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Olympiasieger Kukuk im Interview: "Der Parcours ist unser Gegner"

kicker

Riesenbeck im Tecklenburger Land. In dieser 6500-Seelen-Gemeinde schlägt kräftig und laut eine Herzkammer des deutschen Reitsports. Ludger Beerbaums international erfolgreicher Turnierstall "Beerbaum Stables" hat hier sein Zuhause, hier wird Springreiter-Weltklasse auf zwei und vier Beinen ausgebildet. Christian Kukuk empfängt kicker-Redakteur Frank Lußem in diesem Ambiente, in dem alles von den Pferden bestimmt wird. Eine Unterhaltung, die unter der Bronze-Statue von Ratina Z, dem legendären Sieg-Pferd von Ludger Beerbaum und Oma von Checker 47, endet.

Ihr Chef Ludger Beerbaum bezeichnet Aachen mit dem "Weltfest des Pferdesports" als Mekka des Reitsports. Stimmen Sie ihm zu, Herr Kukuk?

Ganz klare Antwort: Man freut sich unheimlich auf Aachen, und die Woche davor ist keine Woche wie jede andere. Wobei ich gestehen muss, dass es schon viel früher losgeht und Aachen durch meinen Kopf geistert.

Woran denkt man da?

Was ist der beste Plan? Wie bereite ich mich mit meinen Pferden am besten vor? Wir arbeiten langfristig. Aber je näher die Veranstaltung dann kommt, umso mehr kribbelt es.

Abgesehen von den großen Championaten: Wie nahe kommt ein Sieg in Aachen einem Olympiasieg?

Olympia, da brauchen wir nicht drüber reden, ist mit Abstand das Nonplusultra. Und die drei großen Championate Welt- und Europameisterschaft sowie das Weltcup-Finale, das sind besondere Wettbewerbe, besondere Titel. Aber der Große Preis von Aachen kommt dem nahe, fast auf Augenhöhe. Das ist definitiv so. Fragt man einen Reiter oder eine Reiterin, speziell deutsche Kollegen, nach einem Traum, dann ist das eine Goldmedaille auf einem Championat. Olympia ist da ganz weit vorne. Aber der "Große Preis von Aachen" wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt.

Sie sind bekennender Fußball-Fan. Auch in diesem Sport gibt es Kultstätten. Wembley zum Beispiel oder Maracana. Ist Aachen ein deutsches Wembley der Reiterei?

Auf jeden Fall, definitiv. Das Nonplusultra in unserem Sport.

Macht es allein die Menge der Menschen in der Aachener Soers aus, die ungewöhnlich ist für eine Reitsport-Veranstaltung?

Es macht sicherlich zu einem großen Teil die Menge aus. Schon allein, weil es kein anderes Turnier gibt mit 45.000 Zuschauern - an einem Tag! Nur die Menge aber ist es nicht. Es ist auch die Tatsache, dass eine Menge Fachpublikum unterwegs ist. Und dass wir fast eine ganze Woche da sind, das ist auch ungewöhnlich. Ganz zu schweigen von den Highlights. Natürlich steht der Große Preis über allem. Aber es gibt auch den "Preis der Nationen", den "Preis von Nordrhein-Westfalen", den "Preis von Europa". Innerhalb einer Woche gibt es vier prestigeträchtige Wettbewerbe, alles Fünf-Sterne-Prüfungen. Das ist sportlich der ganz besondere Reiz.

Immer wieder flackert die Hoffnung auf, Olympische Spiele in Deutschland zu veranstalten, auch Nordrhein-Westfalen zeigt sich da …

Geil!

Mit den Reiterspielen in Aachen …

Da gibt es keine Diskussionen. Das muss in Aachen stattfinden. Das wäre absolut unschlagbar und der Traum jedes Reitsportlers.

Sie haben Einzel-Gold bei den Olympischen Spielen in Paris gewonnen. Und vermitteln heute, knapp ein Jahr später, in Interviews den Eindruck, als würden Sie nicht mehr so gerne darüber sprechen, dass gerade dieser Sieg etwas in Ihnen ausgelöst hat. Täuscht das?

Ich bin jemand, der gerne in der Gegenwart und in der Zukunft lebt und nicht so gerne in der Vergangenheit. Was aber nicht bedeutet, dass ich diesen Olympia-Titel nicht genießen kann. Ich bin unfassbar stolz auf das, was ich in Paris geschafft habe. Und ich zehre immer noch von diesem Tag. Aber mein Anspruch an mich lautet: Das soll es nicht gewesen sein. Und ich möchte nicht nur an diesem Sieg gemessen werden. Ich bin 35 Jahre alt und habe noch viele Dinge zu erleben und zu erreichen. Mein Kopf ist nach vorne gerichtet. Auch mit dem Gedanken, wie ich im Idealfall noch mal Olympiasieger werde.

Was bislang im Einzelwettbewerb beim Springreiten nur dem Franzosen Pierre d’Oriola gelungen ist …

Genau. Da ist so viel in der Zukunft, das ich jetzt schon im Kopf und im Blick haben muss. Wenn ich nur immer noch zwei Jahre lang in dem Moment Paris, 6. August 2024 leben würde, das bringt mich nicht nach vorne.

Trotzdem noch einmal zurück nach Paris. Sie erklärten Ihren Sieg mit Checker 47 damals, wie ein Fußballtrainer seinen Matchplan erklärt. Als Laie sieht man ja nur Reiter und Pferd, die ein Hindernis angehen und im Idealfall überspringen. Arbeiten Sie sich eine Taktik aus?

Natürlich. Der Parcours ist unser Gegner. Und jeder Reiter, der den Parcours abgeht, legt sich seinen Plan zurecht. Das kann man auch Taktik nennen. Das ist ähnlich wie im Fußball, da geht ja auch keiner blauäugig ins Spiel und schaut erst einmal, was passiert.

„Mich haben die Bayern immer fasziniert, dieser Verein, der Mythos.“ (Christian Kukuk)

Mit welchen Pferden treten Sie in Aachen an?

Mit Checker, Cepano Baloubet, Chageorge und einem jungen Pferd, der achtjährigen Viki van Gogh. Also drei Pferde für die Hauptspringen und eines für das Nachwuchsspringen.

Wie geht es Checker?

Gut, sehr gut. Er ist motiviert, gut drauf.

Wer von den interessierten Laien über Checker spricht, landet schnell bei Thomas Müller. Er verbindet Reitsport und Fußball. Und Sie sind Bayern-Fan durch und durch, richtig?

Von Kind an.

Immer die Bayern?

Ja, nur die Bayern.

Ein Erfolgsfan also?

Das ist immer der erste Spruch, den man zu hören bekommt. Aber mich haben die Bayern immer fasziniert, dieser Verein, der Mythos. Und je älter ich wurde, desto mehr festigte sich diese Identifikation mit dem Klub. Dass sich dann diese Sache mit Thomas ergeben hat, war Zufall, aber eine coole Geschichte. Es ist schade, dass er geht, und ich glaube, es gibt keinen, der deswegen nicht traurig ist.

Verbindet Sie eine Sportler-Freundschaft mit ihm?

Ja, auf jeden Fall. Das bedeutet nicht, dass wir jede Woche in Kontakt stehen. Aber wenn für Checker ein Highlight ansteht oder ich zu einem Spiel komme, dann sind wir immer in Kontakt.

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Das kam über Hermann Gerland, den ehemaligen Co-Trainer der Bayern, der sich ja schon viele Jahre mit Pferden beschäftigt und selbst auch einen Reiterhof hat. Thomas kam über seine Frau Lisa zum Pferdsport, aber eigentlich zu den Dressurreitern. Und irgendwann hatten sie ein Pferd, von dem sie merkten, dass es besser springt, als dass es die Dressur beherrschte. Also brauchten sie einen Springreiter. Thomas sprach mit Hermann, der wiederum Ludger Beerbaum kannte und den Kontakt vermittelte. So kam das Pferd hierhin nach Riesenbeck und ich war der derjenige, der das Pferd reiten sollte. So ist das alles entstanden.

Das war aber noch nicht Checker?

Richtig. Aber dieses Pferd war der Beginn unserer Freundschaft, Thomas' Interesse am Springreiten wuchs. Er wurde neugierig. Die Veranstaltungen faszinierten ihn, er suchte eine Gelegenheit mitzumischen. Dann kam Checker zu uns, wir machten ihn darauf aufmerksam, dass da ein Pferd für die Champions League heranwuchs. Und er kaufte die Hälfte. Dafür bin ich ihm und Madeleine Winter-Schulze, der zweiten Anteilseignerin, ewig dankbar. Weil Checker so in Riesenbeck bleiben konnte.

Bei Checker und Ihnen war es Liebe auf den ersten Blick, oder?

Absolut. Da hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass da etwas Besonderes zwischen uns ist. Nach einer Dreiviertelstunde sagte ich zu Ludger Beerbaum: Den müssen wir kaufen.

Ihr Lieblingsverein wird gefühlt jede Saison Deutscher Meister. Warum gibt es diese Vorherrschaft eines Reiters beim Springreiten nicht?

Wir haben eine unfassbare Dichte an Weltklassereitern, die in den vergangenen Jahren noch einmal gewachsen ist. In Paris hatten wir 30 Starter im Finale, ohne Probleme hätten 20 von ihnen die Goldmedaille holen können. Bei uns gibt es jeden Tag ein neues Spiel. Und jeder kann gewinnen. Das macht auch die Faszination dieses Sports aus. Bei uns sagt die Weltrangliste einiges darüber aus, wer konstant in der Spitze reitet. (Kukuk ist aktuell 4. der Weltrangliste, Anm. d. Red.) Und wir sind nicht allein unterwegs. Wir haben einen Partner unter uns, auf den es genauso ankommt. Am Ende ist entscheidend, dass Reiter und Pferd die beste Performance abliefern können. Und dieser Idealzustand ist nicht jede Woche zu schaffen. Und dann gewinnt ein anderes Paar, das eben einen Tick besser ist.

„Man muss nicht befreundet sein. Das ist wie beim Fußball.“ (Christian Kukuk)

Warum ist das Teamspringen ein komplett anderer Wettbewerb?

Theoretisch ist die Herangehensweise identisch. Ich bin mit meinem Pferd unterwegs und will den Parcours, unseren Gegner, bezwingen und eine Null-Runde machen. Für das Endergebnis aber kommt hinzu, dass da noch drei andere Paare unterwegs sind. Da geht es auch um den Team-Spirit, darum, ob der eine Unterstützung braucht, die der andere vielleicht gar nicht möchte.

Wenn der Bundestrainer einen nicht nominiert, ist man dann sauer?

Klar, auf jeden Fall. Das ist in jedem Sport so. Dann ist man schon angefressen.

Der Team-Wettbewerb zählt also auch für jeden einzelnen Reiter viel?

Natürlich. Wenn ich auf ein Championat fahre, dann gibt es für mich nicht die Herangehensweise, dass der Einzel-Wettbewerb wichtiger sei als das Mannschaftsspringen. Das gehört beides zusammen. Wir fahren gemeinsam zum Championat und wir wollen gemeinsam erfolgreich sein. Dafür muss man nicht unbedingt immer gut befreundet sein, das ist nicht anders als beim Fußball. Aber man hat dasselbe Ziel und versucht, jedem das Umfeld zu bieten, in dem er die bestmögliche Leistung abrufen kann.

Zwei Schlussfragen: Wer wird Deutscher Meister in der kommenden Saison?

Bayern München.

Wer gewinnt in Aachen?

Am liebsten Christian Kukuk!