Im Zielraum, wo kurz zuvor noch Partystimmung herrschte, herrschte plötzlich gespenstische Stille. Vonn griff sich sofort ans linke Knie - jenes, an dem sie sich vor wenigen Wochen in Crans-Montana das Kreuzband gerissen hatte. Minutenlang blieb sie regungslos auf der Piste liegen. Für die Zuschauer und Betreuer, darunter auch das US-Team und Fans aus aller Welt, war schnell klar: Dies könnte das bittere Ende einer grossartigen Karriere sein. Das Rennen wurde für rund 15 Minuten unterbrochen, bevor die Olympiasiegerin von 2010 mit einem Helikopter abtransportiert wurde.
Familie von Vonn sah den Sturz live vor Ort
Die Familie der Ausnahmeathletin war vor Ort und erlebte den schlimmen Moment hautnah. Schwester Karin Kildow zeigte sich gegenüber NBC tief betroffen: "Das war definitiv das Letzte, was wir sehen wollten. In so einem Moment hofft man einfach nur, dass sie okay ist." Auch Vater Alan Kildow sprach später zur Sportschau: "Es bricht mir das Herz. Sie ist so eine starke Kämpferin. Sie hat alles gegeben, was sie hatte." Trotz des Schocks versuchte er, Zuversicht zu vermitteln. "Ich könnte nicht stolzer sein auf sie. Sie hat sich schon oft von schweren Verletzungen erholt."
Die medizinische Versorgung für Vonn, die bereits mit einer Teilprothese im rechten Knie und einem gerissenen Kreuzband im linken gestartet war, sei hervorragend, versicherte ihre Schwester. "Sie hat alle ihre Chirurgen und ihr Team hier", sagte sie. Mittlerweile wurde offiziell bestätigt, dass sich Vonn einen Bruch im Unterschenkel zugezogen hat und dieser auch bereits operativ behandelt worden ist, um den Bruch zu stabilisieren. Dies gab die Direktion des Ca' Foncello-Spitals gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur ANSA bekannt.
Neureuther konnte die Schreie nicht ertragen
Der dramatische Unfall schlug auch bei der Live-Übertragung hohe Wellen. Der deutsche Ski-Star Felix Neureuther, Kommentator im ZDF, zeigte sich sichtlich aufgebracht, als Vonns Schreie im Stream zu hören waren. "Bitte den Ton weg", forderte er. "Ich nehme den Kopfhörer jetzt runter. Das ist unerträglich." Später fügte er hinzu: "Ich weiss gar nicht, wie ich jetzt wieder normal auf das Rennen gehen soll. Das schaffe ich jetzt nicht." Neureuther kennt Vonn seit ihrer Jugendzeit, die beiden wurden 1984 geboren.
Die Anteilnahme war gross. FIS-Präsident Johan Eliasch bezeichnete den Sturz im Gespräch mit OE24 als "Tragödie". Er bedankte sich gleichzeitig bei Vonn für ihren unermüdlichen Einsatz: "Im Namen der FIS will ich mich bei Lindsey Vonn bedanken, dass sie ihr Comeback noch einmal versucht hat."
Vonn hatte trotz schwerer Verletzungen und eines künstlichen Knies alles daran gesetzt, bei den Olympischen Spielen noch einmal zu starten. Wenige Tage vor dem Rennen hatte sie im Gespräch mit Blick gesagt: "Ich weiss, meine Chancen sind nicht mehr so hoch wie früher, aber solange es eine Chance gibt, werde ich es versuchen. Ich mache alles, was in meiner Kraft steht."
Das Schicksal hatte jedoch andere Pläne. Der Traum von einem letzten Triumph ging nicht in Erfüllung, und die Karriere einer der grössten Skifahrerinnen endet ohne das erhoffte Happy End.