Das einzige Team, das zwei deutsche Fahrer für die "Große Schleife" in Frankreich nominiert hat, ist Intermarché-Wanty. Ansonsten sind die Deutschen bunt verstreut auf alle möglichen Mannschaften. Aus deutscher Sicht sicherlich der größte Wermutstropfen ist das Fehlen von Lennard Kämna. Sein neues Team Lidl-Trek verzichtet auf den starken Kletterer. Doch wer sind die zehn Deutschen und was haben sie drauf? Es könnte nach vielen Jahren mal wieder ein Fahrer für die Top Ten infrage kommen.
Nils Politt (31, UAE Team Emirates - XRG)
Auf Nils Politt wird richtig viel Arbeit zukommen. Er fährt für Kapitän und Topfavorit Tadej Pogacar. Politt kann bei den Klassikern glänzen, weiß sich auf schwierigem Terrain (Kopfsteinpflaster) zu behaupten und ist ein guter Zeitfahrer. So wird der 31-Jährige auf eher flachen und hügeligen Profilen sein Team anführen und das Peloton kontrollieren. Im vergangenen Jahr zeigte er allerdings auch ungewohnte Qualitäten in den Bergen. Politt wird wohl häufig im TV-Bild zu sehen sein, allerdings wird er als Helfer von Pogacar kaum als Etappensieger infrage kommen.
Maximilian Schachmann (31, Soudal Quick-Step, 4. TdF)
Maximilian Schachmann wird in erster Linie als Helfer von Remco Evenepoel gebraucht, der das Podium in Paris anstrebt. Allerdings bewies der 31-Jährige zuletzt schon seine gute Form und gewann das deutsche Meistertrikot im Zeitfahren. Der Allrounder könnte in der einen oder anderen Ausreißergruppe eine Rolle spielen und ist mit seiner Erfahrung für eine Überraschung gut.
Phil Bauhaus (30, Bahrain-Victorious, 3. TdF)
Wo sind eigentlich die deutschen Sprinter in der Tradition von Erik Zabel, André Greipel oder Marcel Kittel? Phil Bauhaus könnte die Antwort sein, wenn es im Finale schnell wird. Sein Team setzt große Hoffnungen in Bauhaus. Bei seiner dritten Teilnahme soll es diesmal mehr als nur ein Platz auf dem Podium sein, das der 30-Jährige schon viermal erreicht hat. Fürs Finale stellt ihm sein Team mit Fred Wright und Robert Stannard sogar zwei Helfer zur Seite. Das könnte also vor allem bei den ersten Etappen etwas werden. Allerdings ist er in diesem Jahr noch ohne Erfolg.
Pascal Ackermann (31, Israel-Premier Tech, 2. TdF)
Israel-Premier Tech hat sich bei der Tour auf die Fahne geschrieben, auf Etappenjagd zu gehen, da die Gesamtwertung für die Equipe keine Rolle spielen wird. So wird auch Ackermann als schneller Sprinter ins Rennen geschickt. Die Motivation für den 31-Jährigen ist hoch, denn er möchte unbedingt den Grand-Tour-Hattrick, nachdem er beim Giro (3) und der Vuelta (2) bereits Tageserfolge feiern konnte.
Marius Mayrhofer (24, Tudor Pro Cycling Team, 1. TdF)
Das Tudor Pro Cycling Team geht mit Wild Card und Tourdebütant Marius Mayrhofer an den Start. Neben Kapitän Julian Alaphilippe dürfte auch Mayrhofer als guter Allrounder bei den mittelschweren Etappen seine Chance bekommen, wird sich aber im hektischen Treiben bei der Tour erstmal zurechtfinden müssen. So hat der jüngste Deutsche allenfalls Außenseiterchancen auf der Jagd nach einem Etappenerfolg.
Niklas Märkl (26, Team Picnic PostNL, 1. TdF)
Außenseiter ist auch das Stichwort für Niklas Märkl, der ebenfalls zum ersten Mal bei der Tour dabei ist. Der 26-Jährige wusste schon beim Giro in diesem Jahr als Helfer zu überzeugen und wird diese Rolle auch in Frankreich innehaben. John Degenkolb wurde nach einem schweren Sturz vom Team nicht berücksichtigt.
Georg Zimmermann (27, Intermarché-Wanty, 5. TdF)
Kapitän des Teams ist Biniam Girmay, der Eritreer gewann im vergangenen Jahr als erster Afrikaner das Grüne Trikot. Daneben hat Intermarché-Wanty mit Zimmermann aber eine erstklassige Option, um auf schwierigem Terrain auf Etappenjagd zu gehen. Der 27-Jährige verpasste 2023 als Zweiter in Issoire nur denkbar knapp seinen ersten Erfolg auf der Tour. Er befindet sich in absoluter Topform, gewann im April beim Giro d'Abruzzo sein erstes Etappenrennen und holte sich ganz aktuell im Straßenrennen das Trikot des deutschen Meisters. "Ich freue mich riesig, das größte Radrennen im schönsten Trikot zu fahren", sagte der 27-Jährige mit breitem Grinsen: "Das wird eine tolle Erfahrung sein." Das Trikot mit der deutschen Fahne wird er sicherlich nicht nur spazieren fahren wollen.
Jonas Rutsch (27, Intermarché-Wanty, 3. TdF)
Ganz so stark wie sein Teamkollege ist Jonas Rutsch nicht einzuschätzen. Allerdings wird er sicherlich bei einigen Ausreißergruppen eine Rolle spielen können. Bei Paris-Roubaix ließ er mit einem starken sechsten Platz aufhorchen. Das Potenzial für eine Überraschung hat Rutsch jedenfalls an Bord.
Emanuel Buchmann (32, Cofidis, 7. TdF)
Buchmann ist mittlerweile 32 Jahre alt und sein vierter Platz in der Gesamtwertung der Tour ist sechs Jahre her (2019). Was hat er nach dem Teamwechsel also noch drauf? Darüber ist sich der Kletterer offenbar selbst nicht ganz im Klaren. Er wolle die ersten rund zehn Tage abwarten, wie das Rennen verläuft und dann entscheiden, ob er auf Etappenjagd geht oder vielleicht eine Topplatzierung in der Gesamtwertung anvisiert. Buchmann ist also die große Wundertüte mit dem Potenzial, positiv wie negativ zu überraschen. Bei der Dauphiné reichte es immerhin in der Gesamtwertung zu Platz elf.
Florian Lipowitz (24, Red Bull-Bora-hansgrohe, 1. TdF)
Die Sehnsucht in Deutschland nach einem Fahrer, der fürs Gesamtklassement bei einer Grand Tour infrage kommt, könnte ohne Zweifel Lipowitz stillen. Red Bull-Bora-Hansgrohe geht zwar mit Kapitän Primoz Roglic ins Rennen, allerdings wird Debütant Lipowitz wohl nicht als Helfer abgestellt, sondern soll an der Seite des Slowenen agieren. Bei der Dauphiné wurde er hinter den Topstars Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard Dritter - Doppel-Olympiasieger Remco Evenpoel landete schon hinter dem 24-Jährigen. Aber reicht der Tank des ehemaligen Biathleten für drei Wochen auf höchstem Niveau?