Das Internet vergisst nicht. "Du kannst googeln: 2025, deutscher Meister und im selben Jahr noch kicker eFootballer des Jahres."
Wenn Levy Finn Rieck diesen Satz sagt, klingt er nicht nach Großspurigkeit, sondern nach Erlösung. Vor einem Jahr noch "Vize-Finn" genannt, schrieb ihm die eSport-Szene nach drei verlorenen Endspielen binnen weniger Monate einen Final-Fluch zu.
2025 veränderte alles: Im April gewann er seine erste deutsche Einzelmeisterschaft. Ende November wurde er in Frankfurt zum kicker eFootballer des Jahres gekürt. Der ewige Zweite hat sich zum erfolgreichsten FC-eSportler des Landes gewandelt.
Als Bester fühlt er sich trotzdem nicht: "Weil ich weiß, wie schnelllebig alles ist, wie stark andere Spieler sind und dass das innerhalb weniger Wochen wieder kippen kann", erklärt der RBLZ-Profi im Interview mit kicker eSport. Kaum jemand kennt dieses Phänomen so gut wie Rieck.
Die Balotelli-Frage: "Warum immer ich?"
Obwohl er weder an Flüche noch an höhere Mächte glaubt, waren bei all dem knappen Scheitern zwischenzeitlich auch mal Zweifel aufgekommen.
So etwa nach dem verlorenen Finale der Klubmeisterschaft 2024. Rieck war aus Rostock nach Leipzig gewechselt - zum deutschen Branchenprimus mit Titelgarantie. Dem Team, das ihn und Hansa im Jahr zuvor um den Vereinstitel gebracht hatte. "If you can’t beat them, join them", sagt der US-Fan.
Aus dem schnellen Erfolg wurde nichts. Die Leipziger unterlagen im Endspiel vor einem Jahr dem SC Paderborn, Rieck blieb ohne Einsatz. "Ich wechsle also zu den RBLZ, habe gar keinen sportlichen Einfluss darauf - und dennoch verlieren wir", fasst er zusammen. Zum ersten Mal seit drei Jahren konnte Leipzig damals nicht den Titel der VBL Club Championship gewinnen.
Da schlich sie sich für einen kurzen Moment ein, die Balotelli-Frage: "Warum immer ich?" Zumal er in den Wochen darauf auch die Endspiele der deutschen Einzelmeisterschaft und der eChampions League verlor. "Da dachte ich tatsächlich kurz: Hä? Was? Wie kann das sein?", erzählt Rieck.
„Es fühlte sich nicht so richtig danach an, als wären dies auch meine Titel.“ (Levy Finn Rieck über die ersten Teamerfolge mit RBLZ Gaming)
Zwar holte RBLZ Gaming 2024 den DFB-ePokal und im März 2025 dann doch die deutsche Klubmeisterschaft. Dabei nahm Rieck aber unglückliche Rollen ein: Am ePokal-Triumph war er sportlich kaum beteiligt, im Vereinsfinale gegen Bayer Leverkusen verlor er sein Einzel mit 1:6. Zu den Leipziger Matchwinnern und Helden wurden andere.
"Es fühlte sich nicht so richtig danach an, als wären diese Titel auch meine", blickt Rieck zurück. Besonders seine individuelle Pleite gegen Leverkusen hinterließ "einen faden Beigeschmack". Leipzig hatte das Doppel zum Auftakt gewonnen, mit einem weiteren Sieg hätte der FC-eSportler den Sack zugemacht. Und viele Zweifler verstummen lassen.
"Ich hatte eigentlich keinen Druck - und habe trotzdem so eine Packung bekommen. Da fing natürlich auch das Gerede wieder an", erinnert er sich. "Zu diesem Zeitpunkt wussten zwar alle, wie stark ich bin. 95 Prozent der Leute hatten allerdings auch gesagt: 'Der ist wirklich sehr gut, aber Titel kann der nicht. Es reicht nicht, um zu den absoluten Top-Leuten zu gehören.'"
Dennoch verliere er lieber "individuell und gewinne im Kollektiv, als selbst zu gewinnen, aber das Finale im Team letztlich zu verlieren". Diesen Schritt sei er "allen anderen, die diese Titel bis jetzt noch nicht gewonnen haben, voraus".
Es gäbe immer wieder Stimmen, die behaupten, sie würden diese Teamtriumphe auch feiern - würden sie in Leipzig spielen. "Diese Leute sind aber nicht bei den RBLZ, sondern ich. Und das aus guten Gründen. Ich bin ein Teil des Teams. Und ich bin anerkannt hier", stellt 'levyfinn' klar.
„Deswegen sehe ich das manchmal weniger als Job, sondern eher als großes Abenteuer.“ (Levy Finn Rieck über seine eSport-Karriere)
Dass die Schnelllebigkeit des eSports auch zum Vorteil werden kann, bewies er fünf Wochen später. Rieck spielte um den Einzeltitel - und trotzte allen Widerständen. Er löste in den schwierigen Play-offs unter 128 Teilnehmern eines von nur zwölf Tickets ins VBL Grand Final.
Dort prüfte ihn der Turnierbaum gegen den früheren Meister Antonio Radelja, Shootingstar Nassim Dahman und Bayern-Profi Koray Kücükgünar. Große Spieler werden an großen Aufgaben gemessen. Rieck erledigte sie mit höchster Konzentration - und dem nötigen Quäntchen Glück. Im Elfmeter-Thriller gegen Kücükgünar fiel die Entscheidung erst nach 36 Strafstößen.
"Ich bin kein aufgeregter Typ. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen", erklärt Rieck seine Gelassenheit. Und das Mindset dahinter: "Relativ früh habe ich von meinen Eltern mitbekommen, dass ich das, was ich hier tue, einfach genießen soll. Weil ich so unfassbar privilegiert bin gegenüber vielen anderen Leuten. Deswegen sehe ich das manchmal weniger als Job, sondern eher als großes Abenteuer."
Defensives Meisterstück gegen den Weltmeister
Einen der stärksten deutschen eFootballer durch Elfmeter-Wahnsinn geschlagen - um dann wieder Außenseiter zu sein. Im Endspiel wartete Anders Vejrgang, amtierender Welt- und Europameister. Der Däne hatte im Halbfinale Titelverteidiger Jonas Wirth mit 7:2 abgeschossen. 40 Tore waren ihm im VBL Grand Final bis dato gelungen - in sieben Partien. Eine Naturgewalt am Controller.
Davon war im Finale nichts zu sehen: Mit der besten Defensivleistung der Saison hielt Rieck seinen damaligen RBLZ-Teamkollegen bei nur einem Treffer. Er selbst nutzte seine Chancen effizient, traf zweimal und feierte den ersehnten großen Einzeltitel. Der erste, der ganz seiner war. Und sich diesmal auch richtig danach anfühlte.
„Gesagt habe ich ihm nichts. Weil ich weiß, dass da Worte nichts bringen.“ (Levy Finn Rieck über den Elfmeter-Wahnsinn im Halbfinale)
Ausschließlich für seine sportlichen Errungenschaften hat Rieck die Auszeichnung als kicker eFootballer des Jahres aber nicht erhalten. Der Award beinhaltet auch eine charakterliche Komponente - Fairness als Kriterium. Etwas, wodurch der Leipziger schon seit Hansa-Zeiten auffällt. Und etwas, das sich vor allem beim Elfmeterschießen im Halbfinale zeigte.
Statt nach siegreicher Nervenschlacht auch nur kurz die Faust zu ballen, ging Rieck schnurstracks zu seinem Gegner und tröstete ihn: "Gesagt habe ich ihm nichts. Weil ich weiß, dass da Worte nichts bringen. Ich habe mich in dem Augenblick - etwas übertrieben gesagt - einfach schlecht gefühlt. Ich wusste, dass das 50/50 war, hauptsächlich Glück."
Rieck hätte es "anstandslos" gefunden, nach so einem Spiel erst mal zu jubeln: "Ich habe entschieden, ihm nach diesem für ihn schlechten Moment alles zu geben, was ich ihm geben kann. Das sind die Bilder, die dann entstanden sind." Und die Gesten, die mit dafür sorgten, dass er spät im Jahr noch eine weitere Auszeichnung für seine junge Sammlung erhielt.
Dass er zu den besten eSportlern des Landes gehört, das wisse 'levyfinn' schon. Dessen wäre er sich auch ohne Award bewusst gewesen: "Weshalb die Auszeichnung als kicker eFootballer des Jahres weniger eine sportliche, sondern eher eine soziale Bedeutung für mich hat. Weil ich weiß, dass die Leute mich auch aufgrund meines Wesens und meiner Charaktereigenschaften gewählt haben."
„Das Schöne an solchen Titeln ist: Die wird mir nie wieder irgendjemand nehmen.“ (Levy Finn Rieck über seine Triumphe und Trophäen)
Deutscher Meister im Team, deutscher Meister im Einzel - und nun auch kicker eFootballer des Jahres. Ganz schön viele Erfolge für jemanden, den sie einst "Vize-Finn" nannten. Gestört habe ihn dieser Spitzname nie, sagt er. Stattdessen "erfüllt es mich mit Stolz, dass ich immer dran geblieben bin. Ich habe nie den Kopf hängen lassen."
Die Erleichterung ist groß, 2025 endlich mal nicht auf den letzten Metern gescheitert zu sein: "Das Schöne an solchen Titeln ist: Die wird mir nie wieder irgendjemand nehmen. Sie sind für immer." Denn das Internet vergisst ja nicht.
Die Schale vom gewonnenen VBL Grand Final habe er bei sich zu Hause. "Mit meinem Namen darauf", berichtet Rieck: "Die Trophäe als kicker eFootballer des Jahres stelle ich daneben. Das wird nie vergehen." Ein Jahr für die Ewigkeit.