Eine Pionier-Rolle als einer der ersten erfolgreichen Europäer, als erster erfolgreicher deutscher Spieler in der NBA. Ein Dasein als zweimaliger bester Bankspieler der Liga, als dreimaliger All-Star, als Sprachrohr für die "Bring Back the Sonics!"-Bewegung in Seattle. Eine "ikonische" Frisur. Ein paar Gastauftritte bei "Parks and Recreation" UND "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten".
Detlef Schrempf verfügt über so einige Merkmale, die ihn überdauern ließen und lassen. Auch wenn er nie zu den Superstars der Liga zählte, wird er universell geschätzt als guter Spieler, als Teil einiger sehr guter Teams, der dreimal die Conference Finals und einmal die Finals erreichte.
Noch während den 2025er Finals war er präsent, als Isaiah Hartenstein auf dem Weg zu einem Spiel ein Schrempf-Trikot trug und er selbst in Indiana vor Ort war. Schrempf ist eine Legende des Spiels, allen voran deshalb, weil er sich als einer der ersten Fremden in einer Liga etablierte, die damals noch alles andere als weltoffen daherkam. Der erste All-Star aus Europa. Das ist sein erster "Claim to Fame" - aber es ist nicht der einzige.
Aus heutiger Perspektive drängt sich der Verdacht auf, dass Schrempf trotz all seiner Auszeichnungen, trotz allem ihm entgegengebrachten Respekt unterschätzt war. Hat "Det the Threat" sogar einen Hall-of-Fame-Case, der über seine bloße Pionier-Rolle hinausgeht?
Einzigartiger als gedacht
Vorweg, die Gegenargumente, die Gründe dafür, warum Schrempf bisher nicht in Springfield verewigt ist (Teil der FIBA Hall of Fame ist er seit 2021) und es kein allzu großes Geschrei deswegen gibt. Schrempf war über seine 16 Jahre in der NBA nie die erste Option seines Teams. Er war kein Teil von MVP-Votings, schaffte es lediglich einmal in ein All-NBA-Team.
Er legte nie 20 Punkte pro Spiel auf, zwei Saisons mit 19+ waren für ihn das Höchste der Gefühle. Seine Counting Stats (13,9 Punkte, 6,2 Rebounds, 3,4 Assists über 1.136 Spiele) werden den geneigten Fan nicht ausrasten lassen. Zumindest nicht auf den ersten Blick.
Vielleicht aber auf den zweiten. In seiner Prime (etwa von 1989 bis 1995, auch wenn er noch mit 36 sehr effektiv war) brachte Schrempf Allrounder-Fähigkeiten mit, die in der Form äußerst selten waren. Die ihm Vergleiche mit Rick Barry und sogar Larry Bird einbrachten, so vermessen das klingen mag.
Beispielhaft legte er in der Saison 1992/93, als er erstmals fast dauerhaft startete, 19,1 Punkte, 9,5 Rebounds und 6 Assists im Schnitt auf. Saisons mit 19, 9 und 6 gab es in der NBA-Historie lediglich 41, von 14 verschiedenen Spielern. Mit Ausnahme von Schrempf, Fat Lever und den noch aktiven Spielern sind diese Spieler allesamt Teil der Springfield Hall of Fame.
Einer von 23
Das ist auch nicht die einzige exklusive Liste, zu der Schrempf gehört. Über seine Karriere häufte er mehr als 15.000 Punkte, 7.000 Rebounds und 3.500 Assists an - wie außer ihm nur 22 andere Spieler, die entweder noch spielen oder Teil der Hall of Fame sind und so etwas wie das Who-is-Who der (überwiegend) großen NBA-Allrounder darstellen.
Die Liste, sortiert nach Win Shares (einer Statistik, die den individuellen Anteil eines Spielers an Sieg oder Niederlage seines Teams zu beschreiben versucht:
*=noch aktiv
Rot=nicht in der Hall of Fame
Natürlich helfen lange Karrieren dabei, Teil einer solchen Liste zu werden, und sie bildet nicht alles ab (wer Michael Jordan vermisst: ihm fehlten gut 300 Rebounds). Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, welchen Status diese Spieler überwiegend hatten, und was es bedeutet, Teil dieses Klubs zu sein.
Zumal man Schrempf mitnichten als reinen Zahlen-Sammler bezeichnen konnte. Dafür war er zu erfolgreich und vor allem auch viel zu effizient unterwegs.
Einer der besten Shooter seiner Zeit
Die oben genannte 92/93er Saison war beeindruckend, aber sie war nicht sein bestes Jahr. Was in erster Linie daran lag, dass in dieser Spielzeit ausnahmsweise sein Dreier nicht fiel (15,4%). In der Regel war das anders, sehr anders. Etwa in seinem aus Advanced-Stats-Perspektive klar besten Jahr, 94/95, seiner zweiten Saison bei den SuperSonics.
Schrempf, der schon zuvor in fast allen Jahren überdurchschnittlich gut von draußen geworfen hatte, steigerte hier erstmals sein Volumen auf über zwei Versuche pro Spiel, wobei die Verkürzung der Dreierlinie im Sommer 1994 geholfen haben dürfte. Er traf absurde 51,4% seiner Versuche.
Nicht, dass Schrempf ein reiner Spezialist gewesen wäre. Das zeichnete sein Spiel ja mehr aus als alles andere: Offensiv konnte er eigentlich alles. Kleinere Spieler aufposten, Hook-Shots nehmen oder am Ring abschließen, aus der Mitteldistanz und von weiter draußen sehr sauber werfen. Für einen Forward elitär passen, nicht zu vergessen.
Er brachte alles mit, um ein Glue Guy Deluxe zu sein, wie in Seattle, wo die Stars des Teams Gary Payton und Shawn Kemp hießen, wo Schrempf aber derjenige war, der das höchste individuelle Offensiv-Rating des Teams und der gesamten Liga auflegte. 127 Punkte pro 100 Ballbesitzen verzeichneten die Sonics 94/95 in seinen Minuten. Für diese Ära ist das ein absurd guter Wert.
Opfer seiner Zeit
Grundsätzlich sticht bei seiner Karriere heraus, wie effizient er im Vergleich zur restlichen NBA war. Seine wohl größte Stärke war der Wurf, dabei wurde diese Stärke Zeit seiner Karriere viel zu wenig genutzt. 94/95 nahm Schrempf, einer der besten Shooter der NBA, auf 100 Ballbesitze gerechnet 3,2 Dreier. Im Folgejahr waren es 4,2, sein Career-High.
Zur Einordnung: Luguentz Dort, der 2019 als absoluter Non-Shooter in die Liga kam, nahm in seinem Rookie-Jahr 6 Dreier pro 100 Ballbesitzen, in der gerade abgelaufenen Saison waren es fast 10. Die Liga hat sich nicht nur in dieser Hinsicht komplett verändert seit Schrempfs Zeiten, es ist sehr davon auszugehen, dass er heute ebenfalls viel (!) häufiger draufhalten würde.
Was es umso beeindruckender macht, wie gut er mit seiner Karriere-Effizienz im All-Time-Vergleich dennoch abschneidet. Sein True-Shooting-Wert (die Quote, die gewichtet Zweier, Dreier und Freiwürfe mit einbezieht) über die Karriere beträgt 58,6%, genau wie bei Shaquille O’Neal.
Vor ihm auf der Liste stehen wiederum bloß 24 Spieler, die überwiegend entweder Dunker oder Stars der modernen Ära waren, die viel stärker vom Dreier profitierten. Schrempf ist ein Ausreißer, einer der wenigen Perimeter-Spieler auf der Liste, die ihren Schaden vor der Jahrtausendwende anrichteten.
Die Liste, sortiert nach True Shooting (Minimum 100 Win Shares):
Kleiner Dip in den Playoffs
Schrempf war kein perfekter Spieler. Defensiv war er bemüht, aber nicht großartig. Er schlug in der NBA nicht sofort ein, brauchte einige Jahre und auch den Trade nach Indiana, um sich richtig durchzusetzen. Es ist unklar, ob er mit größerer Rolle ebenso effizient geblieben wäre. Sicherlich profitierte er davon, dass in der Regel andere Spieler noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zogen.
Schrempf war Teil von vielen guten Teams, die zum Teil aber in den Playoffs nicht ganz so gut aussahen wie in der Regular Season. Indiana gewann erst Playoff-Serien, als er nicht mehr dort spielte. Auch Seattle scheiterte zweimal enttäuschend in der ersten Runde, ehe es 1996 bis in die Finals ging.
Schrempfs individuelle Produktion ging in der Postseason oft ebenfalls ein wenig zurück, auch sein True Shooting war dort etwas niedriger (56,3%), wenngleich unterm Strich immer noch gut für seine Ära. Natürlich ist ein kleiner Rückgang bei diesen Zahlen historisch betrachtet auch keineswegs ungewöhnlich.
Eine Blaupause für die Moderne
Es ist dennoch davon auszugehen, dass Schrempf besser war, als "nur" drei All-Star-Teilnahmen es andeuten. Vereinfacht gesagt lieferte er eine Blaupause für vieles, was nach ihm kam und später für Wings normal(er) wurde. Und: Er hat noch immer eins der 50 besten Karriere-Offensiv-Ratings, obwohl die NBA in dieser Hinsicht über die vergangene Dekade explodiert ist. Selbst ein Hall-of-Fame-Argument ließe sich vor diesem Hintergrund machen.
Was Schrempf dabei schadet, ist die Tatsache, dass sein internationales Resümee weniger eindrucksvoll aussieht als das von Zeitgenossen wie Vlade Divac oder Toni Kukoc, zumal er schon als Schüler in die USA ging und nach 1992 nicht mehr an internationalen Turnieren teilnahm. Den deutschen EM-Sieg 1993 etwa verpasste er damit, was mit dazu beitrug, dass Schrempf in der Heimat zwar nicht vergessen, aber auch nicht direkt verehrt wurde.
Schrempfs NBA-Karriere indes war besser als die von Kukoc, einem vom Profil her ähnlichen Spieler, der nie All-Star wurde und im statistischen Vergleich in fast allen Kategorien den Kürzeren zog. Kukoc gewann drei Titel mit Chicago und zählte zu den erfolgreichsten Internationalen aller Zeiten - seinen Platz in Springfield wollen wir hier gar nicht in Frage stellen.
Es geht nur darum: In der NBA lieferte Schrempf mehr, mit höherem Karriere-Peak, über einen längeren Zeitraum. Den zweiten Repeat hätten die Bulls mit ihm an Kukocs Stelle vermutlich auch holen können.
Gut gealtert
Es kam offensichtlich anders. Schrempf ereilte stattdessen so wie viele andere in den 90ern das Schicksal, seinen besten Basketball ausgerechnet zu einer Zeit zu spielen, in der Michael Jordan sein Unwesen trieb. Vielleicht würde man ihn heute anders bewerten, wenn die Sonics nicht 1996, sondern in einem von MJs Baseball-Jahren ihren Playoff-Durchbruch gefeiert hätten.
Es ist am Ende unerheblich. Denn eins steht fest: Schrempfs Spiel ist gealtert wie ein besonders feiner Tropfen - ein tiefer Blick auf die Zahlen lässt ihn aussehen wie einen der besten und vor allem modernsten Offensivspieler seiner Ära. Er war seiner Zeit voraus, in vielerlei Hinsicht.
Schrempf war nicht nur ein Pionier. Er zählte zur seltenen Spezies von Ex-Spielern, die in der heutigen NBA sogar noch wesentlich besser aussehen würden als in ihrer eigenen. Und das nicht nur aufgrund seines legendären Flat-Tops.
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