht im Fußball, Florian Wirtz hin, Jamal Musiala her, nicht im Basketball oder Handball. Andere mögen mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, an die Klasse Draisaitls kommt im Quervergleich niemand heran. Der Einzug in die Hall of Fame nach dem Karriereende ist Draisaitl praktisch sicher, mit oder ohne Stanley Cup. Verdient hätte er diesen längst, keine Frage. Und keiner wird härter daran arbeiten, es doch zu schaffen. Vielleicht schon im kommenden Jahr.