In der Regel läuft der Karrierestart eines Nr.1-Picks sehr standardisiert ab. Nach der Lottery zumindest. Dort regiert der Zufall, danach regiert die Gewissheit: Gerade in den Jahren mit einer klaren Nummer 1 (denken wir an: Flagg, Wemby, LeBron) ist ab diesem Moment klar, wo der Spieler landen wird. Und wo er vorerst auch bleibt.
Seit 1995 gab es lediglich drei Nr.1-Picks, die innerhalb der ersten vier Jahre ihrer Karriere das Team wechselten (Joe Smith, Markelle Fultz und Anthony Bennett). Die allermeisten blieben länger, in der Regel deutlich länger. Was kein Zufall ist; 1995 wurde eine "Rookie Scale" implementiert, die von vornherein festlegt, wie viel ein Rookie gemäß seiner Draft-Position verdient. Es gibt nichts zu verhandeln, keine Ausstiegsklauseln für die Spieler oder ähnliches.
Da die Spieler nach Ablauf dieses Deals Restricted Free Agents werden, haben die Teams auch danach die Kontrolle. Frühestens nach fünf Jahren können die Spieler diese übernehmen, allerdings nur dann, wenn sie ein Qualifying Offer unterschreiben, was mit dem Verzicht auf viele Millionen Dollar einhergeht.
Zumeist dauert es daher eher sieben bis neun Jahre, bis ein Spieler erstmals wirklich frei über seinen Arbeitsplatz entscheiden darf. Wem das alles ein wenig restriktiv klingt? Nun, das ist es. Nahezu nirgendwo sonst würde eine Gewerkschaft solche Bedingungen akzeptieren. Für die Karriere von Chris Webber indes hätten sie die Rettung darstellen können.
Kein Misserfolg, aber …
Nicht, dass seine Karriere oberflächlich - oder finanziell - betrachtet einer Rettung bedürft hätte. Webber, der Nr.1-Pick von 1993, ist ein Hall-of-Famer, erreichte je fünf All-Star- und All-NBA-Teams, wurde einmal Vierter im MVP-Rennen. Er war der Fixpunkt eines ikonischen und immens populären, wenn auch ultimativ nicht titelgekrönten Kings-Teams.
Er verdiente überdies um die 180 Millionen Dollar in seiner Karriere - als er abtrat, machte ihn das zu einem der bis dahin bestbezahlten Spieler der Geschichte (uns ist bewusst, dass Tobias Harris diese Summe später mit nur einem Vertrag bekommen hat; andere Zeiten! Damals waren es nur Shaq, Jordan und Garnett).
Er verabschiedete sich im Jahr 2008 jedoch auch als einer der Spieler, bei denen wohl am häufigsten die allseits beliebte "Was wäre, wenn?"-Frage gestellt werden konnte - und musste. Es lässt sich sogar dafür argumentieren, dass keiner der "großen" Spieler der 90er Jahre eine schiefere Karriere hingelegt hat. Was nicht nur, aber insbesondere mit ihrem Start zu tun hat.
Sure Thing
Als Webber nach zwei Jahren das College verließ, galt er als eins dieser sicheren Dinger. Seine Zeit bei Michigan endete zwar denkbar tragisch - als er 11 Sekunden vor Ende des Finalspiels eine Auszeit nahm, die sein Team nicht mehr hatte, und damit effektiv die Partie verlor -, aber niemand zweifelte an seiner Tauglichkeit für die ganz große Bühne.
Er hatte das ganze Paket: Er war ein schneller, überathletischer, großer Spieler mit gutem Touch, der werfen, passen, denken konnte. Ein Dunker, ein Shotblocker, ein versierter Post-Spieler mit Hakenwurf. Er hatte das Potenzial, die NBA zu revolutionieren, nachdem ihm und der "Fab Five" am College bereits selbiges gelungen war. Es war allen klar, dass er der Nr.1-Pick sein musste.
Unfair schien es obendrein - denn die Lottery spuckte 1993 das gleiche Resultat aus wie im Vorjahr. 1992 hatten die Orlando Magic in Shaquille O’Neal ein Generational Prospect bekommen, das im ersten NBA-Jahr bereits Bäume (und Korbanlagen) ausgerissen hatte. Nun sollte gleich noch eins folgen? Es sollte.
Zunächst auch nach Vorstellung der Magic. Der mobile Webber neben der Dampframme Shaq? Das schien zu passen, erst recht in einer Liga vor dem Dreier-Boom. Bis zum Draft-Tag verfolgten auch die Magic den Plan, beide miteinander zu kombinieren. Tatsächlich draftete Orlando Webber, behielt ihn aber nicht lange.
Her mit dem Motherfucker
"Es war eine kurze Karriere mit Orlando, rund 20 Minuten, aber es lief großartig. Ich ging ungeschlagen", witzelte Webber selbst, nachdem die Magic ihn noch am Draft-Abend für Nr.3-Pick Penny Hardaway und drei zukünftige Erstrundenpicks zu den Golden State Warriors getradet hatten.
C-Webb und Shaq? Es blieb ein Luftschloss, das erste große What-If in Webbers Laufbahn. Was - je nachdem, wen man fragt - an unterschiedlichen Gründen lag. Webber selbst sagte einmal, es habe ihn etwas abgeschreckt, wie sehr die Magic auf Shaq fokussiert waren - "kein Team gehört einer Person", war seine Einschätzung.
Shaq wiederum sagte, er selbst habe sich für Hardaway ausgesprochen. Kurioserweise hatten sich Shaq und Penny beim Dreh für den Film "Blue Chips" kennengelernt, wo Shaq Hardaway zunächst noch für einen Schauspieler hielt, bis dieser sagte, er sei zum kommenden Draft angemeldet. "Ich schnappte mir das Telefon und sagte: 'Ich will diesen Motherfucker an meiner Seite!'", behauptete O’Neal Jahre später.
Orlando-GM Pat Williams hingegen beschrieb den Entscheidungsprozess etwas anders. Hardaway habe am Tag vor dem Draft ein schlichtweg unglaubliches Workout für Orlando hingelegt und ein Team umgestimmt, das eigentlich Webber haben wollte. Wie Hardaway das gelang, wurde nie wirklich ergründet.
Auf Anhieb erfolgreich
Letztendlich spielt es natürlich auch keine Rolle: Die beiden talentiertesten Spieler ihres Jahrgangs (sorry, Shawn Bradley) wechselten noch am Draft-Abend ihre Teamzugehörigkeit. Orlando bekam seinen Lead-Guard, Shaq seinen Nebendarsteller, Golden State einen potenziellen neuen Franchise-Player.
Für Webber schien das zunächst genau das Richtige zu sein. Der Big Man schlug bei den Warriors auf Anhieb ein, war vor Penny Rookie of the Year (17,5 Punkte, 9,1 Rebounds) in einem Team, das 50 Siege holte, obwohl Star-Guard Tim Hardaway das gesamte Jahr verletzungsbedingt verpasste. Das Potenzial dieses Teams schien noch größer zu sein.
Head Coach Don Nelson ließ temporeich und chaotisch spielen, wozu Webber nahezu ideal passte. "Die Dinge, die dieser junge Mann tun kann, sind unglaublich", schwärmte der Coach in dieser Debütsaison. "Er hat unglaubliche Fähigkeiten und die Mentalität eines Veteranen. Und er ist nebenbei ein super Typ." Dieses Gefühl beruhte nicht auf Gegenseitigkeit.
Respekt gehört verdient
Webber war von Anfang an nicht begeistert davon, dass Nelson ihn primär als Center spielen ließ. Und von seinen Umgangsformen ebenso wenig: Nelson, der selbst noch für Red Auerbach in Boston gespielt hatte, sprach Rookies beispielsweise nicht mit ihrem Vornamen an, sondern eben als "Rookie". Respekt mussten sie sich erst einmal verdienen, auch als Nr.1-Pick.
Im Februar 1994 spielte Webber in einer engen Partie gegen Charlotte einen Zirkuspass hinter dem Rücken, der ins Aus segelte. Nelson konnte damit wenig anfangen und stauchte den Rookie für die gesamte Halle sichtbar zusammen. Woraufhin dieser reagierte. "Behandle mich wie einen Mann!", brüllte er den Coach an.
Die Warriors reagierten auf den Zwist kurz vor der nächsten Saison, verpflichteten in Rony Seikaly einen Center, um Webber mehr auf dessen bevorzugte Power-Forward-Position setzen zu können. Die Beziehung zwischen ihm und Nelson war da allerdings schon nicht mehr zu retten.
Per Ultimatum gescheitert
Was uns wieder zur Rookie Scale führt. Bei Webber galt sie noch nicht. 1993 konnten Rookies noch alle erdenklichen Verträge mit ihren Teams aushandeln. Der von Webber sah so aus: 15 (!) Jahre, 74,4 Millionen Dollar. Allerdings mit der Möglichkeit, schon nach einem Jahr aus dem Deal auszusteigen und Restricted Free Agent zu werden …
Genau das drohte er den Warriors nun an, und setzte ihnen ein Ultimatum: Nelson geht, oder ich. Die Warriors entschieden sich für Nelson - was dieser selbst später kritisierte. "Ich hätte derjenige sein sollen, der geht. Behaltet den Star-Spieler und holt einen neuen Trainer, der besser mit ihm umgehen kann", sagte Nelson 2008 zu ESPN.
Tatsächlich räumte er den Posten nach einem 14-31-Start ein halbes Jahr später sogar freiwillig. Den Machtkampf mit Webber "gewann" er jedoch - nachdem dieser zu Beginn der 94/95er Saison streikte, wurde er am 17. November tatsächlich getradet.
Für Tom Gugliotta sowie drei Erstrundenpicks wechselte Webber in einem Sign-and-Trade nach Washington, wo er schnell zum Posterchild eines Jahr für Jahr enttäuschenden Bullets-Teams wurde. Vier Jahre verbrachte Webber in Washington, in denen er oft verletzt war, mit Negativ-Schlagzeilen zu kämpfen hatte und bloß einmal die Playoffs erreichte. Verschenkte Jahre.
Das große Fragezeichen
Es gab noch das positive Kapitel, zum Glück. In Sacramento konnte Webber seine Karriere nicht krönen, aber wenigstens für einige Zeit all seine Fähigkeiten zeigen. Er war jedoch bereits 25, als er richtig durchstartete. Viel Zeit hatte er nicht, 2003 riss er sich im Alter von 29 Jahren das Kreuzband und wurde nie wieder der Alte.
Es ist insofern besonders bitter, wie die ersten fünf Jahre seiner Laufbahn verliefen. Vielleicht hätte Kings-Webber schon in Golden State existieren können; vielleicht hätte Nellie mit ihm, statt wenige Jahre später mit einem gewissen Würzburger, die Liga verändern können, wenn es persönlich besser gepasst hätte. Oder wenn man sich hätte zusammenraufen müssen.
Nur wenige Jahre später wäre das wohl der Fall gewesen, zumindest wäre es deutlich schwieriger gewesen, ein eigentlich so vielversprechendes Experiment aus persönlichen Gründen so frühzeitig abzubrechen. Wie Webbers Karriere dann verlaufen wäre? Natürlich unklar. Die beste Version seiner Laufbahn gab es jedoch ziemlich sicher nicht zu sehen.