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Lutz Pfannenstiels Kolumne: Wie Thibaut Courtois fast in Hoffenheim gelandet wäre

ONLY GERMANY Thibaut Courtois Real Madrid 2020 Imago Images

KOLUMNE

Im Sommer 2011 ergab sich eine merkwürdige Situation auf dem Torhütermarkt. Ich arbeitete als Leiter Internationale Beziehungen und Scouting für die TSG Hoffenheim, als zwei der größten Talente Europas in derselben Akademie spielten und trainierten. Koen Casteels und Thibaut Courtois entwickelten sich gerade in der vorzüglichen Torhüterschule des KRC Genk zu heißbegehrten Spielern – und Ernst Tanner hatte das als hervorragender Sportdirektor natürlich auf dem Schirm.

Wir waren damals sehr schnell dran und hatten vor allem Courtois schon 2010 im Blick. Es gab intensive Gespräche und alles lief auf einen Transfer hinaus - bis dann etwas dazwischen kam: Die Eltern des Spielers wollten unbedingt, dass ihr Sohn erst seinen Schulabschluss macht. Vorher sollte es keinen Wechsel geben. Allerdings hatte der Junge zu diesem Zeitpunkt einige Probleme in der Schule und drohte sitzen zu bleiben, weshalb der Transfer platzte. 

Also bemühten wir uns um Casteels und holten ihn im Sommer 2011 nach Hoffenheim. Wir hatten damals in Zsolt Petry, der mittlerweile bei der Hertha arbeitet, einen starken Torwarttrainer für diese junge Generation an Keepern, die beidfüßig stark sind, die das moderne Torhüterspiel verkörpern. Das passte perfekt. Die große Herausforderung bei Koen war aber, dass er so introvertiert und schüchtern war. Da musste Zsolt in Sachen Spannung und Körpersprache echt viel investieren. Koen musste einfach noch mehr aus sich herauskommen, auch im Teamgefüge mal dominant und als Chef auftreten, ganz im Gegensatz zu seinem eigentlichen Charakter. Das musste er einfach noch lernen.

Wir haben das über die Jahre wohl ganz gut hinbekommen und trotzdem stehst du irgendwann wie immer vor der entscheidenden Frage: Packt der Spieler hier im Klub noch den Sprung oder muss er wechseln? Wir haben uns dann dafür entscheiden, ihn nach Wolfsburg abzugeben, weil in Oliver Baumann eine bereits sehr stabile Alternative verpflichtet wurde. In Wolfsburg konnte sich Koen nicht sofort durchsetzen, die Leihe nach Bremen erwies sich aber als goldrichtig. Dort konnte er spielen und lernen und kehrte als gestandener Bundesligatorwart nach Wolfsburg zurück. Dass er sich dort sogar zum Kapitän und Führungsspieler entwickelte, ist sensationell, wenn man den zurückhaltenden Belgier in jungen Jahren kannte.

ONLY GERMANY Thibaut Courtois Koen Casteels Belgium

Es gibt ja diesen Satz: "Ein guter Torhüter macht ganz wenig falsch und sehr viel richtig." Das passt als Beschreibung perfekt auf Koen. Sein Spiel ist nicht spektakulär, aber eben nüchtern, sachlich und absolut zuverlässig. Ich finde, er wird in der Bundesliga immer noch unterschätzt, obwohl er sich längst einen Namen erarbeitet hat. Das liegt wohl auch daran, dass er beim und mit dem VfL Wolfsburg immer ein bisschen unter dem Radar fliegt und sich typbedingt nicht immer in den Vordergrund drängelt. Stattdessen verbringt er lieber Zeit zu Hause bei seiner Familie und macht da sein Ding.

In meinem persönlichen Keeper-Ranking der Bundesliga liegt Koen jedenfalls hinter Manuel Neuer in etwa auf einer Stufe mit Peter Gulacsi, aber in meinen Augen noch einen Ticken vor den anderen Top-Torhütern wie Roman Bürki, Yann Sommer und Lukas Hradecky. Ich sag‘s mal so: Müsste ich ein Lehrvideo über Torhütertechniken drehen, wäre immer Koen Casteels mein Hauptdarsteller. Bei ihm sind alle technischen Abläufe perfekt.

Dass sich die Karrieren von Koen Casteels und Thibaut Courtois - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - so unterschiedlich entwickelt haben, liegt aus meiner Sicht an zwei Dingen: An Casteels Introvertiertheit und an der Tatsache, dass er damals nach Hoffenheim ging - und Thibaut Courtois zum FC Chelsea respektive zu Atletico. Das hätte damals auch exakt andersherum laufen können. Und würde Casteels heute bei einem großen Klub spielen, wäre die Wahrnehmung seiner Leistungen auch ähnlich wie bei Courtois.

Im Nachhinein betrachtet hätte sich Casteels wohl auch in Hoffenheim durchsetzen können. Aber damals war die Situation so, dass in Baumann ein gestandener Bundesligatorhüter geholt wurde und sofort starke Leistungen zeigte. Dann greifen Klubs schon mal zur vermeintlich sicheren Variante. Ein ähnliches Problem könnte Hoffenheim übrigens auch schon bald wieder haben - wenn nämlich der ausgeliehene Gregor Kobel zurückkommt. Er hat in Augsburg Bundesliga gespielt, macht derzeit beim VfB Stuttgart einen sehr guten Job.

ONLY GERMANY Lutz Pfannenstiel 2020

Ich möchte nicht in der Haut meines Freundes Alexander Rosen stecken, der in und für Hoffenheim schon bald eine schwierige Entscheidung treffen muss: Baut er auf einen erfahrenen, grundsoliden Baumann, auf den jungen, entwicklungsfähigen Kobel oder lässt er beide um den begehrten Platz zwischen den Pfosten in den Konkurrenzkampf ziehen. Gerade mit dem Wissen um Koen Casteels im Hinterkopf ist das keine einfache Aufgabe.

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  • Freitag: SC Freiburg gegen Borussia Mönchengladbach

  • Sonntag: Werder Bremen gegen VfL Wolfsburg

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