Einem wurden gerade ordentlich die Grenzen aufgezeigt, nun muss frischer Fokus her: Ellenbogen auf die Schenkel und Oberkörper nach vorne - für viele Gamer ein Erfolgsrezept. Die verringerte Entfernung zum Bildschirm scheint zu helfen. Auch bei eSportlern, die oft aber in ganz andere Sphären vorstoßen.
FC-Weltmeister Anders Vejrgang etwa: Beim Leipziger ist immer wieder zu beobachten, wie sein Gesicht nur noch Zentimeter vom Monitor entfernt ist. Gerade dann, wenn es auf dem virtuellen Rasen so richtig ernst wird. Doch warum rücken der Däne und viele andere eSportler so nah ans Pixel-Geschehen?
"Keine Vorteile": 'Dr. Erhanos' Selbsttest
Diese Frage kam jüngst im Twitch-Chat des kicker eSport Talks "Gesund zocken" in Kooperation mit der BERGISCHEN KRANKENKASSE auf. Dort wurden in illustrer Expertenrunde gesundheitliche Risiken und Maßnahmen rund ums Gaming besprochen sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorgestellt.
Ex-FIFA-eSportler Erhan 'Dr. Erhano' Kayman ergriff als Erster das Wort - konnte es sich aber nicht erklären: "Ich habe das selbst mal getestet und keine Vorteile gemerkt. Im Gegenteil: Du musst ja das ganze Spielfeld im Blick haben. Daher war es für mich ein klarer Nachteil. Ich konnte so nicht spielen."
Auch für Markus Soffner, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sportmedizin der Bergischen Universität Wuppertal, ergibt die Praxis in FC 25 wenig Sinn. Bei Shootern hingegen könne er sich "vorstellen, dass das helfen kann. Schließlich kann da auch die kleinste Bewegung auf dem Bildschirm wichtig sein."
„Wenn ich näher am Bildschirm dran bin, ist die Peripherie ja auch näher dran.“ (Michael Strohmaier, Head of eSports der BERGISCHEN KRANKENKASSE)
Michael Strohmaier, Head of eSports der BERGISCHEN KRANKENKASSE, wiederum fand einen Ansatz: "Wenn ich näher am Bildschirm dran bin, ist die Peripherie ja auch näher dran. Alles, was ich im Augenwinkel sehe, wird größer. So habe ich eine bessere Chance, die Dinge auch wahrzunehmen."
Deswegen würden eSportler ihm zufolge auch nicht auf großen Bildschirmen spielen - sondern auf kleinen Monitoren. "Weil alles kompakter direkt vor ihren Augen ist", erklärt Strohmaier. Trotzdem sei das aus einer Sicht "typabhängig und sicherlich Gewöhnungssache".
Besonders für Leute mit ADHS-Tendenz?
Eine weitere Theorie stellte Host Marius Lauer auf: "Hilfreich könnte es auch für Leute sein, die vielleicht in Richtung ADHS tendieren. Die konzentrieren sich auf viele Sachen, auf die sie sich gar nicht konzentrieren wollen. Dabei wollen sie sich eigentlich nur auf das Sichtzentrum fokussieren."
Als Beispiel für einen Extremfall führte Lauer den ehemaligen Rainbox-Six-Spieler Eugene 'karzheka' Petrishin an. Der Este war zu seiner aktiven Zeit dafür bekannt, den Bildschirm teils sogar mit der Nasenspitze zu berühren und den Blick meist nach unten gerichtet zu haben.
Soffner empfiehlt den Blick in die Ferne
Beim einem war sich die Runde einig: Gesund ist es auf Dauer nicht, so nah am Monitor zu sitzen. Die abgestrahlte Wärme würde die Netzhaut austrocknen, die Muskeln zur Bewegung der Augen würden enorm beansprucht. Außerdem gehe diese Praxis oft mit einem überstreckten Nacken einher.
"Für die Gesundheit wäre es definitiv besser, weiter vom Bildschirm entfernt zu sein", fasste Soffner zusammen. Es gebe aber Maßnahmen, die für Ausgleich dieser Belastungen sorgen können.
"In den Pausen zwischen den Spielen mal länger in die Ferne zu blicken", täte dem Doktoranden zufolge gut. Darüber hinaus riet Soffner zu ausgedehnten Spaziergängen, sobald ein Turniertag vorbei ist - und einer Umgebung mit etwas "entspannterer" Beleuchtung.
Hilfreiche Übungen im Video
Profis wie Vejrgang hätten zudem umfassende Sportprogramme in ihren Tagesplänen. Sie könnten sich nackenstrapazierende Haltungen noch eher leisten als der Gamer zu Hause. Damit Nacken und Rücken entlastet werden, zeigen die Experten hilfreiche Übungen im Stream. Scrollt im Video dafür bis ans Ende: