"Ich hatte wirklich alles - und habe es einfach weggeworfen"
Fast 20 Jahre lang war Joseph Marquez in Super Smash Bros. auf Weltklasse-Niveau unterwegs. Im Titel von Nintendo gilt 'mang0', so sein Gamertag, als einer der besten eSportler aller Zeiten. In einer 2021 aufgestellten und auf Statistiken basierenden Top 100 der Melee-Profis belegte Marquez den ersten Platz. All seine Erfolge und Errungenschaften halfen ihm nicht. Seine eSport-Karriere ist vorbei.
Der 34-Jährige war schon vor dem 21. Juni 2025 immer wieder durch Eskapaden aufgefallen - mit seinem Alkoholproblem ging er offen um. Doch was er sich beim "Beerio Kart World Cup" im Livestream erlaubte, ging auch seinem Team Cloud9 zu weit. Es waren unangenehme Clips, die in den Tagen darauf auf Social Media die Runde machten. Und das Aus einer einstigen Legende einläuteten.
Alkoholisiert und oberkörperfrei deutete Marquez neben den Köpfen weiblicher Streamerinnen wiederholt sexuelle Handlungen an - sichtlich zum Missfallen der betroffenen Frauen. Cloud9 trennte sich daraufhin nach mehr als zehn Jahren von 'mang0'. Die Organisation berief sich auf ihre "Null-Toleranz-Politik" gegenüber "Belästigung oder anderer Formen unangemessenen Verhaltens".
Marquez selbst räumte sein Fehlverhalten wenig später ein - und haderte mit sich: "Ich kann niemandem außer mir selbst die Schuld dafür geben", schrieb er auf X. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so tief fallen könnte." Der Ex-Profi erkannte an, dass er eine Grenze überschritten hatte. "Ich wünschte, ich wäre besser. Ich hatte wirklich alles - und habe es einfach weggeworfen", schloss sein Statement.
Der Fall 'Bwipo': Von der Sperre zum Musikvideo-Ausschluss
Einen Shitstorm löste wenige Monate später auch der League-of-Legends-Profi Gabriël 'Bwipo' Rau aus. Erneut ging es um Respektlosigkeit gegenüber Frauen: Der Belgier sprach im September 2025 in einem seiner Streams über Herausforderungen für Spielerinnen - und in diesem Zusammenhang über deren monatlichen Zyklus. Einzelne Aussagen stießen auf große Resonanz und führten zu Diskussionen.
Zwar thematisierte 'Bwipo' zunächst auch die seiner Ansicht nach fehlende Unterstützung für Frauen im eSport. Dann legte der Toplaner jedoch unangemessen nach: "Viele Leute, sogar Männer, drehen völlig durch, wenn sie League of Legends spielen. Wenn eine Frau gerade ihre Tage hat, kann sie nicht wettbewerbsfähig spielen." Sein Team FlyQuest reagierte prompt mit einem Statement auf X.
Raus sexistische Kommentare entsprächen nicht den Werten des Teams. Die US-amerikanische Orga schloss ihn vom nächsten Spiel aus. 'Bwipo' selbst entschuldigte sich auf X: "Meine Kommentare waren ignorant und respektlos gegenüber Frauen. Ich möchte mich bei denen entschuldigen, die ich verletzt habe, und bereue es, meine Plattform genutzt zu haben, um Hass und Sexismus zu schüren."
Damit aber noch nicht genug: Riot Games beschloss aufgrund dieses Vorfalls, ihn nicht als Gesicht der nordamerikanischen Region stilisieren zu wollen. Rau wurde aus dem offiziellen Musikvideo zu Worlds 2025 herausgeschnitten - was zur Folge hatte, dass Nordamerika überhaupt nicht vertreten war. Die Fehltritte einer einzelnen Person führten zur fehlenden Sichtbarkeit einer ganzen Region.
Zwangsabstieg nur drei Monate nach dem Split-Coup
Auch in Division 1 der Prime League, der höchsten LoL-Liga der DACH-Region, kam es 2025 zu einem Eklat: CGN Esports wurde nach wiederholten Regelverstößen mit einem Zwangsabstieg bedacht und musste den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Nur wenige Monate, nachdem dem Kölner Team im Debüt-Split noch der Titel-Coup gelungen war. Der Grund waren organisatorische Verfehlungen.
In vier der ersten fünf Partien des Summer Splits habe CGN laut Prime-League-Statement "entweder kein gültiges, ein fehlerhaftes oder nicht beabsichtigtes Roster bei uns eingereicht". Explizite Ermahnungen seitens der Organisatoren sollen nichts gebracht haben. Aus Sicht der Prime League letztlich "ein unschöner, aber unausweichlicher Schritt". CGN hatte eine andere Meinung zum Vorgang.
Muhammed 'Agurin' Kocak, selbst schon des Öfteren durch streitbare Äußerungen und Aktionen aufgefallen, veröffentlichte eine Gegendarstellung. Der Jungler räumte zwar Fehler seines Teams ein, zeigte sich von der Art und Weise der Liga aber "enttäuscht". Vor allem an der Kommunikation der Entscheider störte sich 'Agurin', der gleichzeitig den Ex-Teammanager von CGN kritisierte.
Der Zwangsabstieg, der auch bedeutete, dass die Organisation nicht an den Season Finals sowie den EMEA Masters teilnehmen durfte, sei unverhältnismäßig. Denn das hatte CGN sich in den Splits 1 und 2 des Jahres sportlich verdient - bevor es zu den Regelverstößen gekommen war. "Für uns fühlt sich das mehr nach Gegeneinander als nach Miteinander an", prangerte Kocak in Richtung Prime League an.
Fan-Gewalt in Frankreich - Bis die Polizei anrücken muss
Die Atmosphäre mag bei großen eSport-Turnieren deutlich ruhiger ausfallen als bei Fußballspielen. Dafür kommt es aber auch seltener zu Ausschreitungen. Eine Ausnahme ereignete sich im April 2025 in Frankreich: Bei einem Valorant-Event gerieten rivalisierende Fanlager aneinander - bis sogar die Polizei anrücken musste. Ein Gewaltexzess, den es im eSport so bislang kaum gegeben hatte.
Augenzeugen berichteten von Handgreiflichkeiten zwischen Anhängern der französischen eSport-Organisationen DVM und Joblife. Ausgegangen sei die Eskalation von DVM-Fans - darunter wohl auch Ex-Fußballprofi und Influencer Harrison Manzala, der einem filmenden Zuschauer das Handy aus der Hand schlug. Die Vorwürfe wogen schwer: Auf X war von Tränengas- und Schlagring-Einsatz die Rede.
Joblife äußerte sich im Nachklang betroffen, DVM veröffentlichte Videoclips eines Livestreams mit CEO 'Medjalive' und Manzala. In zahlreichen einminütigen Ausschnitten wurde die Botschaft klar: Man sah sich als unschuldig an. Es half wenig: Noch am selben Tag schloss der Veranstalter einen großen Teil der DVM-Fans vom Turnier aus - es folgte die komplette Disqualifikation der Organisation.
Stille Krise und lauter Knall: Die Absage des FM25
Eine der größten Bauchlandungen unter Entwicklern und Publishern legten Sports Interactive und Konami hin. Zu Jahresbeginn hatten die meisten Fans der Football-Manager-Reihe gerade erst verdaut, dass der FM25 nicht wie üblich im Spätherbst 2024 auf den Markt kam, sondern in den Frühling 2025 verschoben wurde. Doch das sollte noch lange nicht das Ende der Geduldsprobe sein.
Monatelang herrschte Funkstille aus London. Die transparente Kommunikation - einst großer Trumpf von Sports Interactive - wurde komplett eingestellt. Als Ende Januar ein angekündigter Termin für erste Gameplay-Eindrücke verstrich, ahnten manche Anhänger schon Böses. Das Lager der Pessimisten wuchs stetig. In der Nacht auf den 7. Februar folgte die Hiobsbotschaft: Game Over für den FM25.
Die Macher stampften das Spiel ein und sorgten damit für eine historische Lücke in der Geschichte des Football Manager. Man sei "zu weit weg von den Standards, die ihr verdient habt", erklärte der Entwickler den wartenden Fans. Die Umstellung auf die Unity Engine brach dem FM25 letztlich das Genick. Sie entpuppte sich als zu große Herausforderung, um den Zeitplan für "die neue Ära" einzuhalten.
Sports Interactive verspielte das Vertrauen unzähliger FM-Liebhaber - und war dafür nicht mal vollends verantwortlich. Dass der Entwickler nicht früher Klartext mit seiner Anhängerschaft sprach, lag vor allem daran, dass Publisher Konami bis zum Quartalsbericht abwarten wollte. Auf Verständnis stieß die neue Öffentlichkeitsstrategie dennoch kaum. Eine spürbare Kerbe im Ansehen des Football Manager.
Was waren für euch die größten Skandale im endenden eSport- und Gaming-Jahr? Und was haltet ihr von unserer Auswahl? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!